Afrika: Und es kam ganz anders

Noch vor einigen Jahren galt Afrika als «verloren». In den vergangenen 15 Jahren aber wuchsen viele Staaten wirtschaftlich stark. Was ist geschehen? Und wie geht es weiter?

Lange Zeit schien Afrika kein Bein vor das andere zu bringen. Geplagt von Armut und Korruption, Krankheiten und Konflikten galt es zu Beginn des neuen Jahrtausends als «verloren». «Der hoffnungslose Kontinent» titelte der «Economist» im Jahr 2000. Es kam ganz anders.

Wandel zum hoffnungsvollen Kontinent

Die afrikanischen Volkswirtschaften sind über die letzten 15 Jahre jährlich um durchschnittlich 5 Prozent gewachsen und übertrafen das Wachstum zahlreicher lateinamerikanischer und osteuropäischer Schwellenländer. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg verbesserten sich auch die Lebensbedingun-gen: Armut, Unterernährung und Säuglingssterblichkeit gingen zum Teil dramatisch zurück, breite Bevölkerungsschichten erhielten Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Lebenserwartung steigt und steigt. Entstanden ist eine Mittelschicht, die schon heute 350 Millionen Personen umfasst und bis 2060 (gemäss Schätzungen der afrikanischen Entwicklungsbank) auf 1,1 Milliarden ansteigen soll. Natürlich sind die Lebensbedingungen vielerorts und für breite Bevölkerungsschichten nach wie vor äusserst bescheiden. Nahrungssicherheit, der Zugang zu sanitären Anlagen sowie die Gesundheitsversorgung stellen grosse Herausforderungen dar. 

Und doch: Afrika hat sich zusehends zum hoffnungsvollen Kontinent gewandelt und damit auch das Interesse globaler Investoren geweckt. Ausländische Direktinvestitionen sind seit der Jahrtausendwende markant angestiegen durchschnittlich um rund 20 Prozent pro Jahr. Wenn auch die Gelder zum grossen Teil in den Rohstoffsektor flossen, so profitierten auch andere Branchen davon: der Finanzsektor, die Telekommunikationsbranche, der Einzelhandel und das Transportwesen. Ermöglicht hat diese beeindruckende Entwicklung ein Zusammenspiel verschiedener teils hausgemachter, teils externer Faktoren. Essenziell war sicherlich die Abnahme bewaffneter Konflikte, die nicht zuletzt aufgrund willkürlicher Grenzziehungen durch die Kolonialmächte nach der Unabhängigkeit zahlreich auftraten. Noch Anfang der 1990er Jahre gab es in einem von drei afrikanischen Ländern bewaffnete Auseinandersetzungen. Seither hat sich nicht nur die Zahl der Konflikte, sondern auch ihre Intensität gemessen an der Zahl der Todesopfer deutlich reduziert.

Rohstoffe und Rechtsstaatlichkeit

Hinzu kommt, dass eine Demokratisierungswelle über Afrika schwappte und sich die Regierungsführung diverser Länder merklich verbesserte. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch die Ausbreitung moderner Medien und bessere Bildung von Entscheidungsträgern und Stimmbürgern. Ausdruck verbesserter Regierungsführung sind nicht zuletzt solidere Staatsfinanzen, begünstigt durch einen weitreichenden Schuldenerlass zu Beginn der 2000er Jahre. Noch befinden sich indes die Staatskassen in einem Gegensatz zwischen einer relativ bescheidenen Steuerbasis und einem horrenden Investitionsbedarf in Infrastruktur, Bildung und im Gesundheitswesen.

Geholfen hat den öffentlichen Finanzen vieler Länder auch der Rohstoffboom, der die Preise diverser natürlicher Rohstoffe ab Mitte der 2000er Jahre – mit Unterbrüchen, und bis vor Kurzem merklich in die Höhe trieb. Der Rohstoffsektor hat die Wirtschaft der zahlreichen rohstoffreichen Länder Afrikas angetrieben und den Staaten umfangreiche Einnahmen gebracht. Die Preishausse ganz wichtig: gepaart mit verbesserter Rechtsstaatlichkeit und gestärkten Eigentumsrechten liess Investitionen sprudeln sowie Abbauquoten und Exporte in die Höhe schnellen. Der Boom scheint sich fortzusetzen dank umfangreichen Reserven und stetig neuen Entdeckungen. Exemplarisch hierfür ist die jüngste «Gas Bonanza» in Ostafrika, wo nach der Entdeckung von Gasvorkommen multinationale Konzerne horrende Summen in deren Erschliessung investieren. Ein armes Land wie Mosambik hat damit die Aussicht, zum bedeutenden Produzenten von Erdgas zu werden.

