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Eric Varvel: «Von Chinas Wachstum profitieren»

Trotz der wirtschaftlichen Dimensionen Chinas sind internationale Anleger in China noch immer unzureichend engagiert. Eric M. Varvel erläutert warum.

Herr Varvel, China ist inzwischen ein fester Bestandteil der Weltwirtschaft. Gilt das auch für seine Bedeutung in den Portfolios globaler Anleger?

China ist mit einem BIP von ca. USD 12 Billionen bereits die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Der chinesische Aktienmarkt rangiert auf Platz zwei und der lokale Anleihenmarkt auf Platz drei der Welt. Trotz dieser Dimensionen sind internationale Anleger in China noch immer unzureichend engagiert. Doch allmählich ändert sich das. Die Aufnahme chinesischer A-Aktien in die MSCI-Indizes und die gute Marktperformance schärfen zunehmend das Bewusstsein der Anleger für die richtige Grössenordnung der regionalen Allokationen. Begünstigt wird diese geografische Verlagerung durch die bessere regulatorische Transparenz und Corporate Governance. Attraktive Bewertungen in Relation zum Gewinnwachstum, höhere Renditen und die geringere Korrelation mit den Industrieländern verbessern unseres Erachtens die risikobereinigten Erträge globaler Anlageportfolios.

Der chinesische Aktienmarkt rangiert auf Platz zwei und der lokale Anleihenmarkt auf Platz drei der Welt.

Eric Varvel

Die meisten chinesischen Firmen notieren nur als «A-Aktien» an den Festlandsbörsen in Shanghai und Shenzhen. Wie unterscheiden sich diese Handelsplätze von den USA und Europa?

Es gibt wichtige Unterschiede, die globalen Investoren den Zugang zu den meisten chinesischen Unternehmen erschweren. Die in Shanghai und Shenzhen kotierten A-Aktien werden deshalb in erster Linie von inländischen Anlegern gehalten. Insgesamt ist die Marktkapitalisierung dieser Börsen auf über USD 7 Billionen angewachsen. Es gab einige bedeutende Neuerungen, um die Hürden für globale Anleger zu senken. Mit der Zeit dürfte die Internationalisierung des RMB und der Kapitalmärkte in China bewirken, dass sich die Börsen in Shanghai und Shenzhen ihren globalen Pendants annähern.

A-Aktien werden bald in die MSCI-Indizes aufgenommen. Was bedeutet das für die Anleger?

Im Juni 2018 werden 0,73 % der MSCI Emerging Market Indizes auf wenige hoch kapitalisierte A-Aktien entfallen. Wir glauben, dass ihre Allokation in den Schwellenmarktindizes deutlich steigen wird und sie später auch in die globalen Indizes aufgenommen werden. Dementsprechend werden passive Index-Tracking- und benchmarkorientierte Strategien ihren Anteil chinesischer Titel stetig und vorhersehbar erhöhen. Globale Anleger nehmen bereits eine fundamentale Neubewertung ihrer Engagements in A-Aktien und Lokalwährungsanleihen vor.

China erlebt den gleichen Reifeprozess wie andere Länder im Zuge ihrer industriellen Revolution.

Eric Varvel

Chinesische Internetfirmen erhielten zuletzt viel Aufmerksamkeit und die Bewertungen erscheinen sehr hoch. Sind diese Unternehmen Ihrer Meinung nach eine Chance oder ein Risiko für die Anleger?

China hat einen florierenden Technologiesektor, der Pionierarbeit leistet, vor allem im Einsatz mobiler Technologien. Anders als Firmen in den USA und Europa, die schon global tätig sind, hat die Expansion chinesischer Technologiekonzerne gerade erst begonnen. Ihre Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Marktdurchdringung werden alle überraschen. Viele dieser Unternehmen haben ein enormes Potenzial, aber man muss auch auf die Bewertungen und potenziellen Risiken achten.

China möchte nicht mehr nur die «Werkbank der Welt» sein. Zurzeit läuft der Zukunftsplan «China Manufacturing 2025», der eine komplette technologische Umrüstung der heimischen Fertigungsindustrie umfasst. Wie wird sich die Umsetzung dieses Plans auf die Weltwirtschaft auswirken?

Mit steigenden Lohnkosten und einer alternden Bevölkerung wird China vielleicht nicht mehr die preiswertesten Schuhe oder T-Shirts herstellen. China erlebt den gleichen Reifeprozess wie andere Länder im Zuge ihrer industriellen Revolution. Der Fokus auf Bildung und qualifizierten Fachkräften begünstigt die Wettbewerbsfähigkeit in der höherwertigen Produktion und anderen Sektoren wie etwa Technologie. Die Qualität des Wachstums hat sich verbessert, da sich China zunehmend von einer export- und investitionsorientierten zu einer konsum- und dienstleistungsorientierten Volkswirtschaft entwickelt. Das ist unseres Erachtens gut für ein nachhaltiges globales Wachstum, wird den internationalen Unternehmen, die in diesen Branchen konkurrieren, aber auch einiges abverlangen. Letztlich sind Welthandel und Wettbewerb etwas Positives.