Brasilien: Grösste Rezession seit den Neunzigern

Wir erwarten, dass Brasiliens Wirtschaft in diesem Jahr um 1 Prozent schrumpft und die Inflation sowie die Zinsen hoch bleiben. Trotz der schlechten Haushaltslage ist die Wahrscheinlichkeit einer Schuldenkrise weiterhin niedrig, die Risiken müssen aber im Auge behalten werden.

Brasiliens Konjunkturaussichten sind durch eine Reihe negativer Faktoren gekennzeichnet. Dazu gehören die steigende Inflation, die Abschwächung der Wachstumsaussichten, das Risiko von Energieknappheit mangels Regen (was die Stromerzeugung von Wasserkraftwerken beeinträchtigt) und den Korruptionsskandal rund um Petrobras. Darüber hinaus könnten die Möglichkeit einer Straffung durch die Fed und eine weitere Währungsabwertung den Finanzstress noch verstärken. Wir rechnen nun für 2015 mit einer BIP-Schrumpfung um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr (das schlechteste Ergebnis seit 1990), nachdem es 2014 zu einer Stagnation gekommen war. Auch unser Szenario einer moderaten Erholung im Jahre 2016 birgt Abwärtsrisiken. Bei einem Stand von fast 7.5 Prozent wird die Inflation im Jahresverlauf wahrscheinlich überwiegend hoch bleiben und die Leitzinsen könnten vorübergehend auf über 13 Prozent angehoben werden.

Rezession und politische Risiken könnten haushaltspolitischen Anpassungskurs verlängern

Unseres Erachtens könnten eine haushaltspolitische Straffung (Ausgabenkürzungen sowie Steuererhöhungen von rund 2 Prozent des BIP wurden bereits angekündigt) und eine vorsichtige Geldpolitik zur Zügelung der Inflation beitragen und die Zinsen mittelfristig sinken lassen. Allerdings sind wir auch der Ansicht, dass noch eine zusätzliche geldpolitische Straffung notwendig sein wird und erkennen angesichts der schwachen Wirtschaft ein beträchtliches Risiko, dass die haushaltspolitischen Zügel gelockert werden. Darüber hinaus wird die gegenwärtige Regierung unbeliebter, was sich in den jüngsten Massenprotesten und den tiefen Zustimmungsraten in Meinungsumfragen widerspiegelt. Dadurch könnten Reformfortschritte ungewisser werden. Wenn sich die Wirtschaftslage verschlechtert, könnte sich der öffentliche Unmut noch verstärken. Eine Verschärfung des politischen Stillstands würde die Reformen wahrscheinlich verlangsamen. Dann könnten! sich die mittelfristigen wirtschaftlichen und haushaltspolitischen Aussichten verschlechtern und eine weitere Herabstufung brasilianischer Staatsanleihen durch die führenden Ratingagenturen bewirken.

Wahrscheinlichkeit einer Staatsschuldenkrise ist gegenwärtig niedrig

Obwohl haushaltspolitische Ziele vermutlich verfehlt werden, erscheint die Wahrscheinlichkeit einer Schuldenkrise gegenwärtig niedrig. Die Staatsverschuldung dürfte steigen, aber mit rund 65 Prozent des BIP nahe an ihrem langfristigen Durchschnitt bleiben. Auch die gegenwärtige Abwertung des brasilianischen Reals sollte nur eine begrenzte direkte Auswirkung auf die Nachhaltigkeit der Staatsverschuldung haben, weil die ausländischen Staatsschulden mit 6 Prozent des BIP recht niedrig sind. Trotzdem gibt es noch immer beträchtliche haushaltspolitische Risiken, falls die Regierung in Schwierigkeiten geratene Unternehmen finanziell unterstützen müsste.

Risiken von Petrobras und öffentlichen Banken müssen beobachtet werden

Obwohl dies nicht unser Basisszenario ist, könnte es Petrobras misslingen, Ende Mai einen qualifizierten Finanzabschluss vorzulegen. Die Gläubiger könnten dann eine beschleunigte Schuldenrückzahlung verlangen. Falls sich die Regierung entscheiden sollte, das Unternehmen zu retten, wäre eine Herabstufung der Staatsanleihen unter Investment Grade fast sicher (die ausstehenden Anleihen und Kredite von Petrobras belaufen sich auf 5 Prozent des BIP). Die Mischung aus einer Konjunkturverschlechterung, steigenden ausländischen und inländischen Finanzierungskosten sowie dem starken Anstieg privater Schulden (+24 Prozent des BIP seit 2010) stellt unterdessen ein Risiko für die Banken dar. Gegenwärtig erkennen wir noch keine systemischen Risiken, da die notleidenden Kredite noch immer einen niedrigen Stand aufweisen (in den letzten zwei Jahren sind sie sogar gesunken). Die Kapitalpuffer bleiben recht hoch, was insbesondere für die grössten Privatb! anken Brasiliens gilt. Öffentliche Banken müssen aber genauer beobachtet werden, weil sie bisher auf staatlich subventionierte Kredite der Regierung angewiesen waren (deren Unterstützung sich wahrscheinlich abschwächen wird). Darüber hinaus scheinen diese Banken ein vergleichsweise grösseres Engagement in den schwächelnden Sektoren Energie und Bau aufzuweisen.