Preisgekrönte Videokunst
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Preisgekrönte Videokunst

Im Februar gewann Samuel Lecocq den Credit Suisse Förderpreis Videokunst 2017 und konnte seine Arbeit «A FUTURISTIC (MOVIE) SET-UP» bis zum 23. März in einer Einzelausstellung im Kunstmuseum@PROGR präsentieren. Zusätzlich zeigte die Credit Suisse an der Museumsnacht Bern die neun besten Arbeiten des Wettbewerbs.

Diese eindrucksvolle Auflistung ist aber nur ein Teil dessen, was der Gewinn des Credit Suisse Förderpreis Videokunst an Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und künftigen Möglichkeiten für den Künstler und sein Werk bringt. Wir wollten von dem 24-jährigen Künstler Samuel Lecocq mehr über seinen Film und darüber erfahren, was dieser Preis für ihn bedeutet, und haben bei Jurypräsidentin Kathleen Bühler nachgefragt, welchen Stellenwert der Preis aus ihrer Sicht hat.

Herr Lecocq, was bedeutet der Gewinn dieses Preises für Sie und Ihre Arbeit?

Samuel Lecocq: Diese Auszeichnung freut mich sehr. Es ist eine ausserordentliche Chance, die mir unglaubliche Möglichkeiten eröffnet, meine Pläne weiterzuverfolgen. Bis anhin war ich hauptsächlich fotografisch tätig; dieser Preis ermutigt mich, meine Videoarbeiten weiterzuführen.

Und aus Jurysicht: Warum hat sich die Jury für diese Videoarbeit entschieden, was war ausschlaggebend für die Wahl dieses Videos?

Kathleen Bühler: Beeindruckt war die Jury von der dichten Montage des Videos, das ein beziehungsreiches Geflecht zwischen der Technologiebegeisterung der 1980er Jahre sowie deren Resonanz in Russland und Frankreich aufbaut. In kurzen acht Minuten spannt Lecocq einen Bogen vom Science-Fiction-Park «Futuroscope», der von Denis Laming nach 1980 in Poitiers gebaut wurde, hin zum fiktiven Interview mit einer russischen Studentin, die ihre Begegnung mit diesem wiedergibt. Es folgen historische Filmsequenzen um dieses Monu­ment, in dessen ersten Grundstein ein «Glaubensbekenntnis» an die grosse Zukunft der Menschheit eingemauert wurde. Der Film schliesst mit der gleichsam vorweggenommenen Archäologie des einstigen Zukunftsmonuments: Als Bruchstücke einer untergegangenen «Futuropolis» präsentieren sich seine beiden wichtigsten Bauten als ideal weisse Computeranimationen auf einer unerreichbaren Insel im aufgewühlten Ozean.

Wie würden Sie die Kernbotschaft Ihres Films «A FUTURISTIC (MOVIE) SET-UP» beschreiben?

SL: Dieser Film ist Ausdruck vieler meiner Fragen zum Thema Bild und dessen Fähigkeit, jemanden in sich hineinzuziehen, Zeugnis abzulegen oder auch zu verfälschen. Zudem gab mir der Film die Möglichkeit, bestimmte, für Science-Fiction-Filme typische Konventionen aufzunehmen, auf meine eigene Weise einzusetzen und so einen Versuch zur Darstellung der Komplexität des futuristischen Diskurses zu wagen.

Herr Lecocq, Sie haben in Ihrem Video auf unterschiedlichste Stilmittel und Bildsprachen zurückgegriffen. Worauf haben Sie bei der inhaltlichen und technischen Umsetzung besonderen Wert gelegt?

SL: Ich wollte eine Geschichte erzählen, die zwar bewusst fragmentarisch ist, den Zuschauern aber einen Einblick in jene Fragen gibt, die mich interessieren. Deshalb habe ich beim Schnitt viel Zeit auf den Ablauf der Erzählung und ihren Rhythmus verwendet. In technischer Hinsicht waren die verschiedenen Bildtechniken (Super 8, HD, 3D-Modellbilder und Archivbilder) besonders wichtig, um spielerisch verschiedene Zeitebenen einzusetzen.

