Berlin – Europas neue Start-up Hauptstadt

Günstige Mieten locken junge Talente und Firmen-Gründer nach Berlin. Über zwei Milliarden Dollar wurden dort 2014 investiert, unter anderem in E-Commerce und Finanztechnologie. Ein Lagebericht.

Ein kleiner weisser Roboter mit kindlichem Ausdruck auf dem Bildschirm-Gesicht kurvt unsicher über den Hof und wird von einer aufgeregten Gruppe von Firmen-Gründerinnen fotografiert. Neugierige Investoren schlendern zwischen den Stehtischen aus alten Ölfässern auf dem Gelände der alten Teppichfabrik im Osten Berlins umher. Junge Firmengründer sitzen auf Holzpaletten und improvisiert wirkenden Sofas. Unter einem Bierzelt rattern 3D-Drucker vor sich hin. Das Tech Open Air (TOA) ist das jährliche Sommerfest der Berliner Start-up Szene.

Günstige Mieten locken Talente nach Berlin

In den letzten Jahren ist Berlin nach San Francisco zu einem der wichtigsten Zentren der Start-up-Szene geworden. Die Ideen aus dem Silicon Valley haben ganze Branchen umgegraben. Die Chancen stehen gut, dass einige der grossen Innovationen der Zukunft aus Berlin kommen werden.

Nikolas Woischnik an diesem Tag für ein Gespräch abzufangen, ist nicht einfach. Woischnik ist der Gründer und Organisator des TOA. Kontakte sind alles in seinem Geschäft und irgendwer will immer was von ihm.

Woischnik arbeitet seit fünf Jahren mit Start-ups. Auf der Website witzeln seine Kollegen darüber, dass er langsam graue Haare bekomme. «Am Anfang standen eigentlich die günstigen Mieten in Berlin. Das hat talentierte Menschen hergelockt, die bereit waren, den ganz klassischen Karriereweg zu verlassen,» erzählt er.

Konzerne brauchen Ideen, Start-ups brauchen Vertriebswege

Die traditionelle Industrie in Deutschland sitzt nicht in Berlin. Hier sind die Büros, aber produziert wird im Süden. «Für Innovation und Kreativität braucht es nicht unbedingt den Zugang zur 'Old Economy',» sagt Woischnik. «Doch für den Vertrieb – also um das Produkt an den Mann zu bringen – braucht man etablierte Konzerne. Bei diesen ist es dafür genau andersrum: Vertrieb können die, aber mit Innovationen tun die sich oft schwer.»

Woischnik lebt davon, die alte und die neue Wirtschaft zusammenzubringen. BMWs Mini, Axel Springer, KPMG – ein buntes Portfolio von Marken, die er 'Old Economy' nennt, tummeln sich auf dem TOA. «Rewe, Lufthansa, Metro, Tengelmann  und eigentlich alle grossen deutschen  Konzerne schauen sich gerade in der Szene um,» erzählt Woischnik.

Etwas weiter hinten, an einem Stand mit der Aufschrift «TechBerlin», stehen drei Herren von IBM, auch in T-Shirt und Jeans. Die Stimmung bei IBM ist entspannt. Vielleicht liegt das daran, dass der IT-Riese nicht wie andere Konzerne das Gefühl hat, plötzlich die Digitale Revolution nachholen zu müssen: IBM hat einen der ersten PCs gebaut und ist selbst massgeblich an der Digitalen Revolution beteiligt.

Der Konzern hat sich weltweit 30 Städte ausgesucht, in denen er die Start-up Kultur begleiten will. «New York startete als erste Stadt, darauf folgte Berlin, dann London und in den letzten Monaten kam Amsterdam hinzu», erzählt Ralf Heinke, Representative Startups & Cloud ISVs'. «Die Grossen merken, wie die Geschäftsmodelle sich verändern und dass sie etwas tun müssen, um nicht abgehängt zu werden.»

2,2 Milliarden Dollar wurden in Berlin investiert

Laut einer Studie der Zeitung «Die Welt» hat Berlin im vergangenen Jahr mehr Wagniskapital angezogen als London. 2,2 Milliarden seien demnach in Berlin investiert worden und 1,5 Milliarden Dollar in London. Die Investitionen in Berlin wachsen schneller: Laut der Studie hat sich die Höhe der Investitionen vom ersten Quartal 2014 zum ersten Quartal 2015 in Berlin mehr als verdreifacht. In London stieg sie auf das 2,5-fache.

Während London sich als Bankenstandort eher auf Finanztechnologie (FinTech) konzentriert , ist Berlin zu Europas E-Commerce Zentrum geworden. Ein grosser Teil des Berliner E-Commerce entfällt dabei auf den Berliner Start-up-Builder Rocket Internet. Allein dessen Essenslieferant «Delivery Hero» sammelte 2014 laut der Studie eine halbe Milliarde Dollar ein. Und im laufenden Jahr soll es bereits bis zum Sommer wieder eine halbe Milliarde sein.

Die Studie zeigt deutlich, wo in Berlin die Schwerpunkte liegen: Von den 2,2 investierten Milliarden flossen 1 Milliarde in Consumer-Dienstleistungen (in London 572 Millionen Dollar) und eine Milliarde in Geschäfts- und Finanzdienstleistungen (in London 680 Millionen Dollar.)

Finanztechnologie Start-ups werden in Serie produziert

Von der Milliarde an Dollars, die laut der Studie in Berliner Geschäfts- und Finanzdienstleistungen gesteckt wurden, dürfte ein beachtlicher Teil über den Schreibtisch von Jan Beckers gegangen sein.

Beckers ist Gründer der Company-Builder «Hitfox» und «Finleap». Das Büro von Finleap in Berlin Mitte erinnert an das einer erfolgreichen Werbeagentur: Grosse, offene Büros, gläserne Besprechungsräume, Schreibtische auf denen beiläufig ein paar Macbooks herumstehen.

