Bank ohne Schranken
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Bank ohne Schranken

Passe ich als Kleinwüchsige ins Bild einer Bank? Erhalte ich den Praktikumsplatz trotz bevorstehender Herzoperation? Wie werden die Mitarbeitenden auf das Aussehen meiner Hände reagieren? Drei Fragen von drei unterschiedlichen Persönlichkeiten. Doch eine Sache vereint Gabriela Pereira, Taulant Berisha und Kevin Kanagalingam: Ein Praktikumsplatz bei der Credit Suisse während ihrer kaufmännischen Lehre in der Brunau-Stiftung.

Die Brunau-Stiftung bietet Menschen mit einer körperlichen und/oder psychischen Beeinträchtigung eine kaufmännische Ausbildung, Beschäftigung und berufliche Eingliederung an. Zur Ausbildung gehört ab dem zweiten Lehrjahr auch das Praktikum bei einem privaten Arbeitgeber. Einer davon ist die Credit Suisse, die seit 2013 Lernenden mit einer körperlichen Einschränkung ein sechsmonatiges Praktikum ermöglicht. Initiiert wurde diese Zusammenarbeit von  Marcel Wittwer, Leiter MACS Investment Services in Zürich. Als Vater eines Sohnes mit beeinträchtigtem Hör- und Sehvermögen kennt Marcel Wittwer die Herausforderungen bei der Stellensuche aus erster Hand. «Niemand wartet auf einen Bewerber mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Umso wichtiger ist es deshalb, die reale Arbeitswelt schon während der Ausbildung in Form von Praktika so früh als möglich kennenzulernen.» Diese Meinung teilt auch Nathalie Bloch, Job-Coach und Ansprechpartner bei der Brunau-Stiftung: «Das Praktikum zeigt, wie belastbar und fähig unsere Lernenden sind. Sie müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen, Prioritäten setzen, die erforderte Qualität liefern, zuverlässig und pünktlich sein. Alles Fähigkeiten, die eine erfolgreiche Stellensuche begünstigen.» Nebst Betreuung der Lernenden und Arbeitsvermittlung ist Nathalie Bloch zu einem grossen Teil mit Aufklärungsarbeit beschäftigt, denn nicht immer stösst sie wie bei der Credit Suisse auf offene Türen.

Barrieren überwinden

Mehraufwand und -kosten zählen dabei zu den häufigsten Bedenken potentieller Arbeitgeber. Das ist allerdings nicht der Fall, wenn der Praktikumseinsatz im Vorfeld sorgfältig besprochen wurde. Transparenz von beiden Seiten ist für Nathalie Bloch entscheidend für eine konstruktive Zusammenarbeit: «Wir legen viel Wert auf eine offene Gesprächskultur, bei der die Dinge beim Namen genannt und Unsicherheiten aus dem Weg geräumt werden.» Der Lernende wird dabei eng von der Brunau-Stiftung, die sich auch um die Vorselektion geeigneter Kandidaten kümmert, begleitet. «Das klappt perfekt. Von den vorgeschlagenen zwei bis drei Kandidaten wären jeweils alle geeignet», weiss Natascha Capitani aus Erfahrung. Sie ist im Team iMACS Services Dreh- und Angelpunkt in der Betreuung der Praktikanten und trägt viel zum Erfolg der Einsätze bei. Von Anfang an ins Projekt involviert, betreut sie mit viel Herzblut die Lernenden, führt sie in ihren Aufgabenbereich ein und hilft ihnen bei Fragen und sonstigen Anliegen weiter. Zudem steht sie in direktem Kontakt mit Nathalie Bloch, die den offenen Austausch sehr schätzt: «Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist entscheidend, dass man rasch reagiert, wenn ein Problem auftaucht. Vieles lässt sich dann schnell und unkompliziert lösen.»

