«Barry Callebaut ist auch ein KMU»

«Bei den KMU geht es um den Mittelstand und die Werte, die dieser verkörpert. Diese finden wir sehr oft in Familienunternehmen. So gesehen ist Barry Callebaut auch ein KMU», sagt niemand geringerer als CEO Jürgen B. Steinemann.

Andreas Schiendorfer: Barry Callebaut ist der grösste Schokolade- und Kakaoproduzent weltweit. Wie ist es dazu gekommen?

Jürgen B. Steinemann: 1996 durch die Fusion des belgischen Schokoladenherstellers Callebaut und des französischen Kakaoverarbeiters Cacao Barry. Vom Schweizer Hauptsitz aus arbeiten wir konsequent auf die Vision der Mehrheits-Eignerfamilie Jacobs hin: «Wir sind das Herz und der Motor der Schokoladen- und Kakaoindustrie.»

Dann stört es Sie sicher, dass viele Konsumenten den Namen dieses Herzens und Motors gar nicht kennen?

Im Gegenteil. Im Schatten lässt es sich gut arbeiten. Das hat mich schon mein Grossvater gelehrt. Wer im Schatten steht, kann in die Sonne schauen. Wer aber in der Sonne steht, weiss nie, wer im Schatten wie auf ihn schaut.

Am Aussenwirtschaftsforum von Switzerland Global Enterprise haben Sie in erster Linie vor Schweizern KMU-Vertretern gesprochen. Wie fühlten Sie sich dabei als CEO eines Unternehmens mit über 9000 Mitarbeitenden?

Sehr wohl und unter meinesgleichen. Meine Definition von KMU richtet sich nicht nach der Anzahl Mitarbeiter und dem Umsatz. Bei den KMU geht es um den Mittelstand und die Werte, die dieser verkörpert. Diese finden wir sehr oft in Familienunternehmen. So gesehen ist Barry Callebaut auch ein KMU.

Sie sprachen über den weltweit wachsenden Mittelstand und die daraus für Unternehmen entstehenden Chancen…

Zum Mittelstand, den man global natürlich anders definiert als in der Schweiz, gehörten im Jahr 2009 rund 1,8 Milliarden Menschen, im Jahr 2020 dürften es 3,2 Milliarden und nochmals zehn Jahre später bereits 4,9 Milliarden sein. Das bietet riesige Chancen, aber nicht in Europa. Dieses Wachstum findet in den neuen Märkten, vor allem in Asien, statt.

Sie haben die Weichen in den letzten Jahren entsprechend gestellt, dürfen wir annehmen.

Wir haben unseren Footprint tatsächlich gesetzt. Vor sechs Jahren hatten wir eine Fabrik in Asien und eine in Lateinamerika. Jetzt sind es deren neun in Asien und sieben in Lateinamerika. Aber wir stehen noch ganz am Anfang dieser Entwicklung, wenn man bedenkt, dass momentan erst vier Prozent unserer Verkaufsmenge auf Asien entfällt. Das hat auch damit zu tun, dass Schokolade in Asien nicht überall als Genussmittel bekannt ist.

Verfolgen Sie in den verschiedenen globalen Regionen unterschiedliche Strategien?

Das nachhaltige, profitable Wachstum, das wir anstreben, beruht auf vier strategischen Pfeilern: Expansion, Innovation, Kostenführerschaft und nachhaltiger Kakao. Diese Pfeiler werden je nach Region anders gewichtet. In Asien ist die Kostenführerschaft zentral, in Europa wird der nachhaltige Kakao zunehmend zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.

Was raten Sie einem Schweizer Unternehmer, der in eine der Wachstumsregionen expandieren möchte?

Er muss persönlich Spass daran haben, in diese Länder reinzugehen. Es darf ihm beispielsweise nichts ausmachen, wenn einmal ein Koffer verloren geht oder das Hotelzimmer nicht ganz sauber ist. Und er sollte sich unbedingt zuerst vor Ort ein eigenes Bild über die Situation machen, bevor er dieses durch externe Beratungsideen abrundet.

So gesehen sind die jährlichen KMU-Unternehmerreisen der Credit Suisse nach Asien der richtige Ansatz?

Ja, das ist so. Ich bin übrigens ein Fan der Credit Suisse, sie war an einigen unserer wichtigsten Expansionsschritten mitbeteiligt. Von der Wahl des Ivorers Tidjane Thiam zum neuen CEO bin ich geradezu begeistert, zumal wir nun  eine weitere Gemeinsamkeit mit der Credit Suisse haben: Die Elfenbeinküste ist nämlich das weltweit grösste Kakaoanbauland.

Kehren wir von der Elfenbeinküste noch einmal in die Schweiz zurück. Es gibt Unternehmen der Lebensmittelbranche, die klagen, der Swiss-Made-Nachweis sei für sie viel zu aufwändig. Wie sieht das für Sie aus?

Wir sind ein Schweizer Unternehmen, weil unser Firmensitz in der Schweiz ist und für uns viele typische Schweizer Charakteristika wie Qualitätsdenken, Zuverlässigkeit oder Nachhaltigkeit sehr wichtig sind. Da wir aber nur etwa ein Prozent unserer Schokolade in der Schweiz produzieren, stellt für uns der Swiss-Made-Nachweis ein relativ kleines Problem dar.

Im Grundsatz bereitet mir die hier stattfindende Entwicklung jedoch grosse Sorgen: Wir administrieren unsere Nation in einer gigantischen Geschwindigkeit. Wir nehmen Unternehmertum raus und kreieren eine einheitliche graue Masse von Unternehmern und auch Mitarbeitern. Damit beschränken wir erstens unser Wachstum und zweitens steckt ein negatives Grundgefühl dahinter: Keiner traut mehr dem anderen. Unternehmertum aber basiert auf Vertrauen.

Eine gute Unternehmerin, ein guter Unternehmer ist jemand, dem man vertrauen kann, auch weil er oder sie sich für die schwächeren Glieder der Gesellschaft mitverantwortlich fühlt.

Ein Vorbild?

Unbedingt. Das gilt auch für die tägliche Arbeit. Ich verlange nichts von meinen Mitarbeitenden, was ich nicht selbst auch machen würde.

Wie würden Sie als Vorbild für die Schweizer Unternehmer die Expansionserfahrungen zusammenfassen?

Ich möchte fünf Punkte nennen:

  1. Jeder Markt hat seine eigenen Bedürfnisse und Gesetzmässigkeiten.
  2. Die Entwicklung der Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas braucht Zeit.
  3. Es kommt auch zu Rückschlägen, die ein Unternehmen verkraften können muss.
  4. Prüfen Sie Ihren Business Case und die Risiken kritisch.
  5. Entwickeln Sie die richtigen Leute. Dieser Punkt ist aus meiner Sicht sogar der wichtigste.

Zum Abschluss eine süsse Frage: Wie gern haben Sie selbst Schokolade?

Sehr gerne. Darauf lässt ja auch die bereits angesprochene Vorbildfunktion schliessen. Man kann kein Unternehmen erfolgreich führen, wenn man keine Freude an seinem Produkt hat. Ich probiere unsere Erzeugnisse an jedem Messestand, in einer unserer über 50 Fabriken oder auch in einem Verkaufsgeschäft. Da jedes fünfte Schokolade- oder Kakaoprodukt Barry Callebaut enthält, kann da eine hübsche Menge zusammenkommen, auch wenn ich kaum je eine ganze Tafel esse.

Herzlichen Dank, Herr Steinemann, für dieses Gespräch.