Angelica Fuentes: besonderer Einsatz für Frauen

Für die mexikanische Unternehmerin Angelica Fuentes, CEO von Grupo Omnilife und Gründerin von Angelíssima, erstreckt sich Unternehmertum weit über die eigenen Bedürfnisse hinaus, um etwas für andere Frauen zu bewirken. Beim «Women of Impact Dinner» der Credit Suisse im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos war Angelica Fuentes eingeladen, ihre kraftvolle Botschaft, die die berufliche und persönliche Stärkung von Frauen als zentrales Thema hat, zu teilen.

Ihre Pionierarbeit im Bereich der Gleichberechtigung der Geschlechter begann im Alter von 11 Jahren. Sie wollte arbeiten und bat daher ihren Vater um eine Stelle. Dieser war ein wohlhabender Unternehmer in der Energiebranche, der mehrere Unternehmen besass, unter anderem mehrere Tankstellen. Er liess sie in einer seiner Tankstellen arbeiten, unter einer Bedingung: «Bei der ersten Beschwerde, die ich von dir höre, bist du raus.» Sie arbeitete genauso sorgfältig wie ihre männlichen Kollegen – Tanken, Reifendruck und Ölstand prüfen, Scheiben putzen –, aber bald stellte sie fest, dass sie von den Kunden nicht gleich behandelt wurde. Angelica Fuentes war nicht für ihre Zurückhaltung bekannt und sie hinterfragte diese Ungerechtigkeit. «Ich wusste, dass ich mich bemerkbar machen musste, sonst würde mir niemand einen Auftrag geben oder mich um etwas bitten», erinnert sie sich.

«Man gibt Trinkgeld für das Betanken und Scheibenputzen. Die männlichen Mitarbeiter erhielten Trinkgeld, aber ich bekam nie etwas. Als ich bei meinem ersten Kunden die Arbeit erledigt hatte, bezahlte er und wollte gehen. Ich sagte: «Entschuldigen Sie. Warum bekomme ich kein Trinkgeld, obwohl jeder den Männern hier für dieselbe Arbeit ein Trinkgeld gibt?» Seine Antwort, dass es daran liegt, dass sie ein Mädchen sei, war Fuentes nicht gut genug, und scheinbar schämte er sich dafür, da er ihr am Ende des Gesprächs doch ein Trinkgeld gab. In Juarez, das vor 40 Jahren laut Angelica Fuentes noch «klein» war, war das bald bekannt, und so begannen die Kunden, ihr genau wie ihren männlichen Kollegen Trinkgeld zu geben.

Gut ist nicht gut genug

Fuentes lernte, dass in Situationen, in denen Männer alles geben, sie doppelt so hart arbeiten muss. Gut war nicht gut genug, sie musste Überragendes leisten. Es ist offensichtlich, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht. Sie erinnert sich an den Anfang ihrer Laufbahn, als sie sich an den Wochenenden im Büro des Generaldirektors eingehend mit der Budgetierung und den Finanzzahlen beschäftigte. Laut ihr ist die wichtigste Business-Lektion, die sie gelernt hat: «Ohne Disziplin erreicht man nichts.»

Ihre Überzeugung, mehr als das Mindestmass zu geben, ist in ihrem persönlichen Motto klar zu erkennen: «Arbeite an dir selbst, überschreite deine Grenzen, steigere deine Ziele und übertreffe dich selbst.» Ihr Motto fasst den Verlauf ihrer Karriere zusammen, von ihrer Kindheit an der Tankstelle über ihre berufliche Laufbahn als Assistentin in der Buchhaltung bis zu ihrer Position als CEO von Grupo Omnilife/Angelíssima, einer Unternehmensgruppe mit diversifizierten Interessen und einer starken globalen Präsenz. Die Mission von Omnilife, Hersteller einer Reihe von Gesundheitsprodukten, und Angelíssima, einer Schönheitspflege- und Kosmetikproduktlinie, ist die Förderung der Stärke und wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen.

Fuentes merkt an, dass ihr Erfolg nicht ohne ihr Zutun entstand, sondern sie ihn sich durch Disziplin und Entschlossenheit erarbeitet hat. Ihr Geschäftssinn entwickelte sich bei ihrer Arbeit in Flüssiggas(LPG)-Werken in Texas, New Mexico und Mexiko. Sie erzählt: «Meine Arbeit bestand daraus, Flüssiggas von einer Anlage zu kaufen. Ich füllte zehn Tanks, von denen aus in einer anderen Anlage LKW betankt und Rohrleitungen gespeist wurden. Ich leitete ein Grosshandelsunternehmen, das Flüssiggas aus den USA nach Mexiko verkaufte. Ich hatte es mit einem Geschäftspartner zusammen gegründet. Ich fuhr LKW und betrieb Rohrleitungen. Damals gründete ich die erste Einzelhandels-Flüssiggasanlage. Wir bauten in kürzester Zeit sieben Anlagen in Texas und New Mexico. Mit viel Arbeit, grosser Anstrengung und viel Liebe zum Unternehmen wurde ich CEO von Grupo Imperial Corporativo.»