Es ist noch ein weiter Weg

Gleichzeitig ist der Rohstoffsektor geprägt von globalen Faktoren, die sich der Kontrolle einzelner Länder entziehen. Preishaussen sorgen für sprudelnde Investitionen und Einnahmen, Baissen hingegen hinterlassen schnell Löcher in den Staatsfinanzen. In Anbetracht der Dominanz des Rohstoffsektors in Afrika – Rohstoffe machen rund 70 Prozent aller Exporte aus übertragen sich derartige Schwankungen auf die Gesamtwirtschaft. Handelsüberschüsse führen darüber hinaus zu einer Aufwertung der Währung und senken damit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit anderer Sektoren, was deren Entwicklung entscheidend beeinträchtigen kann: ein Phänomen, das man erstmals in den 1960er Jahren nach Erdgasfunden in den Niederlanden beobachtete («holländische Krankheit»). Und: In der Vergangenheit waren Konflikte, Korruption und Umweltverschmutzung oft Begleiterscheinungen von Rohstoffbooms. Die Wissenschaft streitet sich daher bis heute, ob üppige Rohstoffvorkommen letztlich ein Fluch oder ein Segen sind.

Die Zukunft Afrikas

Die Analyse der jüngsten Vergangenheit zeigt also, dass ein Zusammenkommen verschiedener Faktoren das wirtschaftliche Vorankommen ermöglicht hat. Was kann man daraus für die Zukunft Afrikas schliessen? Wird sich die Blütephase fortsetzen, allenfalls vergleichbar mit asiatischen Volkswirtschaften, die über Jahrzehnte beachtliche Fortschritte erzielten und sich aus der Armut befreien konnten? Nicht zuletzt die Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen lässt zumindest darauf hoffen, und bedeutende internationale Akteure wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Wirtschaftskommission für Afrika der Vereinten Nationen (UNECA) prognostizieren für die nächsten Jahre unverändert starkes Wachstum. Gleichwohl ist es ein weiter Weg, den Afrika zu gehen hat, bedenkt man die weiterhin verbreitete Armut und mangelhafte Infrastruktur.

Eine bedeutende Stellschraube ist dabei nicht zuletzt die Aussenhandelspolitik. Afrika ist im Welthandel nach wie vor marginalisiert, mit einem Anteil von lediglich drei Prozent der globalen Exporte. Und seine Beteiligung beschränkt sich vorwiegend auf Rohstoffe. Die Herausforderung, vor der die afrikanischen Länder heute stehen: Sie müssen, so legt es etwa auch der jüngste Wirtschaftsausblick der UNECA dar, eine Handelspolitik definieren, welche einerseits Wettbewerb, Innovation und effiziente Ressourcenallokation fördert und andererseits junge Wirtschaftszweige in ihrer Entwicklung nicht beeinträchtigt.

Freihandel hilft

Die Erfahrungen mancher aufstrebender Volkswirtschaften Asiens zeigen, dass eine selektive Handelsliberalisierung Früchte tragen kann. Ein brachliegendes Potenzial ist dabei der innerafrikanische Handel. Dass beinahe 90 Prozent der Vorleistungsgüter für die Produktion in Afrika von ausserhalb Afrikas importiert werden, verdeutlicht, wie gering regionale Wertschöpfungsketten ausgeprägt sind. Ein kontinentales Freihandelsabkommen hat in dieser Hinsicht das Potenzial, afrikanische Unternehmen zu stärken und sie in eine bessere Ausgangslage auf dem Welthandel zu versetzen. So könnte die Erfolgsgeschichte weiter geschrieben werden.