Afrika: Junger Kontinent mit grossen Möglichkeiten

Achim Steiner, Chef des Uno-Umweltprogramms, spricht über einen jungen Kontinent, dessen Wirtschaften über grosses Potenzial und nachhaltige Entwicklungsmöglichkeiten verfügen.

Simon Staufer: Sie haben viele Jahre lang in Afrika gelebt und gearbeitet: Was verbinden Sie persönlich mit dem Kontinent?

Achim Steiner: Man kann den Kontinent mit einer Milliarde Menschen, mit 54 Ländern und mit einer enormen kulturellen Vielfalt nicht über einen Leisten schlagen. Aber wenn Sie mich nach einem Bild fragen, das sich mir eingeprägt hat – dann ist es das Bild von Afrikas Jugend: voller Energie, Hoffnung und Anpassungsfähigkeit.

Wie sehen Sie die Zukunft der afrikanischen Schwellenländer?

Afrika hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Die afrikanischen Volkswirtschaften verfügen über ein grosses Potenzial, um ihre demografische Dynamik, die schnelle Urbanisierung und ihren Reichtum an natürlichen Ressourcen zu ihren Gunsten zu nutzen – auch wenn es dabei grosse Herausforderungen gibt. Eine wichtige Frage lautet: Wie kann sich Afrika weiterentwickeln und industrialisieren, ohne seine natürlichen Ressourcen zu beeinträchtigen? Die «Green Economy», die in ganz Afrika im Wachstum begriffen ist, wird dabei immer wichtiger.

Welche Rolle spielt der Finanzsektor in der «Green Economy»?

«Grüne Anleihen» können dazu beitragen, neue Finanzierungsquellen zu erschliessen und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Afrikas Finanzmärkten kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Die Banken in Afrika südlich der Sahara sind gut kapitalisiert, und sowohl die Aktien- als auch die Anleihenmärkte sind stetig gewachsen. Die internationalen privaten Kapitalzuflüsse haben sich seit 2002 mehr als vervierfacht.

Gibt es einen Konflikt zwischen nachhaltiger Entwicklung und der Industrialisierung, die mit dem Wirtschaftswachstum einhergeht?

Afrika zählt zu jenen Regionen der Welt, die dem Klimawandel und anderen Umweltgefährdungen am stärksten ausgesetzt sind. Das Intergovernmental Panel on Climate Change hat vor Kurzem einen Bericht veröffentlicht, der die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf das Gesundheitswesen und die Wasservorkommen beschreibt. Die Landwirtschaft, der Energiesektor und der Tourismus sind weitere Bereiche, die vom Klimawandel beeinträchtigt werden. Afrika muss ein Gleichgewicht zwischen ökologischer, wirtschaftlicher und industrieller Entwicklung und seinen sozialen Zielen finden.

Sehen Sie dennoch Entwicklungen, die Sie optimistisch stimmen?

Es gibt sogar viele positive Beispiele für eine Kehrtwende in der Energiepolitik. Marokko zum Beispiel importierte vor 5 Jahren noch 95 Prozent der Brenn-stoffe für seine Stromversorgung. Bis 2020 sollen nun dank eines massiven Investitionsprogramms die erneuerbaren Energien 40 Prozent ausmachen. Oder Südafrika, das reiche Kohlevorkommen besitzt: Dort werden in den kommenden Jahren 14 Milliarden Euro in eine nachhaltige Stromversorgung investiert. «Nachhaltige industrielle Entwicklung» sollte das Zauberwort für Afrika lauten. Beim UNEP arbeiten wir mit Entscheidungsträgern auf nationaler und regionaler Ebene zusammen. Wir haben uns unter anderem der Bekämpfung des Klimawandels verschrieben, wobei der Zugang zu sauberer Energie, die Förderung des Umweltschutzes und eine nachhaltige Flächennutzung im Zentrum unserer Arbeit stehen.

Der jüngste Kontinent

Die Hälfte aller Afrikander sind noch nicht 20,5 Jahre alt – teilt man die ganze Welt in Zwei Altersklassen, liegt die Mitte bei knapp 30 Jahren.

Neben Umwelt- und Klimaproblemen ist Afrika mit der schlimmsten Ebola-Epidemie der Geschichte konfrontiert.

Das Auftreten und die Rückkehr von Infektionskrankheiten sind eng mit Umweltveränderungen verbunden. Im Hinblick auf Ebola untersucht das UNEP intensiv, ob der Handel mit sogenanntem «Bushmeat» zur Epidemie in Westafrika beigetragen hat, da die Krankheit seit Langem auch bei Menschenaffen auftritt. Die Epidemie ist vielleicht die bisher eindringlichste Warnung davor, dass wir neuen Krankheitserregern Tür und Tor öffnen, wenn wir die Abholzung der Wälder fortsetzen. Obwohl die Infektionsrate 2015 zurückgegangen ist, sind die wirtschaftlichen Folgen von Ebola massiv.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?

Afrika hat einen enormen Ressourcenreichtum und eine Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von unter zwanzig Jahren. Mit diesem Potenzial wird es die vielen Skeptiker überraschen, die noch nicht sehen, wie sehr der Kontinent in Bewegung ist.