Brexit und die Weltwirtschaft: Konsequenzen primär für Europa
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Brexit und die Weltwirtschaft: Konsequenzen primär für Europa

Das Brexit-Votum wird sich vor allem auf die britische Volkswirtschaft negativ auswirken, die eine substanzielle Wachstumsverlangsamung verzeichnen dürfte. Wir rechnen über den Handel, die allgemeine Stimmung und finanzielle Ansteckungseffekte mit gewissen negativen Konsequenzen für andere Volkswirtschaften.

Die Entscheidung Grossbritanniens für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) wird vornehmlich die britische Wirtschaft selbst beeinträchtigen. Die Unsicherheit in Bezug auf den künftigen Zugang zu Märkten im Ausland sowie die Fähigkeit zur Anstellung ausländischer Arbeitskräfte wird voraussichtlich einen Rückgang der Investitionen zur Folge haben. Zudem könnte das Beschäftigungswachstum zum Stillstand kommen, was wiederum die Konsumentenstimmung und die Konsumausgaben belasten könnte. Möglicherweise resultiert eine technische Rezession, d. h. zwei Quartale mit negativem Wachstum in Folge. Für das Gesamtjahr 2017 rechnen wir jedoch nicht mit einer Kontraktion der britischen Volkswirtschaft.

Ein Blick auf frühere Konjunkturabschwünge zeigt, dass die Investitionsausgaben typischerweise unmittelbarer und deutlicher reagieren als der Privatkonsum. Dieses Muster dürfte sich wiederholen, wenn auch in weniger ausgeprägter Form als bei globalen Rezessionen. Demgegenüber sollte sich die britische Binnennachfrage unseres Erachtens abschwächen und könnte sogar während ein paar Quartalen rückläufig sein. Die längerfristigen Auswirkungen auf Grossbritannien werden stark von den künftigen wirtschaftlichen Beziehungen mit der EU abhängen, werden aber wohl ebenfalls negativ sein, zumal Restriktionen beim Marktzugang und der Arbeitsmarktmobilität die Investitionen, die Produktivität und die Einkommen beeinträchtigen dürften.

In Hinblick auf die Auswirkungen des Brexit auf andere grössere Volkswirtschaften analysieren wir in der Folge die drei wichtigsten potenziellen Übertragungskanäle: den Handel, die Stimmung und finanzielle Ansteckungseffekte.

Frühere Rezessionsverläufe in Grossbritannien

Frühere Rezessionsverläufe in Grossbritannien

Hinweis: Die Linien markieren die durchschnittlichen Entwicklungen des Privatkonsums und der Investitionen im Zuge früherer Rezessionen über zwölf Quartale. Schattierte Bereiche bezeichnen die Bandbreiten vergangener Zyklen.

Quelle: Datastream, Credit Suisse

Handel

Grossbritannien ist der weltweit fünftgrösste Importeur und absorbiert rund 4 Prozent des Welthandels. Zudem verzeichnet das Land ein Handelsbilanzdefizit, das sich letztes Jahr auf 7 Prozent seines Bruttoinlandprodukts (BIP) belief.

Infolge des Brexit und des schwächeren GBP erwarten wir, dass die britischen Importvolumen im 2. Halbjahr 2016 insgesamt stagnieren und 2017 um rund 2 Prozent im Vorjahresvergleich schrumpfen werden. Der entsprechende Wert der Exporte nach Grossbritannien dürfte sogar noch stärker einbrechen, weil die meisten Exporteure wegen des schwächeren GBP wahrscheinlich Preiskonzessionen eingehen müssen. Dies war auch in der Rezession der Jahre 2008–2009 der Fall. Die britischen Importvolumen brachen um 15 Prozent ein, aber die zehn wichtigsten Handelspartner erlitten auf Lokalwährungsbasis Exportrückgänge nach Grossbritannien, die von 14 Prozent (China) bis 31 Prozent (Spanien) reichten.

Britische Warenimporte nach Top–10-Herkunftsländern, 2015

Britische Warenimporte nach Top–10 Herkunftsländern, 2015

Quelle: UN Comtrade, Credit Suisse 

Die Kontraktionen werden im sich nun abzeichnenden Abschwung weniger ausgeprägt ausfallen, wir gehen jedoch davon aus, dass die einzelnen Länder ähnliche Entwicklungsmuster verzeichnen werden wie in der letzten Rezession. Daher sollte sich die Beeinträchtigung Chinas und der USA durch den Brexit als vernachlässigbar erweisen. Die Exporte beider Länder scheinen gegenüber einem Abschwung in Grossbritannien und einem schwachen GBP weniger anfällig. Darüber hinaus zeichnen Exporte nach Grossbritannien nur gerade für 0,5 Prozent bzw. 0,3 Prozent ihres BIP verantwortlich.

In Europa weisen sowohl Irland als auch Norwegen ein substanzielles Handelsexposure gegenüber Grossbritannien auf. Allerdings exportiert Irland hauptsächlich relativ unelastische pharmazeutische Produkte, Lebensmittel und Landwirtschaftsgüter nach Grossbritannien, weshalb seine nominalen Ausfuhren in der letzten Rezession zu den weniger stark betroffenen Kategorien gehörten. Die Erdölexporte Norwegens sind vermutlich noch besser gegen Nachfrage- und Wechselkurseffekte abgeschirmt. Ihr markanter Rückgang in der letzten Rezession war vornehmlich Ausdruck der rückläufigen Rohstoffpreise. Alle anderen europäischen Handelspartner dürften indessen stärker leiden, und wir wären nicht überrascht, wenn die Exporte von Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich nächstes Jahr um 5–10 Prozent einbrechen würden, obwohl derartige Schätzungen mit beträchtlicher Unsicherheit behaftet sind. Doch selbst dann dürften die direkten negativen Auswirkungen auf das BIP der europäischen Handelspartner beschränkt bleiben, sollte sich doch ihre BIP-Wachstumsraten unseres Erachtens um lediglich 0,1–0,3 Prozentpunkte abschwächen.

