Verhaltensökonomie: Überschätzen Sie sich selbst?
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Verhaltensökonomie: Überschätzen Sie sich selbst? 

Beim Anlegen geht es darum, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Bei jeder möglichen Anlage entscheiden wir uns dafür oder dagegen. Das Erfolgsrezept ist simpel: einfach etwas häufiger die richtige anstatt die falsche Entscheidung zu treffen.

Alle Menschen neigen zu einem gewissen Grad zu nachteiligen Verhaltensmustern, die Anlageentscheidungen verzerren können. Anleger können einige Regeln befolgen, um sich des Ausmasses ihrer Neigung bewusst zu werden und die negativen Auswirkungen einzudämmen.

Anlageentscheidungen werden nie vollkommen rational getroffen.

Die Frage, wie sich der Entscheidungsprozess in unserem Kopf abspielt, ist ein interessantes Thema in der Psychologie und im Bereich Behavioral Finance. Wir sind nicht gänzlich rational, wenn wir Entscheidungen treffen. Je nach Persönlichkeit, psychologischen Wesensmerkmalen, Stimmung oder auch je nachdem, was vor unserer Entscheidung passiert ist, sind wir in unserer Weltanschauung voreingenommen. Einige Neigungen treten bei Experimenten und beim Marktverhalten immer wieder in Erscheinung.

Überschätzen Sie sich selbst?

Bei Experimenten ist stets eine gewisse Neigung zur Selbstüberschätzung festzustellen. Doch wie können Sie herausfinden, ob auch Sie davon betroffen sind? Hier ein kleines Spiel, mit dem Sie das Ausmass ihrer eigenen Neigung zur Selbstüberschätzung testen können: Versuchen Sie bei den nachfolgenden Fragen die Spanne zu schätzen, in der die richtige Antwort Ihrer Einschätzung nach zu 90 Prozent liegt. Sie können natürlich clever sein und «negativ unendlich» und «positiv unendlich» angeben. Doch darum geht es nicht. Geben Sie eine möglichst genaue Schätzung ab. 

Die richtigen Antworten finden Sie am Ende dieses Artikels. Wenn auch Sie – wie die meisten von uns – zur Selbstüberschätzung neigen, werden Sie etwa 3-5 Fragen richtig beantworten. Eine Person mit einer gesunden Selbsteinschätzung dürfte entsprechend der Aufgabenstellung hingegen durchschnittlich neun richtige Antworten geben. Auch wenn die Testteilnehmer auf die Neigung zur Selbstüberschätzung hingewiesen werden (wie in Ihrem Fall im obenstehenden Abschnitt), schätzen sie ihre Schätzfähigkeiten falsch ein.

Selbstüberschätzung – wir alle neigen dazu

Selbstüberschätzung zählt zu den häufigsten Neigungen, die in Verhaltensstudien untersucht werden. Die meisten Menschen sind davon betroffen – sowohl Fachleute als auch Laien. Ein anschauliches und seit langem bekanntes Beispiel sind Umfragen, bei denen die Befragten ihre Fahrkünste beurteilen sollen. In einer Studie aus dem Jahr 1981 fragte Ola Svenson Studierende, wie sie ihr fahrerisches Können und ihre Fahrsicherheit im Vergleich zu anderen einschätzen würden. Ganze 93 Prozent gaben an, dass ihre Fahrkünste insgesamt über dem Durchschnitt lägen, und 88 Prozent schätzten ihre Fahrsicherheit überdurchschnittlich ein, was schlichtweg nicht möglich ist. 

Drei Kategorien der Selbstüberschätzung

Overestimation

Überschätzung der eigenen Fähigkeiten (Overestimation) – Menschen überschätzen ihre Leistung oder Fähigkeit, den Ausgang einer Situation kontrollieren zu können, und überschätzen somit die Wahrscheinlichkeit von unwahrscheinlichen Ereignissen

Overprecision

Überschätzung des eigenen Wissens (Exaktheit, Aktualität usw. (Overprecision)) – Menschen setzen zu viel Vertrauen in ihre eigenen Prognosen oder Analysen, und insbesondere in ihre Exaktheit

Overplacement

Überschätzung der eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen (Overplacement) – Menschen schätzen sich im Vergleich zu anderen besser, als sie tatsächlich sind, oder «überdurchschnittlich» ein

Was die Wissenschaft dazu sagt

Gervais und Odean haben gezeigt, dass Menschen «lernen, sich selbst zu überschätzen», da eine fehlerhafte Selbstzuschreibung langsam zu einer Selbstüberschätzung führt. Wenn eine Person erstmals Anlagen tätigt, ist sie sich ihrer Fähigkeiten nicht bewusst. Doch mit zunehmender Anlageerfahrung schreibt sie ihren Erfolg in grösserem Masse ihren Fähigkeiten zu und sucht die Schuld für Misserfolge bei äusseren Faktoren, wie z. B. Marktbedingungen.

Fachwissen bringt keine besseren Prognosen

Bei ihren Experimenten zu Aktienprognosen mit Fachleuten und Laien fanden Torngren und Montgomery heraus, dass beide Gruppen annahmen, dass die Fehlerquote bei Laien höher als bei Fachleuten liegen würde. Wie Abbildung 2 zeigt, überschätzten beide Gruppen die Kompetenzen der Fachleute stark und schätzten ihre Fehlerquote im Vergleich zur tatsächlichen Fehlerquote falsch ein.