Die Shortlist der Jury bestand diesmal aus neun Filmbeiträgen unterschiedlichster Ausrich­tungen. Wie schwierig ist es für das Fachgremium, sich auf einen Favoriten zu einigen?

KB: Grundsätzlich geschieht die Bewertung unabhängig von der Ausrichtung. Vielmehr versuchen wir, die atmosphärische Dichte, die künstlerische Qualität und die ästhetische Risikobereitschaft der verschiedenen Werke gegeneinander abzuwägen. Dieses Jahr hatten wir mehr Videos auf der Shortlist, was bedeutet, dass wir im Vorfeld keinen wirklichen Favoriten hatten, sondern alle neun etwa gleich stark waren. Dann beginnt das sorgfältige Evaluieren, bei dem man seine eigenen Favoriten verteidigt und für sie argumentiert. Die besseren Argumente gewinnen. Das dauerte dieses Jahr wegen der vielen Beiträge – in früheren Jahren waren es nur sechs – etwas länger.

Trailer «A FUTURISTIC (MOVIE) SET-UP»

Samuel Lecocq

Was macht das Gewinnervideo eigentlich so herausragend?

KB: Seine eigenständige Mischung aus Utopie, Dokumentarfilm und Animation. Aber auch seine Mischung aus Fiktion und Dokument, Technologieglaube und -skeptizismus.

Herr Lecocq, was hat Sie zu diesem Filmthema inspiriert?

SL: Ich weiss gar nicht mehr, was eigentlich der Anlass war, mich mit dem Futuroscope zu beschäftigen. Als Kind bin ich nie in diesem Freizeitpark gewesen ... leider. Umso spannender habe ich ihn mir vorgestellt, das steht fest. Die Diskrepanz zwischen meinen Fantasien und der Wirklichkeit hat mich inspiriert, das Fiktionspotenzial des Futuroscope zu erforschen.

Und was werden Sie mit dem Preisgeld von CHF 10'000 anfangen?

SL: Einen Teil werde ich sicher für die Fertigstellung meines nächsten Films verwenden. Aber in erster Linie möchte ich in Material investieren.

Wissen Sie schon, wie Ihre nächsten Ziele in Bezug auf Ihre künstlerische Laufbahn aussehen?

SL: Zunächst möchte ich meinen Masterabschluss in Bildender Kunst machen. Danach bewerbe ich mich als «Artist in Residence» in Frankreich und ganz Europa.

Frau Bühler, welche Ziele verfolgt die Jury auf lange Sicht?

KB: Wir versuchen, jeden Jahrgang des Wettbewerbs wieder neu anzuschauen und uns unbefangen auf die Werke einzulassen. Dabei bewerten wir unter anderem die Beherrschung der Mittel, das Wissen um die Kunstgeschichte, die Aktualität der Themen und die stilistische Eigenständigkeit der Behandlung. Wir hoffen eigentlich immer, über­rascht zu werden. Das ist bei der Zusammensetzung der Jury zugegebenermassen schwierig, aber nicht unmöglich.

Gibt es Erkenntnisse, die relevant für die Zukunft des Preises sind?

KB: Wir sehen, dass gewisse Schulen einer bestimmten Handschrift folgen. Das ist aber nur natürlich, weil sich die Studierenden von ihren Lehrerinnen und Lehrern beeinflussen lassen. Doch stechen immer wieder originelle künst­lerische Positionen heraus.

Welche Entwicklungen zeichnen sich ab?

KB: Das kann man generell nicht sagen. Erfreulich für mich persönlich ist, dass es immer wieder sehr berührende Werke gibt, die sich getrauen, soziale oder politische Fragestellungen zu verfolgen.

Die Reihe der Videos aus dem Credit Suisse Förderpreis Videokunst, die sich nun in der Sammlung des Kunstmuseums Bern befinden, ist mittlerweile auf sieben angewachsen: sechs Videos der Preisträger und ein Video als Ankauf des Kunstmuseums. Was kann man zu dieser Serie aus kuratorischer Sicht sagen?

KB: Sie repräsentiert in glaubwürdiger Weise das Schweizer Videoschaffen der letzten sechs Jahre. Denn fast alle dieser ehemaligen Preisträgerinnen und Preisträger wurden mittlerweile auch in institutionellen Ausstellungen in der Schweiz gezeigt.