Bitcoins – Geld aus Daten

Bitcoins und andere virtuelle Währungen sind zu einem globalen Phänomen gewachsen. Manche sehen den Beginn eines neuen Zeitalters, andere sehen das Potenzial für einen grossen Crash.

In nur fünf Jahren hat sich die neue Währung Bitcoin von einem kleinen Nischenprojekt einiger Computerfreaks – und trotz mitunter zwielichtiger Transaktionen – zu einem globalen Phänomen gewandelt. Und die Anhänger des Bitcoin-Systems sagen schon den nächsten Umbruch im Zahlungsverkehr voraus. Doch der Reihe nach: Was sind Bitcoins eigentlich? Und weshalb sind sie so bahnbrechend?

Virtuelle oder digitale Währungen wie Bitcoins gibt es schon lange im Alltag: Bonuspunkte aus dem Supermarkt, Kreditkartenpunkte oder Meilen einer Fluggesellschaft. Im Unterschied zu staatlichen Währungen sind sie aber nur innerhalb des jeweiligen Firmenprogramms nutzbar. Dies ist ein grosser Nachteil jeder virtuellen Währung. Sollte eine Firma ihr Bonusprogramm einstellen oder abändern, könnte auf einen Schlag ein Grossteil des Guthabens wertlos werden.
Bitcoins sind dagegen dezentral. Es gibt keine herausgebende Zentralinstanz, das System läuft verteilt über alle teilnehmenden Computer. Ob dies der entscheidende Vorteil ist, ist die Kernfrage für den zukünftigen Erfolg von Bitcoins.

Wie funktioniert es?

Um die Erfolgschancen des Systems abschätzen zu können, muss man verstehen, wie die Bitcoins funktionieren. Wie alle digitalen Währungen – Bitcoin ist die grösste und bekannteste davon, daneben gibt es Hunderte andere: Ripple, Litecoins, Dogecoins u.v.m. – haben sie ein grundlegendes Problem: die fehlende physische Form. Es gibt nur Daten. Und Daten können ohne grosse Mühe kopiert werden. Es besteht also die Gefahr, dass jemand dieselbe «digitale Münze» mehrfach ausgibt.

Beim Online-Banking mit traditionellen Währungen garantiert die Bank, dass sie das Geld bei einer Überweisung vom Senderkonto löscht und dem Empfänger gutschreibt. Bitcoins kommen ohne Zentralinstanz aus. Das System basiert auf einer Peer-to-Peer-Software, wie sie bei Musiktauschbörsen zum Einsatz kommt. Jeder Nutzer hat eine persönliche, aber anonyme Adresse (ähnlich wie E-Mail) sowie die Bitcoins als kryptografische Codes (wie Passwörter), weshalb Bitcoins als Krypto-Währung bezeichnet werden.

Die Software besteht nun im Wesentlichen aus einem Transaktionsregister, der Blockchain. Dort werden sämtliche Transaktionen notiert nach dem Muster: «Nutzer XY schickt 10 Bitcoins an Nutzer YZ.» Die Transaktionen werden alle zehn Minuten dem Transaktionsregister in Blöcken angehängt, das wie eine Kette fortgeführt wird (daher Blockchain).

Die Software sorgt für Sicherheit, indem sie jeweils nur die längste Transaktionskette beachtet und alle anderen ignoriert. Dahinter steckt die Annahme, dass hinter der längsten Kette eine Mehrheit der Nutzer steht. Damit sind einmal getätigte Transaktionen unwiderruflich, die Gefahr einer Doppelzahlung besteht nicht. Für den Endnutzer ist das System einer Kreditkartenzahlung im Internet sehr ähnlich. Es hat den Vorteil, dass die Nutzung sehr einfach und günstig möglich ist, Kreditkartengebühren fallen weg. Aber um Bitcoins zu erwerben, muss man sie in einer virtuellen Wechselstube gegen traditionelle Währungen eintauschen. Sobald die Bitcoins gespeichert sind, kann man damit bezahlen.