Abbildung 1: Durchschnittliche Genauigkeit und Selbsteinschätzung bei der Anlagenauswahl (Prozent)

Abbildung 1: Durchschnittliche Genauigkeit und Selbsteinschätzung bei der Anlagenauswahl (Prozent) 

Quelle: Torngren und Montgomery (2004) 

Abbildung 2: Geschätzte Fehlerquote von Fachleuten und Laien bei Aktienprognosen

Abbildung 2: Geschätzte Fehlerquote von Fachleuten und Laien bei Aktienprognosen

Quelle: Torngren und Montgomery (2004)

Als Fachleute gefragt wurden, nach welchen Kriterien sie ihre Entscheidungen treffen, nannten die meisten von ihnen Know-how und Intuition, wohingegen sich die Laien auf Vermutungen oder die Analyse früherer Renditen verlassen. Dies gibt einige Hinweise darauf, wie die Neigung zur Selbstüberschätzung funktioniert. Fachleute lassen sich von der Annahme verleiten, dass mehr Kenntnisse und Erfahrung zu besseren Prognoseergebnissen führen. Allerdings steigt dadurch lediglich die Selbsteinschätzung, nicht jedoch die tatsächlichen Kompetenzen. Laien scheinen besser kalibriert, ganz im Sinne des bescheidenen Bekenntnisses von Sokrates: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.»

Abbildung 3: Einsatz von Beurteilungsstrategien – Fachleute im Vgl. zu Laien

Abbildung 3: Einsatz von Beurteilungsstrategien – Fachleute im Vgl. zu Laien

Steigende Wichtigkeit von 0 bis 10

Quelle: Torngren und Montgomery (2004)

Sensation Seeking, Handelsaktivität und Geschlecht

Selbstüberschätzung führt häufig zu erhöhten Handelsaktivitäten aufgrund des Irrglaubens, man sei in der Lage, den Wert eines Wertpapiers besser als alle anderen einzuschätzen, und der Hoffnung, höhere Renditen erzielen zu können. Das Eingehen von Positionen in Wertpapieren bringt Spannung und facht einen höheren Umsatz an. Grinblatt und Keloharju stellten bei Anlegern, die stets nach neuen und intensiven Reizen und/oder Erfahrungen suchen, deutlich höhere Börsenumsätze fest. Die erhöhte Handelsaktivität führte schliesslich zu einer negativen Performance. Barber und Odean fanden in einer ähnlichen Studie mit mehr als 35'000 Haushalten heraus, dass Männer 45 Prozent mehr als Frauen handelten und dass diese höhere Handelsaktivität die Nettorendite der Männer um 0,94 Prozentpunkte im Vergleich zu jener der Frauen schmälerte.

Was kostet Selbstüberschätzung?

Bence et al. konnten ermitteln, in welchem Ausmass die Selbstüberschätzung die Anleger mit unterschiedlichem Kenntnisstand in einem experimentellen Börsenumfeld trifft. Wie in Abbildung 4 zu sehen ist, lag die negative relative Performance im Vergleich zum Markt bei Personen mit durchschnittlichem Kenntnisstand zwischen 0 und -5 Prozent, wohingegen Personen mit keinerlei Kenntnissen +1 Prozent und Insider +8 Prozent erzielten. Wenn sie ein paar Kenntnisse hatten, handelten sie schlechter als ohne jegliche Kenntnisse.

Abbildung 4: Relative Rendite im Vgl. zum Kenntnisstand

Abbildung 4: Relative Rendite im Vgl. zum Kenntnisstand 

Quelle: Bence et al. 2007

Selbstüberschätzung liegt in der Natur des Menschen. Anstatt diese Neigung also zu bekämpfen, sollte man sich stets dieser Neigung bewusst sein und Entscheidungen entsprechend überdenken. Denken Sie als Hilfestellung bei jeder Anlageentscheidung an einige Regeln:

So gehen Sie nicht in die Falle der Selbstüberschätzung

Verlassen Sie sich nicht auf Prognosen

Vertrauen Sie bei Anlageentscheidungen nicht zu stark auf Prognosen und stellen Sie sich immer eine Frage: «Was geschieht, wenn es anders läuft?» Dies ist ein einfacher, jedoch effektiver Ansatz zur Steuerung der Risiken.

Versuchen Sie nicht, Anlagen zu «terminieren»

90 Prozent des Portfoliorisikos beruhen auf der strategischen Asset Allocation. Das Gleiche gilt für die meisten Gesamtrenditen. Widmen Sie strategischen Entscheidungen mehr Zeit und verbringen Sie weniger Zeit mit Market-Timing.

Anlage-Checklisten können hilfreich sein

In einer Anlage-Checkliste werden alle relevanten fundamentalen Treiber und Risiken einer Anlage beurteilt, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass alternative Szenarien ignoriert werden oder zu viel Vertrauen in ein bestimmtes Ergebnis gesetzt wird, verringert wird.

Seien Sie auf der Hut vor der nächsten Blase

Wenn Kursanstiege auf lange Sicht nicht mit Fundamentalfaktoren begründet werden können, schauen Sie sich genauer an, warum eine Anlage oder Anlageklasse so beliebt ist.

Vertrauen Sie auf niedrige Drawdowns statt auf Wachstumsprognosen

Strategien, die auf niedrige Drawdowns setzen, erzielen eine Outperformance nicht aufgrund einer besseren Hausse-Performance, sondern aufgrund geringerer Abschwünge.

 

Quiz-Antworten 1) 80'740 kg; 2) 54; 3) 483; 4) 8,9 Millionen; 5) 1214; 6) 84,6 Prozent; 7) 22; 8) 1452; 9) 4,28 Billionen; 10) 664,7