Urwaldreservat Bödmeren: Pfad durch die Wildnis

Im Grenzgebiet zwischen Schwyz und Glarus steht der Bödmeren-Urwald – ein von der Credit-Suisse-Dachstiftung Accentus finanzierter Lehrpfad macht ihn einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Die Spuren führen zurück in die Eiszeit, die vor 13'000 Jahren zu Ende ging. Die Gletscher liessen eine zerklüftete Karstlandschaft zurück, in der sich nur langsam Leben entwickeln konnte. Ganz oben, auf 2400 Metern Höhe, ist es noch immer kahl und leer. Die steinerne Kuppe aus hellem Schrattenkalk heisst treffend «Silberen». Im Abendlicht glänzt sie wie das weisse Edelmetall. Nur wenige Tiere und Pflanzen haben sich in der Gegend um den Pragelpass angesiedelt. Jahrtausende alte Tierknochen und -zähne sind Zeugnisse dieser Urzeit und sind in dieser von Spalten durchzogenen Landschaft erhalten geblieben.

Herzstück ist das Urwaldreservat Bödmeren, ein Wald wie im Märchen. Er entwickelte sich vor etwa 7000 Jahren aus den nacheiszeitlichen Föhren- und Birkenwäldern. Damals sind die Fichte und die Tanne eingewandert. 

Die säulenförmigen Fichten sind eine Anpassung an die grossen Schneemengen.

Bäume wachsen im Familienverband

Hier stehen die mit 500 Jahren ältesten Fichten von ganz Europa. Die Bäume auf der Bödmeren rotten sich zu Familien zusammen, umgeben von Krautschichten. Die Rotte bildet nach aussen eine gemeinsame Kronenhülle bis zum Boden. So vermögen die Bödmerenfichten als Gruppe den Stürmen gut zu trotzen. Im Schutz der älteren Bäume gedeihen die jüngeren. Sie wachsen unterschiedlich schnell im Familienverband, sodass der grösste und dickste nicht der älteste Baum sein muss.

Die Rottannen sind auffallend schlank und wachsen kerzengerade in den Himmel. Das ist unabdingbar, wollen die Bäume den rauen, schneereichen Winter überleben. Auf trockenen Felsfluren wachsen knorrige, verwitterte Bergföhren, in den kalten Mulden und aus Felsspalten seltsam gewundene Moorbirken. Die Bödmerenfichte jedoch ist einmalig. Die gleiche Baumart gibt es nur im fernen Sibirien. Man nimmt an, dass sie nach der Eiszeit von Osten her eingewandert ist.

Totholz in grossen Mengen und unterschiedlichem Abbaugrad ist charakteristisch für Urwälder.

Da im Wald gar nicht oder nur selten Holz geschlagen wurde, konnte sich der alte Baumbestand erhalten – mit einem hohen Totholzanteil. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine grosse Artenvielfalt. Diese Entwicklung begünstigt das Wachstum von Pflanzen wie den Flechten, dem Keulenpilz, der Kelchflechte oder der extrem seltenen Engelshaarflechte, die in meterlangen Bändern von den Ästen herunterhängt und so alt wie der Wirtsbaum werden kann. Sie ist ein Zeichen für gute Luftqualität und wird von den Einheimischen anschaulich «Baumbart» genannt. Der artenreiche Wald bietet Unterschlupf für selten gewordene Tiere wie den Sperlingskauz oder das Birkhuhn.

Ein Förster erkannte den Wert

Aufmerksam auf diesen einzigartigen Wald wurde der einheimische Förster Josef Schelbert. 1966 schrieb er aufgrund seiner Erfahrung und seiner Beobachtungen dem Forstwissenschaftler Hans Leibundgut von der ETH Zürich: «Unterzeichneter hat sich schon längst mit dem Gedanken befasst, einen Teil des Bödmeren- und Bohlwaldes unter Naturschutz zustellen. Fauna und Flora bilden in diesem Gebiet eine selten gesehene Schönheit. Hat der Natur- und Tierfreund nicht ein Anrecht auf Gottes freie Natur, wie sie in diesem Gebiet noch so schön vorkommt?» 

Auf Totholz gedeiht neues Leben. Es ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine hohe Artenvielfalt im Wald.

Der ETH-Professor zeigte sich sofort interessiert und richtete 1971 eine 4,8 Hektaren grosse Kernfläche zu Forschungszwecken ein. Seither laufen die wissenschaftlichen Arbeiten, und sie brachten erstaunliche Erkenntnisse, die selbst Spezialisten überraschten und in etlichen Abhandlungen und Büchern beschrieben sind. Der Bödmerenwald gehört heute zu den besterforschten Fichtenwäldern Europas. 1984 wurde die Stiftung «Urwaldreservat Bödmeren»  gegründet und das Schutzgebiet auf 70 Hektaren erweitert. Weitere grössere Arrondierungen kamen in den letzten zehn Jahren hinzu. Heute hat die Oberallmeindkorporation Schwyz, die älteste und grösste Korporation der Schweiz und Eigentümerin des Bödmerenwaldes, die Reservatsfläche auf 550 Hektaren ausgedehnt.

Mit dem Urwaldpavillon und der Urwaldspur wird der Bödmerenwald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Über einer 200 km langen Höhle

Diverse Funde von Haustierknochen belegen, dass schon ums Jahr 1000  n. Chr. die Alpweiden rund um die Bödmeren genutzt wurden. Wegen der Abgeschiedenheit und des schwierigen Geländes blieb der Wald von grösseren Holzschlägen verschont. Der Bödmerenwald steht über dem Hölloch, das mit über 200 Kilometern bisher vermessenen Gängen eines der fünf längsten Höhlensysteme der Welt ist. Hierhin entwässert sich das niederschlagsreiche Gebiet. Die Höhle hat ihre eigenen Besonderheiten. 2011 wurde eine endemische Tierart entdeckt: Der «Falsche Höhlenskorpion» (Pseudoblothrus Infernus) lebt nur hier und sonst nirgendwo auf der Welt. Die Forscher nehmen an, dass es sich um eine Spinnenart handelt, die nach der letzten Eiszeit ausgestorben ist – respektive im Hölloch mit seiner konstanten Temperatur von vier bis sechs Grad Celsius überdauern konnte.

Die Gegend am Pragelpass zwischen Hölloch, Bödmeren und Silberen bietet auf engem Raum spektakuläre Naturerlebnisse. Ein neu eröffneter Informationspavillon soll nun neuen Besuchern die Gegend erschliessen – er führt auf die «Urwaldspur», die das schwierige Gelände besser zugänglich macht (s. Box). Denn noch heute ist der Wald eine wilde Gegend, wo sich abseits der sicheren Wege unter losem Pflanzenwerk unsichtbare Klüfte auftun. Hier bleibt die Natur in ihrer ursprünglichen Schönheit weitgehend unberührt.