Stimmung

Ein zweiter und potenziell sehr wirksamer Ansteckungskanal sind die Konsumentenstimmung und das Geschäftsklima. Die Unsicherheit hinsichtlich der längerfristigen Perspektiven der EU werden aufgrund des Brexit zwar wohl tatsächlich zunehmen, die Einschätzung, wonach der Brexit den Beginn eines Auseinanderfallens der EU markiert, ist aber unserer Meinung nach stark übertrieben. Umgekehrt scheint es ziemlich unrealistisch zu glauben, dass der Brexit-Schock den Zusammenhalt unter den verbleibenden 27 EU-Mitgliedsländern stärken wird. Unter dem Strich könnte die politische Entwicklung das Geschäftsklima durchaus eintrüben und damit die Investitionen bremsen. Als Reaktion auf die Abschwächung der Unternehmensausgaben könnte letztlich auch das Konsumentenvertrauen leiden.

Dennoch bleibt die Frage, wie stark die politische Unsicherheit wegen des Brexit ausserhalb Grossbritanniens tatsächlich zunehmen und wie stark dies die wirtschaftliche Stimmung beeinträchtigen wird. Es scheint uns unwahrscheinlich, dass Länder ausserhalb Europas stark betroffen sein werden. Aber selbst innerhalb Europas wirkt sich die politische Unsicherheit nur beschränkt auf die wirtschaftliche Stimmung aus.

Finanzielle Ansteckungseffekte

Ein dritter Kanal, über den der Brexit die europäische Wirtschaft beeinträchtigen könnte, sind finanzielle Ansteckungseffekte. Das Brexit-Votum hat Sorgen in Bezug auf eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen an der Peripherie Europas geweckt. Bisher ist das Verdikt in dieser Hinsicht indessen noch unklar: Einerseits notieren die Kreditrisikoaufschläge italienischer und spanischer Staatsanleihen relativ zu deutschen Staatspapieren derzeit wieder auf vor dem Brexit-Votum verzeichneten Niveaus, nachdem sie zuvor etwas gestiegen waren. Unseres Erachtens legt dies den Schluss nahe, dass die Märkte an die Entschlossenheit und Fähigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) glauben, eine erneute Staatsschuldenkrise in der Eurozone zu verhindern.

Andererseits haben sich die Refinanzierungsbedingungen vieler europäischer Banken seit dem Brexit-Entscheid markant verschlechtert, zumal ihre Aktien und Anleihen starke Kursverluste hinnehmen mussten. Die vermutlichen Gründe hierfür waren Sorgen hinsichtlich einer Verschlechterung der Konjunkturperspektiven sowie vor tieferen Renditen und einer flacheren Renditekurve, welche die Fähigkeit von Banken, Erträge zu erzielen, beschränken und damit deren Rentabilität belasten. Die Märkte konzentrieren sich daher besonders stark auf italienische Banken, die notleidende Kredite in grossem Umfang in ihren Büchern stehen haben, und dies in einer Zeit, in der die Regeln im Rahmen der vor Kurzem eingeführten Europäischen Bankenunion die Möglichkeiten der Staaten, ihren Banken zu Hilfe zu eilen, massiv beschränken.

Solche Stresserscheinungen dürften die Kreditvergabe durch die Banken in Italien und möglicherweise weiteren Ländern zusätzlich bremsen. Allerdings ist die Verschuldung im Bankensystem unseres Erachtens mittlerweile stark genug reduziert worden, um eine erneute Finanzkrise in der Eurozone zu verhindern. Insgesamt jedoch deuten die schlechteren Finanzierungsbedingungen weiterhin auf unterdurchschnittliche Investitionen und Wachstumsraten an der europäischen Peripherie hin, wie dies schon in den letzten Jahren der Fall war.

Globale Auswirkungen des Brexit voraussichtlich beschränkt

Zusammenfassend stellen wir fest, dass sich das Brexit-Votum hauptsächlich auf Grossbritannien negativ auswirkt, während die Konsequenzen – vornehmlich über die Kanäle Handel, Stimmung und Finanzierungsbedingungen – anderswo beschränkt bleiben dürften. Dennoch geben die jüngsten Entwicklungen im europäischen Banksektor Anlass zu Sorge und müssen künftig genau im Auge behalten werden.

Selbst wenn sich die einzelnen Kanäle für sich betrachtet möglicherweise nicht besonders stark auswirken, könnten sie zusammen dennoch vor allem die europäische Wirtschaft in einem nicht vernachlässigbaren Ausmass belasten. Wir haben daher unsere Wachstumsprognosen für 2016 auf den aktuellen Niveaus belassen, statt sie nach oben anzupassen, wie dies die Daten vor dem Brexit-Votum noch nahegelegt hatten. Derweil haben wir unsere Prognosen für 2017 geringfügig abwärts revidiert. Auf längere Sicht würden negativere Szenarien ins Spiel kommen, falls die politischen Risiken eines Auseinanderbrechens der EU substanzieller zunehmen sollten, wovon wir aber nicht ausgehen.