Bulle oder Bär? Die Politik und die Kapitalmärkte
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Bulle oder Bär? Die Politik und die Kapitalmärkte

Die Kapitalmärkte befinden sich nicht im luftleeren Raum: Turbulenzen in der Weltpolitik haben einen erheblichen Einfluss auf die Wertentwicklung. Robert Parker, Vorsitzender des Asset Management and Investors Council der Credit Suisse, nennt aktuelle politische Trends, die Anleger beachten sollten.

Die Anleger sind sich derzeit ganz offensichtlich einig, dass zwei wichtige politische Trends Einfluss auf die Märkte nehmen. Erstens eine Abkehr von der Globalisierung sowie eine Rückkehr zum Regionalismus oder Nationalismus und zweitens die Unzufriedenheit der Wähler mit traditionellen politischen Parteien und Ideologien. Dieser Konsens überdeckt jedoch komplexere Trends. Es lassen sich einige wichtige politische und gesellschaftliche Themen ausmachen, die einen Einfluss auf die Märkte und die Anlageperformance haben könnten.

Neue Parteien

Das erste und vielleicht bedeutendste Thema ist die Gründung neuer Parteien. Neue Parteien sind meist dann zum Scheitern verurteilt, wenn sie ihr Themenspektrum nicht über ein politisches Kernthema hinaus erweitern können, wenn interne Machtkämpfe ausgetragen werden oder wenn sie es nicht schaffen, grössere Teile der Wählerschaft für sich zu gewinnen. Erweisen sich neue Parteien als erfolgreich, werden Strukturreformen eingeleitet, die erhebliche Auswirkungen auf die Performance von Anlageklassen haben.

Ein historisches Beispiel für eine ideologische Neuausrichtung einer bestehenden Partei ist die britische Reformpolitik unter der konservativen Regierung Margaret Thatchers, die schliesslich das Wachstum ankurbelte und den britischen Aktienmarkt beflügelte. In den kommenden zwei bis drei Jahren werden die Anleger den Erfolg oder Misserfolg der Regierung Macron bei der Umsetzung von Strukturreformen in Frankreich und die entsprechenden Auswirkungen auf die französischen Aktienmärkte aufmerksam verfolgen.

Die Welt scheint von der Globalisierung und der traditionellen Vorherrschaft der USA abzurücken und einer multipolaren Weltwirtschaftsordnung den Vorzug zu geben.

Zunehmender Populismus von links und rechts

Es gibt mehrere, eindeutig populistisch geprägte Tendenzen. Die Unzufriedenheit mit einer ungleichen Vermögensverteilung und dem geringen Lohnwachstum wird voraussichtlich die öffentliche Debatte beherrschen und dazu führen, dass weitere neue Parteien entstehen oder bestehende Parteien eine populistischere Position beziehen.

Populistische Initiativen können Folgendes beinhalten: eine Ausweitung der Fiskalpolitik, eine Lockerung der Haushaltsdefizitziele und erhöhte Ausgaben, die Steuerung der Einwanderung, eine defensive Handelspolitik, Steuererleichterungen für Geringverdiener, höhere Steuern auf Vermögen bzw. für Gutverdienende, höhere Sozial- und Gesundheitsausgaben, eine tendenzielle Erhöhung der Infrastrukturausgaben, höhere Ausgaben für preiswerte Immobilien, eine höhere Staatsverschuldung, höhere Unternehmensbesteuerung oder niedrigere Unternehmensbesteuerung, dafür aber eine stärkere Einhaltung der Steuervorschriften.

Es ist schwierig, allgemeingültige Aussagen zu den Auswirkungen des Populismus auf die Märkte zu treffen, ausser in Fällen, wo es zu einschneidenden Veränderungen der Fiskalpolitik, insbesondere der Steuerpolitik (z. B. das aktuelle Steuerreformgesetz in den USA) und der staatlichen Ausgaben (möglicherweise in Grossbritannien und in Deutschland und derzeit in China) kommt.

Multipolare Weltordnung

Die Welt scheint von der Globalisierung und der traditionellen Vorherrschaft der USA abzurücken und einer multipolaren Weltwirtschaftsordnung den Vorzug zu geben. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die wirtschaftliche und politische Expansion Chinas in Asien, der verstärkte Zusammenhalt der EU und die intensivere Zusammenarbeit der Staaten Lateinamerikas.

Diese Entwicklungen fördern neue geopolitische Beziehungen, etwa zwischen Saudi-Arabien und Russland oder der Türkei und Russland, die Ausweitung des chinesischen Einflusses und ein unharmonisches Verhältnis zwischen der EU und den USA.

Für die Anleger bedeutet dies, dass die regionalen Märkte stärker von regionalen oder lokalen Faktoren beeinflusst werden als von globalen Trends und dass sich Korrelationen zwischen den Regionen auflösen. Eine aktivere Vermögensverwaltung bietet angesichts dieser Entwicklung grössere Vorteile gegenüber einer globalen passiven Asset Allocation.

Regionalismus und Autoritarismus

Der Wunsch nach einem unabhängigen Staat und eine Stärkung autoritärer Strömungen lassen sich vielerorts beobachten. In einer Reihe von Ländern, vor allem in Europa, wachsen Unabhängigkeitsbewegungen heran, doch die Angst davor dürfte die Märkte nur vorübergehend belasten.

Ein Übergang in Richtung Autoritarismus zeichnet sich in der Türkei, Russland, China (wie auf dem Nationalkongress im Jahr 2017 deutlich wurde) und einigen afrikanischen Ländern ab. Auch wenn dies den wirtschaftlichen Ausblick mancher Länder tiefgreifend verändern könnte, so scheint der Einfluss auf das Anlegerverhalten bisher gering zu sein.

Geopolitische Spannungen

Weit verbreitete geopolitische Spannungen fordern ein aktiveres Anlagemanagement. Wichtige Spannungsherde sind Nordkorea gegen die USA, möglicherweise (erneut) das Südchinesische Meer, Saudi-Arabien gegen Katar / die Türkei, die USA gegen die Türkei, die Aufkündigung des iranischen Atomabkommens, mögliche Meinungsverschiedenheiten über eine Zerschlagung Syriens nach dem Sieg über den IS und die Verhängung von Sanktionen gegen Venezuela. Die Geschichte zeigt jedoch eindeutig, dass unerwünschte geopolitische Ereignisse die Kapitalmärkte in der Regel nur kurzfristig belasten und Investoren «Kaufgelegenheiten» bieten können. Negative geopolitische Schocks führen unweigerlich dazu, dass Investoren zu vermeintlich «sicheren» Anlageklassen wechseln.