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Von der Praktikantin zur CS Mitarbeiterin: Gabriela (rechts) und ihre ehemalige Betreuerin Natascha

Am Töggelikasten brach das Eis

Vom Praktikumseinsatz profitieren nicht nur die Lernenden. Es ist für das gesamte Team eine Bereicherung und das in vielerlei Hinsicht. So werden beispielsweise soziale Kompetenzen verfeinert und gefestigt. Christian Grohotolsky, Premium Services Zürich und Teamleiter der ersten drei Praktikanten, erinnert sich noch gut an die anfänglichen Berührungsängste: «Der erste Praktikant hatte einen verkürzten Arm. In dem Moment, als er uns alle am Töggelikasten links liegen liess, war das Eis gebrochen.» Schon nach kurzer Zeit sorgte der auffällige Arm nicht mehr für verstohlene Blicke, sondern wurde zum vertrauten Anblick und dadurch normal. Eine Entwicklung, die man nur in der Praxis lernt. Initiant und Schirmherr Marcel Wittwer, ein langjähriger Förderer durchmischter Teams, fügt ergänzend  hinzu: «Es geht um Ability Management: den Fokus darauf zu richten, was jemand leisten kann und nicht, was die Person einschränkt. Ein Perspektivenwechsel, dem wir viel mehr Beachtung schenken sollten, nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im operativen Bereich.» Die Praktikanten schärfen auch das Bewusstsein dafür, dass Gesundheit kein selbstverständliches Gut ist und jederzeit kippen kann. François Ulrich, Teamleiter bei iMACS Services und somit aktueller Vorgesetzter der Brunau-Praktikanten, hält mit Bewunderung fest: «Trotz zum Teil schwerer Schicksale, habe ich nie jemanden klagen gehört. Das rückt viele unserer Alltagsprobleme ins rechte Licht.» 

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Zwei Teams strahlen um die Wette (von links nach rechts): François Ulrich, Christian Grohotolsky, Gabriela Pereira und Natascha Capitani (vorne), Kevin Kanagalingam und Taulant Berisha (hinten)

Eine echte Unterstützung

Darüber hinaus sind die Praktikanten bei der täglichen Aufgabenbewältigung eine echte Unterstützung. Die aktuellen Praktikanten, Taulant und Kevin, beispielsweise, erstellen unter anderem  Kundenpräsentationen für die Client Portfolio Manager. Eine Aufgabe für die Teamleiter François Ulrich sonst keine Ressourcen hätte. Dass zur Zeit gleich zwei Praktikanten vor Ort sind, war anfangs nicht geplant. Grund dafür war eine Herzoperation, der sich Taulant im Frühling unterziehen musste. Dadurch kam es zu vermehrten Absenzen, so dass sein Einsatz um ein halbes Jahr verlängert wurde und sich nun mit jenem von Kevin überschneidet. Eine weitere Verbesserung, findet Ulrich: «Der ältere Praktikant übernimmt quasi eine Tutor Funktion und dadurch zusätzliche  Verantwortung.» Über die Verlängerung ist Taulant überglücklich. Er weiss, dass dieses Entgegenkommen nicht selbstverständlich ist. Auch Kevins anfängliche Bedenken wegen seiner Hände, bei denen aufgrund einer Blutvergiftung Teile seiner Finger fehlen, sind verschwunden. Die Leistung zählt und nicht sein Aussehen. Das offene und hilfsbereite Team hat diese Entwicklung möglich gemacht und sein Selbstwertgefühl gestärkt. Und Gabriela? Sie zeigte während ihres Praktikums vor eineinhalb Jahren so gute Leistungen, dass sie noch ein zweites in einem weiteren Bereich von MACS Investment Services absolvieren konnte. Da sich in einem der Teams, wo sie im Einsatz war, eine Vakanz ergab, wurde ihr eine Festanstellung angeboten. Mittlerweile ist der selbstbewusste Wirbelwind Vollblut-Bankerin und bereichert die Credit Suisse um eine weitere Facette.