Gibt es ein Wirtschaftsleben nach dem Öl?
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Gibt es ein Wirtschaftsleben nach dem Öl?

Auch heute noch hängt die Weltwirtschaft deutlich stärker vom Öl ab, als wir meinen. Öl ist weltweit mit 40 Prozent immer noch die Hauptenergiequelle für die Weltwirtschaft, wenn auch in geringerem Mass als früher.

In den letzten Jahrhunderten sorgten fossile Brennstoffe wie Öl, Kohle und Erdgas für technischen Fortschritt. Zwar nimmt die Bedeutung erneuerbarer Energiequellen wie Wasserkraft, Sonnen- und Windenergie sowie Erdwärme kontinuierlich zu; sie decken aber nach wie vor nur einen Bruchteil des weltweiten jährlichen Energiebedarfs. Wie wichtig ist Öl wirklich? Kann sich die Weltwirtschaft in naher Zukunft vom Erdöl abnabeln? Kurz gesagt: Nein!

«Einerseits sind Industrieländer weniger ölabhängig als früher. Andererseits ist der Ölverbrauch in Schwellenländern wie China deutlich gestiegen», sagt Björn Eberhardt, Leiter Global Macro Research der Credit Suisse. «Die Netto-Energieintensität (Energieverbrauch pro BIP-Anteil) ist in den letzten zwanzig Jahren weltweit stetig zurückgegangen. Doch ohne Öl geht es nicht, so sehr wir uns dies vielleicht auch wünschen», fügt er an.

Öl ist weltweit grösste Energiequelle

Öl ist weltweit grösste Energiequelle

Weltweiter Endenergieverbrauch in Millionen Tonnen Öläquivalent

Quelle: OECD/IEA, 2015

Nichts als Öl?

Weltweit hat sich der Energieverbrauch in den letzten dreissig Jahren fast verdoppelt. Die Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnet Öl dabei nach wie vor als die meistgenutzte Energiequelle. 2013 stammten 40 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs aus Öl. Öl wurde somit weitaus intensiver genutzt als Elektrizität (18 Prozent), Erdgas (15 Prozent) und Kohle (12 Prozent). In den 34 OECD-Ländern, zu denen viele der fortgeschrittensten Industrieländer gehören, dominiert Erdöl noch wesentlich mehr. Der Endverbrauch dieser Länder stammt fast zur Hälfte aus Erdöl. Das ist mehr als doppelt soviel wie der Elektrizitäts- und Erdgasverbrauch zusammen. Manche Branchen der Weltwirtschaft sind vollkommen ölabhängig, so z. B. die Transportbranche.

Wie hoch ist der weltweite Ölverbrauch/Tag? Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt ihn auf rund 96 Millionen Barrel.

Wie hoch ist der weltweite Ölverbrauch/Tag? Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt ihn auf rund 96 Millionen Barrel.

Das entspricht knapp 15.360.000 Kubikmetern (ungefähr der Höhe des Empire State Buildings).

Quelle: International Energy Agency

Kein Öl, (fast) keine Bewegung

Ohne Öl würde die Welt wortwörtlich zum Stillstand kommen. Treibstoff für unsere Transportmittel, vom Flugzeug, Auto und Bus bis hin zum Frachtschiff, beansprucht fast zwei Drittel des weltweiten Ölverbrauchs. Die Europäische Kommission beziffert die Erdölabhängigkeit des Transports in Europa mit 94 Prozent. Zwar läuft die Suche nach geeigneten Alternativen für Erdöl. Hybridautos, reine Elektrofahrzeuge oder Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb machten 2014 jedoch nur 2,7 Prozent des gesamten Fahrzeugabsatzes in den 28 EU-Mitgliedstaaten aus, wie der europäische Verband der Automobilhersteller (ACEA) angibt. PwC schätzt, dass der Absatz von reinen Elektrofahrzeugen, Plug-in-, Mild- und Voll-Hybridfahrzeugen bis 2021 in Europa 2,2 Millionen Stück erreichen könnte. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2014 wurden in Europa insgesamt 14,4 Millionen Motorfahrzeuge zugelassen.

Neuzulassungen von Elektroautos (EU und EFTA, in '000)

Neuzulassungen von Elektroautos (EU und EFTA, in '000)

Quelle: PwC 

Wer sind die Hauptakteure?