Beschränkte Geldmenge

Wenn es keine Zentralbank gibt – wie kann dann die Geldmenge erhöht werden? Die erstaunliche Antwort lautet: mit einer Art Quiz. Sogenannte Miner lösen mit ihren Computern ein komplexes mathematisches Problem. Der Miner, der den Schlüssel zuerst gefunden hat, wird mit 25 Bitcoins belohnt, so wird die Blockchain erweitert. Alle zehn Minuten werden zurzeit 25 neue Bitcoins erschaffen. Diese Belohnung wird alle vier Jahre halbiert, ab 2018 werden nur noch 12,5 Bitcoins pro Block vergütet. Dadurch ist die Geldmenge begrenzt und wird bei 21 Millionen Bitcoins voraussichtlich im Jahr 2140 abgeschlossen sein.

Mit diesem Mechanismus ist zusammen mit der Systeminfrastruktur auch die Geldschöpfung dezentral geregelt. Es gibt keine Zentralbank, welche die Währung herausgibt. Dieser starre Mechanismus und die Tatsache, dass keine Zentralbank die Währung durch Ausdehnung der Geldmenge schwächen kann, erklären die Begeisterung von Ultralibertären für Bitcoins. Sie sehen die virtuelle Währung als Schutz vor der Geldentwertung.

Währung mit Kinderkrankheiten

Aber was sind nun Bitcoins? Eine Währung? Ein Wertpapier? Oder digitales Gold? Alle drei Definitionen treffen teilweise zu. Weil Bitcoins Eigenschaften haben, die sich grundlegend von staatlichen Währungen unterscheiden, ist eine exakte Definition schwierig. Mit der beschränkten Menge und der Möglichkeit zur Wertaufbewahrung sind sie Gold ähnlich, wenn auch ohne physische Existenz. Die Tatsache, dass viele Nutzer Bitcoins als Spekulationsobjekt halten, sowie die wilden Kursschwankungen (von 100 Dollar auf über 1000 Dollar im Jahr 2013, momentan wieder zwischen 300 und 400 Dollar) wegen der vorübergehend hohen (und wieder enttäuschten) Erwartungen an einen Durchbruch als Währung, denen das virtuelle Geld unterliegt, sprechen eher für ein – risikoreiches – Wertpapier. So sehen es auch die Steuerbehörden mehrerer Länder, weshalb auf Kursgewinne mit Bitcoins Steuern fällig werden, während Überweisungen dafür von der Mehrwertsteuer befreit sind.

Die tiefen Transaktionskosten und der einfache Transfer über den Globus hinweg sowie der Umstand, dass man bereits bei vielen Anbietern im Internet mit Bitcoins bezahlen kann, sprechen für eine Währung. Eine Währung mit Kinderkrankheiten – zu denen die Kursschwankungen gehören – vielleicht, aber dennoch eine Währung.

Vertrauen ist alles

Haben Bitcoins das Potenzial, alltäglich zu werden und den Zentralbanken das Geldmonopol zu entreissen? Die Chancen stehen schlecht. Selbst wenn die Verbreitung als Zahlungsmittel weiter zunimmt, der Vorteil der Dezentralisierung ist gleichzeitig auch der grösste Nachteil des Systems: Es gibt keine Instanz, die den Wert der Währung garantiert. Dies ist bei gesetzlichen Zahlungsmitteln der Fall und schafft ein gewisses Vertrauen. Am Ende ist dieses Vertrauen entscheidend für jede Währung, die über Tauschgüter hinausgeht.

Eine Währung ist nur so viel wert wie der Glaube daran, dass man auch morgen noch damit einkaufen kann. Bricht dieses Vertrauen weg, kann ihr Wert schnell sinken, was bei den Bitcoins Anfang des Jahres 2014 eintraf. Auch der umgekehrte Fall ist schädlich: Der Wertzuwachs der Bitcoins im Jahr 2013 entspräche einer die Wirtschaft lähmenden Deflation, wären sie das allgemeine Zahlungsmittel. Diese Wertschwankungen behindern eine weitere Verbreitung als Zahlungsmittel.

Dennoch haben Bitcoins in gewissen Bereichen und Ländern eine Zukunft. Als Transaktionssystem könnten sie bei einer Verknüpfung mit dem traditionellen Finanzsystem einen Kostenvorteil gegenüber Kreditkarten oder Anbietern wie Western Union haben. In Ländern wie Argentinien oder Simbabwe, wo das Vertrauen in die Werterhaltung der eigenen Währung sehr gering ist, sind Bitcoins eine Alternative, die mit wachsendem Erfolg genutzt wird.

Am Ende bleibt die Frage, wem man mehr vertraut: der eigenen Zentralbank oder einem anonymen Netzwerk im Internet.