Aus Fehlschlägen lernen

Im Verlauf ihrer Karriere als CEO von Grupo Imperial Corporativo erhielt sie den Spitznamen «Erdgas-Königin». Sie verdiente sich diesen Titel durch ihre zahlreichen Erfolge. Fuentes warnt jedoch, dass harte Arbeit und Liebe zum Beruf ein Scheitern nicht ausschliessen können. «Oft werden wir durch die Angst vor Fehlschlägen zurückgehalten, aber man muss Risiken eingehen, um erfolgreich zu sein», erklärt sie. Angelica Fuentes weiss, dass selbst das Eingehen kalkulierter Risiken, auch wenn sie spannend scheinen, abschreckend wirken kann. Sie betont, dass Frauen trotzdem «kontrollierte Risiken» eingehen müssen. Obwohl sie weiss, dass es schwierig sein kann, sich aus dem eigenen Wohlfühlbereich zu wagen, betont sie, dass Frauen keine Angst haben sollten. Die eigenen Fehlschläge verbirgt sie auch nicht, im Gegenteil: Sie erzählt davon, dass es Momente gab, in denen sie scheiterte und trotzdem weitermachte.

In der Region, führt sie aus, ist der Erfolg schliesslich das Einzige, das zählt: «Wenn die eigene Ehe nicht gut läuft, ist man keine gute Frau. Jeder Fehlschlag wird extrem negativ betrachtet», was sie aber nicht akzeptiert. Sie erklärt: «Für mich ist ein Fehlschlag nur eine Lektion dafür, besser zu werden.»

Eine Plattform für Frauen

Das Prinzip des Durchbrechens der gläsernen Decke ist bekannt, aber Angelica Fuentes legt dar, dass in Lateinamerika die Decke nicht aus Glas, sondern aus Eisen besteht. Als eine Frau, die diese eiserne Decke durchdrungen hat, weigert sie sich, diese Plattform allein einzunehmen. Ein grosser Teil ihrer Karriere bestand darin, Frauen dabei zu helfen, ihre finanzielle Grundlage zu sichern. Letztes Jahr warb sie als Mitvorsitzende der Gender Parity Taskforce des Weltwirtschaftsforums für die Gleichberechtigung der Geschlechter und im Jahr 2011 erhielt sie von der APEC eine Auszeichnung für ihre herausragenden Führungsleistungen und Innovationen.

«Obwohl ich aus einer sehr wohlhabenden Familie stamme, wurde ich trotzdem wie ein Mädchen behandelt, wie eine Frau, deren einzige Aufgabe im Leben es ist, Tochter, Ehefrau und Mutter zu sein. Ich hatte keine Möglichkeiten, ich wurde nicht wie meine jüngeren Brüder behandelt», sagt sie. Daher bereitete sie sich «doppelt so gut vor wie ein Mann.» Während ihres Aufstiegs hörte sie nie auf, Frauen unter ihr eine helfende Hand zu reichen. Sie erzählt, dass «es eine Verpflichtung gab, auch anderen Frauen zu helfen.» Sie ist nie müde geworden, Frauen daran zu erinnern, dass sie Hürden überwunden hat und dass sie es auch tun können. In Fortsetzung der Arbeit, die sie vor 26 Jahren begonnen hat, hilft sie als Partnerin der Stiftung Girl Up der Vereinten Nationen jugendlichen Mädchen dabei, ihre Zukunft nicht nur zu bewältigen, sondern sie zu meistern.

Als Gesellschaft zusammenarbeiten

Angelica Fuentes betont, dass sie Geschlechterunterschiede bei der Arbeit nicht alleine beseitigen kann. Sie erklärt, dass in ihrem Unternehmen die Frau eingestellt wird, wenn ein Mann und eine Frau die gleichen Qualifikationen für eine Stelle haben und es keine Frau in dieser Rolle gibt. Ihrer Argumentation zufolge wird es keine Grundlage mehr für Quoten geben, wenn die Gesellschaft als Ganzes gerechter geworden ist.

«Wir müssen zusammenarbeiten, um eine Gesellschaft zu schaffen, die mehr auf Werten basiert; beginnend bei Familien und danach Schulen und Unternehmen. In den Unternehmen beginnen wir auf persönlicher Ebene, dann auf Management-Ebene, und das wirkt sich auf Familien und die Gesellschaft aus.» Sie ist sich der Notwendigkeit bewusst, das tief verwurzelte Patriarchat in der Region zu verändern.

Niemals den Traum aufgeben

Der Traum, der für sie und viele andere Mädchen von Kindheit an aufgebaut wird, ist die Rolle als Ehefrau und Mutter, erklärt Angelica Fuentes. Laut ihren Angaben sind rund 60 Prozent der Frauen in Lateinamerika nicht Teil des Arbeitsmarktes, obwohl er der Weg zu finanzieller Unabhängigkeit ist. Daher ermutigt die zweifache Mutter Frauen dazu, mehrere und – aus purer Notwendigkeit heraus – grössere Pläne für sich zu haben.

«Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass Frauen an sich selbst glauben, dass sie ihre Ambitionen konsequent verfolgen», sagt sie. Sie fordert Frauen dazu auf, in erster Linie an ihre Träume zu glauben. Sie ermutigt sie: «Bewahrt eine klare Vision, ein klares Ziel, und ändert nur den eingeschlagenen Weg, um es besser zu erreichen.» Laut ihren Ratschlägen ist aufwärts die einzige Richtung, die eine Frau (oder ein Mann) einschlagen sollte, um sich weiterzuentwickeln.