Jan Beckers ist 32, er lässt sich von seinen Mitarbeitern duzen. «Ein Termin mit Herrn Beckers? Ach, Jan, der müsste gleich hier sein.» Seit er 20, ist gründet Beckers Unternehmen. Eines davon, das Werbetechnologie Unternehmen Fyber, wurde 2014 für rund 150 Millionen Euro von RNTS Media gekauft.

Mit dem Company-Builder 'Finleap' produziert Beckers jetzt FinTech-Start-ups in Serie. «Auch Banken stehen vor einem gewaltigen Umbruch,» sagt Beckers. «Geldtransfer von A nach B ist ein Beispiel: In nur wenigen Jahren haben Banken dieses lukrative Geschäftsfeld an FinTechs verloren. Andere Geschäftsfelder werden folgen.»

Typische Bankprodukte würden nach des nach aus dem Portfolio herausgebrochen und von einem genau auf dieses Produkt spezialisierten Start-up angeboten, so Beckers. Gut möglich, dass diese langfristig wieder in neue Konzernen eingegliedert würden. «Aber die Bankenlandschaft wird sich grundlegend verändern,» so Beckers.

Im Zuge der Digitalen Revolution sieht Beckers Berlins grosse Chance: «Weil es hier keine klassischen Industrien gibt, ist es hier ja so günstig. Das Neue, was hier gerade entsteht, das ist, was die Wirtschaft in den nächsten 10-20 Jahren und darüber hinaus beherrschen wird. Insofern muss Berlin sehr dankbar sein, dass es diese Lücke vorher gab,» erklärt Beckers.

Günstige 3D-Drucker für die Industrie 4.0

René Gurka macht Hardware. Er ist Mitgründer und CEO des 3D-Drucker-Herstellers BigRep. Auf dem Drucker-Markt gibt es kleinformatige Drucker für Bastler und Konsumenten für ein paar Tausend Euro und industrielle 3D-Drucker einer amerikanischen Firma, die sich um die 400.000 Dollar bewegen. BigRep positioniert sich dazwischen: Die Drucker von BigRep kosten 37.000 Euro und können trotzdem Modelle bis zu einem Kubikmeter gross ausdrucken.

Im Büro von BigRep in einem Hinterhof im Berliner Bezirk Kreuzberg stehen selbst ausgedruckte Stühle und Tische. «Unser Ziel ist es, dass in zwei, drei Jahren BigRep das Synonym für günstigen, grossformatigen 3D-Druck ist. Wir wollen der Massenanbieter sein,» sagt Gurka.

Dabei gehe es nicht darum, die Produktion von beispielsweise Plastikteilen von Spritzguss auf 3D-Druck umzustellen. Erstmal, so Gurka, geht es um Modellbau für Architektur, Prototyen und Spezialanfertigungen. «Jeder Designer, Ingenieur, Architekt – alle arbeiten am Computer. Wenn dann aber, beispielsweise in der Autoindustrie, Prototypen gebaut werden sollen, werden in Handarbeit Lehmklumpen geschliffen. Industrie 4.0 bedeutet für mich digital produzierte Prototypen.» sagt Gurka.

Neben ihm auf dem Tisch liegt ein blaues Plastikstück, der Unterboden eines japanischen Putzroboters. «Wenn die Entwicklungsabteilung jetzt etwas an den Plänen verändert, können sie es über Nacht ausdrucken und am nächsten Morgen ausprobieren.» Langfristig glaubt Gurka an eine Vermischung von Serienfertigung und Einzelteilen: In Serie gefertigte Autos mit einem Sitz, der speziell für den Rücken des Kunden gefertigt wurde, beispielsweise mit einen 3D-Drucker. BigRep gibt es seit 15 Monaten. In den ersten drei Monaten wurde getestet und Prototypen erstellt. In den letzten 12 Monaten hat das Unternehmen ca. 200 Drucker verkauft.

Kapital aus Süddeutschland, Ideen aus Berlin

Viele Hardware-Start-ups haben sich im Süden Deutschlands angesiedelt, dort, wo auch das grosse produzierende Gewerbe ist. Ein guter Teil des Kapitals, mit dem BigRep arbeitet, kommt aus dem Süden. Auch die Drucker werden von einem Anbieter im Süden zusammengebaut. «Das wir in München gelandet sind, hängt mit den Kontakten unseres Investoren zusammen. An die klassischen industriellen Outsourcing-Partner ist als Start-up schwer ranzukommen. Die bauen dann lieber für Würth oder für Bosch oder Siemens. Dann wissen die, dass sie die nächsten drei Jahre das gleiche einfache Teil produzieren können,» erzählt Gurka.

Die meisten Wagniskapitalgeber in Berlin investierten nur in Digitalisierung und E-Commerce, so Gurka. Für Hardware sei es wesentlich schwerer, Investoren zu finden. Für das Personal, so der Gründer, sei der Standort hingegen bestens: Berlin sei attraktiv für junge Talente und BigRep in der Szene bekannt. Ein junger Ingenieur geht vor dem Glaskasten vorbei, in dem das Interview stattfindet. «Der zum Beispiel war vorher bei der Nasa,» sagt Gurka und deutet mit dem Finger auf ihn. «Er hat sich in einer Italienerin verliebt und lebt nun in Berlin. Zu uns kam er, weil er 3D-Druck spannend fand.»

'Silicon Hinterhof' oder 'Silicon Allee' – solche Wortspiele sind beliebt in Berlins Gründerszene. «Was uns noch fehlt ist ein richtiges Facebook oder Google,» sagt Jan Beckers in Anspielung an das Silicon Valley in Kalifornien.