Vorsichtige erste Schritte in der Weiterentwicklung der Finanzmärkte
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Vorsichtige erste Schritte in der Weiterentwicklung der Finanzmärkte

Die Länder Asiens weisen hohe Sparquoten auf, aber es dominieren kurzfristige Anlagen. Den Weg zum längerfristigen Investieren und zur vertieften Integration der Kapitalmärkte haben sie jedoch eingeschlagen.

Asiens Investitionsbedarf ist enorm und dürfte in den kommenden Jahren weiter wachsen. Gut regulierte, offene und liquide Kapitalmärkte spielen daher eine bedeutende Rolle, um verfügbares Kapital möglichst effizient zu investieren. Das erfordert in den einzelnen Ländern eine Vertiefung des eigenen Finanzsystems, aber auch eine erweiterte Finanzmarktintegration über die Landesgrenzen hinaus. Der Weg in diese Richtung ist eingeschlagen, dürfte jedoch vorerst eher vorsichtig beschritten werden.

Viele asiatische Volkswirtschaften weisen für die vergangenen zwanzig Jahre beeindruckende Wachstumsraten auf. Ein grosser Teil dieses Wachstums wurde von steigenden Investitionsausgaben getrieben. Dazu zählten unter anderem staatliche und private Infrastrukturausgaben, Energieversorgung, Transport, Telekommunikation, Ver- und Entsorgung, Sach-, Gebäude- und Anlageinvestitionen der Unternehmen sowie Investitionen im privaten Wohnungsbau. So lag im Jahr 2015 gemäss Angaben des Internationalen Währungsfonds der Anteil der Investitionen am BIP in China beispielsweise bei 45 Prozent, in Indonesien bei 35 Prozent und in Indien bei 32 Prozent. Für die asiatischen Entwicklungsländer insgesamt lag der Durchschnittswert bei 41 Prozent – im Vergleich zu 21 Prozent in Industrieländern. Für die kommenden Jahre sind weiterhin hohe Wachstumsraten bei den Investitionsausgaben zu erwarten. Diese können und sollten nicht nur allein über die öffentliche Hand finanziert werden. Um jedoch den Privatsektor stärker in die Finanzierung insbesondere von Infrastruktur zu involvieren, sind weitere Reformen in den Finanzsektoren vieler asiatischer Länder erforderlich.

Vermögen massiv zugenommen

Asiatische Schwellenländer weisen im Vergleich zu den Industrienationen relativ hohe Sparquoten auf. Gemäss Weltbank lag die volkswirtschaftliche Ersparnis im Jahr 2014 in Südasien bei 28 Prozent und in den ostasiatischen/pazifischen Ländern bei 45 Prozent. Die Kombination von hohen Sparquoten und rasantem Wirtschaftswachstum hat auch dazu geführt, dass das Vermögen asiatischer Haushalte massiv zugenommen hat. Gemäss dem Global Wealth Report 2016 des Credit Suisse Research Institute stieg dieses in Asien (ohne Japan) von USD 9 Bio. im Jahr 2000 auf USD 29 Bio. im Jahr 2016. Der Anteil am globalen Vermögen wuchs dabei von 7,7 Prozent auf 11,5 Prozent über den gleichen Zeitraum. Das Vermögen asiatischer Haushalte wuchs also schneller als der globale Durchschnitt.

Eine der grössten Herausforderungen in diesem Zusammenhang stellt der Umstand dar, dass zwar die Sparquoten in Asien sehr hoch sind, aber ein grosser Teil davon vergleichsweise kurzfristig angelegt ist. Der Grund liegt vor allem im Finanzsektor, der stark auf Banken ausgerichtet ist, die risiko-, regulierungs- und kostenbedingt weniger stark in der längerfristigen Finanzierung engagiert sind. Gleichzeitig sind viele asiatische Kapitalmärkte, insbesondere die längerfristigen Segmente der Bondmärkte, noch vergleichsweise unterentwickelt. Das betrifft häufig die Märkte für Staatsanleihen, deren längere Laufzeitenbereiche immer noch eine eher tiefere Liquidität aufweisen. Und ohne breit abgedeckte, verlässliche Preise für Staatsanleihen in längeren Laufzeitenbereichen sind auch vergleichbare Segmente bei Unternehmensanleihen schwieriger zu etablieren. Dieses Problem ist noch gravierender, wenn Schwellenländer versuchen, entsprechende Marktsegmente in der jeweiligen Lokalwährung aufzubauen.

