Besser als die andern?
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Besser als die andern?

Die Politik soll sich im Ausland offensiv verhalten, denn das Image der Schweiz sei nach wie vor sehr gut, findet eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Doch das Selbstvertrauen bekommt Risse.

Für 61 Prozent der im Rahmen des Credit Suisse Sorgenbarometers 2015 Befragten zählt das Verhältnis zu Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz, inklusive Flüchtlingen und Asylsuchenden, zu den Hauptsorgen des Landes. Die Sorgen um die Zuwanderung stehen in Zusammenhang mit dem Verhältnis der Schweiz zum Ausland. Am wichtigsten hier ist die Europäische Union, aus der weitaus am meisten Einwanderer stammen.

Der Blick aufs Image wird kritischer

Hat das Ansehen der Schweiz nach der Annahme der Initiative gegen die Masseneinwanderung gelitten? Ja, aber nicht in dramatischem Ausmass, lautet die Einschätzung der Befragten. Glaubten vor zwei Jahren 31 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, das Image im Ausland habe sich innert Jahresfrist verschlechtert, so sind es nun 38 Prozent. Dieser Minderheit steht jedoch mit 40 Prozent eine grössere Anzahl an Stimmbürgern gegenüber, die meinen, eine Imageverbesserung festgestellt zu haben.

Folgerichtig geht eine Mehrheit von 73 Prozent (-3 Prozentpunkte [pp] seit 2014) davon aus, dass das Bild der Schweiz im Ausland gut oder sogar sehr gut ist. Allerdings haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mit einer kritischen Sicht deutlich zugenommen auf nunmehr 25 Prozent (+14pp).

Wirtschaftlich überlegen

Das Selbstvertrauen, das sich in diesen Zahlen manifestiert, baut nicht zuletzt auf die Einschätzung der wirtschaftlichen Stärke. Nach wie vor sind 93 Prozent der Meinung, die hiesige Wirtschaft stehe besser da als die ausländische; für 28 Prozent schneidet sie im Vergleich sogar «sehr gut» ab. Dennoch relativieren zunehmend kritische Stimmen diesen Optimismus, und gerade in Bezug auf das politische Verhalten der Schweiz scheint eine gewisse Verunsicherung spürbar. Hielten noch 2013 zwei Drittel der Stimmbürger das Vorgehen der Politik für defensiv, so liegt dieses Lager inzwischen etwa gleichauf mit jenem, welches das Gegenteil für den Fall hält: Derzeit sind für 44 Prozent (-5pp) die Schweizer Politikerinnen und Politiker im Ausland eher offensiv, für 49 Prozent (+2 pp) hingegen eher defensiv.

Nach wie vor stärkt aber eine klare Mehrheit von 64 Prozent (-15pp) der Politik den Rücken und wünscht sich in den kommenden zwölf Monaten ein (noch) offensiveres Vorgehen. Gleichzeitig haben sich noch nie so viele Befragte wie jetzt ein besonnenes, eher defensives Agieren gewünscht: 30 Prozent (+13pp) im Vergleich zur bisherigen Höchstmarke von 22 Prozent im Jahr 2012.

Wäre der EWR eine Alternative?

Konkret zum künftigen Verhältnis mit der Europäischen Union befragt, befürworten die meisten Schweizerinnen und Schweizer den Status quo, also die Fortsetzung der bilateralen Verträge. In erster Priorität sind 47 Prozent (-3pp) dafür, in zweiter Priorität würden weitere 13 Prozent (-3pp) den bilateralen Verträgen zustimmen. Als ernsthaft zu prüfende Alternative wird der Beitritt zum EWR von 18 Prozent (+6pp) der Befragten in erster Priorität sowie weiteren 28 Prozent (-1pp) in zweiter Priorität in Erwägung gezogen. Noch einen Schritt weiter gehen und Mitglied der Europäischen Union werden möchten lediglich 8 Prozent (+4pp) in erster, beziehungsweise weitere 15 Prozent (+5pp) in zweiter Priorität. Für die Kündigung der Bilateralen Verträge sind 18 Prozent (-6pp) in erster sowie 6 Prozent (-1pp) in zweiter Priorität.

Versucht man die unterschiedlichen Positionen den Parteien zuzuordnen, so ergibt sich folgendes Bild (erste Priorität): Für die Fortsetzung der Bilateralen Verträge sind vor allem die Sympathisanten der CVP (55 Prozent), der SP und der FDP (49 Prozent), am wenigsten die Anhänger der SVP (41 Prozent) sowie die Parteiungebundenen (33 Prozent); die grösste Akzeptanz für das Aufkünden der bilateralen Verträge findet sich bei den Wählern der SVP (24 Prozent), der SP (22 Prozent) und bei den Unabhängigen (20 Prozent), deutlich weniger bei FDP- (16 Prozent) und CVP-Sympathisanten (13 Prozent).

Gewünschtes Verhalten der Politik im Ausland

Für den EWR votieren vor allem die Befragten, die der FDP nahestehen (22 Prozent) sowie die ungebundenen Stimmbürger (21 Prozent), gefolgt von den SVP- (19 Prozent), CVP- (18 Prozent) und SP-Sympathisanten (13 Prozent). Einen Beitritt zur Europäischen Union am wenigsten vorstellen können sich Anhänger der FDP (5 Prozent), der SVP (7 Prozent) und der SP (8 Prozent), eher schon die der CVP (13 Prozent). Bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, die sich an keine Partei gebunden fühlen, sind es sogar 15 Prozent. Eine neu gegründete Europapartei würde demnach in der Schweiz zwar nicht staatstragend, hätte aber vermutlich doch ein gewisses Wählerpotenzial.