Der Nahe Osten liefert fast ein Drittel des Erdöls weltweit, Saudi-Arabien zeichnet allein für 13 Prozent des Gesamtangebots verantwortlich. Nicht weit dahinter folgen überraschenderweise Russland und die USA mit einer Förderung von jeweils etwas mehr als 12 Prozent des weltweiten Rohöls, wie vorläufige IEA-Zahlen für 2014 zeigen. Die US-Erdölproduktion hat sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Der Schieferöl-Boom zwingt Amerikas Öllieferanten, andere Abnehmer zu suchen. Das entsprechende Überangebot, eine energieeffizientere Welt und eine weltweit rückläufige Wirtschaft haben mit zum jüngsten Ölpreiseinbruch beigetragen. Saudi-Arabien und Russland – die weltweit grössten Netto-Ölexporteure – sind mit am stärksten betroffen. Auch in Nigeria, Angola, Venezuela, Brasilien, Ecuador und im Irak sind die Erträge aus dem Ölgeschäft massiv rückläufig.

Wichtige geopolitische und wirtschaftliche Ereignisse und Ölpreisentwicklung

Wichtige geopolitische und wirtschaftliche Ereignisse und Ölpreisentwicklung

Quelle: Energy.gov, US Department of Energy (US-Energieministerium)

Zahlreiche Verflechtungen mit der Wirtschaft

Der Ölpreis beeinflusst unser tägliches Leben in vielerlei Hinsicht, etwa bei der Teuerung. Der Ölpreisrückgang hat die Inflation auf nahezu Null sinken lassen und so effektive Steuersenkungen für viele ausgelöst.

«Der Ölpreiszerfall hat vielen Ländern eine stark rückläufige Inflation beschert», so Philipp Waeber, Global Macro Economic Research Analyst bei der Credit Suisse. Nach Jahren geringer Teuerungen seien die wichtigsten Zentralbanken immer weniger gewillt, weitere überraschende Inflationseinbrüche hinzunehmen. «Daher dürften niedrigere Erdölpreis, neben anderen Gründen,weitere expansive geldpolitische Massnahmen der Europäischen Zentralbank auslösen und Zinsanhebungen in den USA verzögern», folgert Waeber.

Verflechtungen von Erdöl und Weltwirtschaft

Verflechtungen von Erdöl und Weltwirtschaft

Quelle: Credit Suisse

Der Ölpreis beeinflusst auch das globale Wachstum

Auch das globale Wachstum steht unter dem Einfluss des Ölpreises. «Die Lehrmeinung, ein (durch einen Angebotsschock ausgelöster) Ölpreisrückgang sei ein reiner Stimulus für die globale Wirtschaftsaktivität, wird in Frage gestellt. Wir haben unsere BIP-Wachstumsprognosen deshalb für Öl-Importländer kaum geändert, sie hingegen für die wichtigsten Ölproduzenten reduziert», so Philipp Waeber. Billigeres Erdöl dürfte kaum starke Auswirkungen auf die Wachstumsraten der wichtigsten ölimportierenden Staaten der Welt – USA, China, Indien, Japan und die Eurozone – haben. «Der positive Konjunktureffekt in den Industrieländern ist deutlich geringer als früher; der private Konsum hat weniger stark auf die höheren verfügbaren Einkommen reagiert als erwartet», merkt Björn Eberhardt an. «Insgesamt dürften die USA nur minim profitieren, da eine geringfügige positive Reaktion des Konsums durch die Einkommensverluste und Kürzungen der Investitionsausgaben im Öl- und Energiesektor nahezu kompensiert wird.»

Erdölpreise wahrscheinlich stabil auf Höhe des aktuellen Niveaus

Der Ölpreis schwankte Anfang des zweiten Quartals 2016 etwas unter 40 Dollar je Barrel und lag damit immer noch knapp 75 Prozent unter dem Rekordpreis von Juli 2008. «Es ist zu einem enormen Angebotsschock gekommen, der zu einem massiven Überangebot geführt hat», erklärt Eberhardt. «Das in den USA geförderte Schiefergas hat den Importbedarf deutlich reduziert. Die OPEC-Produzentenländer und Russland haben ihre Ölproduktion erhöht, um den starken Rückgang des Ölpreises durch zusätzliches Einkommen zu kompensieren. Parallel dazu hat sich das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt, wodurch die Nachfrage nach Öl gesunken ist und sich das Überangebot noch verschärft hat», ergänzt er. Zur gleichen Zeit habe der Iran nach dem Ende der Sanktionen seine Ölexporte massiv ausgeweitet. Die Credit Suisse prognostiziert stabile Erdölpreise auf dem Niveau von Mitte 30 US-Dollar pro Barrel. Sie rechnet mit einem Ölpreis, der bis Ende 2016 auf Mitte 40 Dollar je Barrel steigen wird, da sich vor allem die Erdöllieferanten anpassen und unter anderem ihre Investitionsausgaben kürzen dürften. Die natürlichen Rückgangsraten in bestehenden konventionellen Ölfeldern dürften mittelfristig ebenfalls für einen Ölpreisanstieg sorgen.