Asiatische Schwellenländer weisen im Vergleich zu den Industrienationen relativ hohe Sparquoten auf.

Stark fragmentierter Markt

Ein weiterer erschwerender Umstand ist, dass der asiatische Finanzsektor gemäss Angaben der Asiatischen Entwicklungsbank (AsEB) vergleichsweise fragmentiert und auf die jeweiligen Heimmärkte ausgerichtet ist. Grenzüberschreitende Finanzierungsaktivitäten werden zu einem grossen Teil von ausländischen Banken abgewickelt, die ihre Aktivitäten in den vergangenen Jahren regulierungsbedingt jedoch eher wieder reduziert haben. In diesem Zusammenhang weisen denn auch die AsEB und weitere internationale Organisationen auf die Risiken einer unzureichenden Finanzmarktentwicklung in der Region hin. So besteht die Gefahr, dass bedeutende asiatische Schwellenländer bei einem mittleren Pro-Kopf-Einkommensniveau verharren könnten und nicht zur Gruppe der Länder mit einem hohen Einkommen aufschliessen.

In gewisser Weise sind die Erfahrungen vieler asiatischer Länder insbesondere aus der Zeit der Asienkrise 1997/98, aber auch der globalen Finanzkrise 2008/09 weiterhin ein wichtiger Faktor, der die Reformbemühungen zusätzlich beeinflusst. Die Lehren der Vergangenheit haben dazu geführt, dass zum Beispiel die Öffnung der Finanzmärkte als Risiko erachtet wird. Insbesondere Kapitalverkehrskontrollen wurden und werden als nützliches Instrument zur Sicherung der Finanzmarktstabilität unter bestimmten Umständen betrachtet – eine Sichtweise, der sich auch der Internationale Währungsfonds in den vergangenen Jahren angeschlossen hat und die nicht notwendigerweise im Kontrast zu einer vertieften Finanzmarktintegration stehen müsste.

Was tun?

Was können die betroffenen asiatischen Länder nun unternehmen, um ihre Kapitalmärkte weiterzuentwickeln und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Reformen auf den globalen positiven und negativen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte aufbauen? Die AsEB und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schlagen vor allem Massnahmen vor, die das langfristige Sparen fördern.

Dieses kann ganz entscheidend durch den Aufbau beziehungsweise die Förderung staatlicher und/oder privater Alterssicherungssysteme unterstützt werden. Dadurch würde zudem eine neue oder vergrösserte Investorenbasis mit einem langen Anlagehorizont geschaffen. Daneben braucht es aber auch grundlegende Massnahmen, zum Beispiel, um das Bewusstsein für langfristiges Sparen zu fördern, regulatorische Rahmenbedingungen zum Schutz von Investoren und Sparern zu schaffen sowie steuerliche Anreize sicherzustellen. Über regulatorische Massnahmen können auch Angebot und Nachfrage nach Kapital in bestimmte Marktsegmente gelenkt werden. Schliesslich bleibt zudem die weitere Liberalisierung der Zinsen in einigen Ländern ein wichtiger Punkt, um Marktpreisen mehr Raum zu geben und so die Allokation von Kapital zu verbessern.

Nicht überraschend wird daher von internationalen Organisationen vorgeschlagen, dass sich asiatische Länder aktiver an der Formulierung globaler Finanzmarktregulierungen beteiligen, von denen sie auch betroffen sind. Dies ist umso wichtiger, als in den USA und der EU in den letzten Jahren als Folge der zahlreichen Krisen eine Tendenz zur Reregulierung der Finanzmärkte zu verzeichnen ist. Eine ihrem Anteil an der Weltwirtschaft und am globalen Vermögen entsprechende aktive Rolle der asiatischen Schwellenländer in Fragen der Finanzmarktregulierung wäre daher wünschenswert. Der Weg zu einer vertieften Finanzmarktintegration und -entwicklung in Asien dürfte daher weiter beständig, aber vorsichtig verfolgt werden. Die Schritte, die einzelne Länder in den vergangenen Jahren unternommen haben, sind zumindest ermutigend.