Können Migranten das Wachstum in Europa ankurbeln
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Können Migranten das Wachstum in Europa ankurbeln und den Druck vom Arbeitsmarkt nehmen?

Während die grösste Migrationsbewegung von Asylsuchenden seit dem Zweiten Weltkrieg aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Europa strömt, zeigt sich am Rande der emotional aufgeladenen Gewitterwolke, die derzeit über Europas Flüchtlingskrise schwebt, ein Silberstreif – der Zustrom von Migranten und Flüchtlingen ist tatsächlich gut für das Wachstum in Europa und wird den unter Druck stehenden Arbeitsmarkt der Region für Jahre entlasten.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Teams European Economics Research der Credit Suisse kommt zu dem Schluss, dass der Zustrom von Flüchtlingen und Migranten aus Syrien und dem Irak öffentliche Ausgaben generieren wird, die «im kommenden Jahr für 0,2 bis 0,3 Prozent mehr BIP-Wachstum» sorgen könnten. Dadurch verbessere sich voraussichtlich das Verhältnis von Arbeitsaufwand zu potenziellem Produktionswachstum zwischen 2015 und 2023 im Schnitt um zusätzliche 0,2 bis 1,3 Prozent.

Migranten als potenzielle Wachstumstreiber für die Eurozone

Migranten als potenzielle Wachstumstreiber für die Eurozone

Potenzielles BIP-Wachstum, im Jahresvergleich Prozent

Quelle: Eurostat, Credit Suisse

«Wir gehen davon aus, dass die Nettomigration in der Summe als zusätzliche Unterstützung für das BIP-Wachstum in der Eurozone betrachtet werden sollte», fasst der Bericht zusammen. «Das Wirtschaftswachstum dürfte in den kommenden Jahren weiterhin profitieren, wenn junge Migranten beginnen, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.»

Der Bericht trägt den Titel «Mit weit geöffneten Armen?»: ein Verweis auf den jüngsten Aufruf der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Flüchtlingen mit offenen Armen zu begegnen. Er prognostiziert, dass die Bevölkerung Europas durch die Nettomigration in den kommenden fünf Jahren um 5 Millionen auf 340 Millionen wachsen wird. Dieser Zufluss dürfte für kurzfristiges Wirtschaftswachstum sorgen. Längerfristig soll die Tatsache, dass die Migranten meist jung sind, den Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter steigern und sich positiv auf «die besorgniserregende Demografie und Rentendynamik» in der Eurozone auswirken.

«Starke Zuwanderung setzt Länder unter Druck, die sich sorgen, dass die Sozialsysteme überlastet werden, in denen die Arbeitslosigkeit stark angestiegen ist und wo fremdenfeindliche Parteien an Zuwachs gewinnen», merkt der Bericht an. Eine grosse Anzahl an Migranten als wirtschaftliche Belastung zu sehen, sei jedoch ein Fehler. «Wir glauben, dass die Auswirkungen einer starken Zuwanderung auf die öffentlichen Finanzen, Renten, die Demografie und das potenzielle Wachstum in der Eurozone positiv sein dürften», besagt der Bericht.

Der grösste Nutzen entsteht nach Auffassung des Berichts aus den langfristigen Folgen für Europas Arbeitsmarkt, der vor allem in Deutschland und Italien mit einer älter werdenden Bevölkerung und einer steigenden Zahl an Rentnern zu kämpfen hat, die von Sozialleistungen leben. Dieser wachsenden Anzahl abhängiger Rentner steht ein geringerer Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter gegenüber.

Steiler Anstieg des demografischen Altenquotienten

Steiler Anstieg des demografischen Altenquotienten 

Anteil der 65+jährigen pro 100 Einwohner 15-64

Quelle: Eurostat, Credit Suisse

Geburtenhäufigkeit unter dem Reproduktionsniveau

Geburtenhäufigkeit unter dem Reproduktionsniveau 

Anzahl Kinder/Frau, 2013

Quelle: Eurostat, Credit Suisse 

«Im Hinblick auf das potenzielle BIP ist die demografische Situation in Europa für den düsteren Ausblick mitverantwortlich», merkt der Bericht an. «Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird das durchschnittliche Wachstum für die Jahre 2015–2023 bei etwa 1,1 Prozent liegen, teilweise aufgrund des sehr mässigen Beitrags des Faktors Arbeitsaufwand, der laut Kommission bei lediglich 0,2 Prozentpunkten liegt.»

Migranten könnten helfen, den Druck vom Arbeitsmarkt zu nehmen.

Der Bericht der Credit Suisse merkt an, dass die meisten nach Europa strömenden Migranten und Asylsuchenden jung und männlich sind. Von denen, die in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind, waren knapp über die Hälfte zwischen 18 und 34 Jahre alt und etwas mehr als drei Viertel sind im erwerbsfähigen Alter.

«Junge Migranten als Arbeitskräfte in die alternde berufstätige Bevölkerung zu integrieren, steigert das langfristige Wachstumspotenzial», bemerkt der Bericht. Die Analyse prognostiziert, dass sich der Beitrag der Arbeit zum potenziellen Produktionswachstum in der Eurozone zwischen 2015 und 2023 durchschnittlich von 0,2 auf 0,4 Prozent pro Jahr verdoppeln wird und damit das Produktionspotenzial von 1,1 auf 1,3 Prozent des jährlichen Wachstums anheben wird.

«Alle Versorgungskosten für den grundlegenden Bedarf der Migranten dürften ihren Weg zurück in die Wirtschaft finden», sagt der Bericht. Mit der Zeit wird durch den Zufluss an Migranten die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wachsen und «mehr Steuern und Sozialleistungen zahlen, als sie erhalten».

In den vergangenen Monaten stieg die Anzahl der Flüchtlinge nach Europa vor allem aufgrund des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien. Die jüngsten Daten gehen davon aus, dass die Zahl der registrierten Flüchtlinge aus Syrien von 3,8 Millionen Ende 2014 auf derzeit 4,1 Millionen gestiegen ist. In Europa wurden in den vergangenen Monaten erheblich mehr Asylanträge gestellt, besonders in Deutschland, Ungarn und Österreich. Deutschland erwartet allein in diesem Jahr 800’000 Flüchtlinge.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinigten Nationen berichtet, dass die grössten Gruppen von Migranten, die über die Türkei und Griechenland nach Europa kommen, Syrer sind, gefolgt von Irakern und Afghanen. In Deutschland, Ungarn und Österreich ist der höchste Anstieg von Asylanträge zu verzeichnen. Die diesbezüglichen Unterschiede in Europa sind drastisch. Knapp die Hälfte aller neuen Asylanträge zwischen Januar und Juli 2015 wurden in Deutschland gestellt, knapp über 1 Prozent in Spanien.

Harsche Differenzen zwischen den EU-28-Ländern

Harsche Differenzen zwischen den EU-28-Ländern 

Asylanträge von Januar bis Juli 2015 bei den EU-28-Ländern (Anteil in %)

Quelle: Eurostat, Credit Suisse