20 Milliarden Franken für zusätzliche Pflegeheime

Die demografische Alterung führt dazu, dass bis 2040 60 bis 120 Prozent mehr Betagte in Schweizer Pflegeheimen betreut werden als heute. Selbst unter optimistischen Annahmen sind 53'000 zusätzliche Pflegebetten nötig.

Heute leben in der Schweiz gut 400'000 über 80-Jährige. 2040 dürften es mehr als 880'000 sein. Diese Entwicklung wird zu einer deutlichen Zunahme an pflegebedürftigen Betagten führen. Betrachtet man die Alterspflege als Wirtschaftszweig, steht damit wohl kaum eine andere Branche einem derart dynamischen und langfristig fast schon garantierten Nachfragewachstum gegenüber. Dennoch steht der nach den Spitälern grösste Sektor im Gesundheitswesen vor Herausforderungen. Die Finanzierbarkeit des heutigen Systems dürfte mit der fortschreitenden Alterung noch herausfordernder werden als heute – ebenso die Ausbildung und Rekrutierung von genügend Pflegepersonal. Obwohl der Grossteil der Kosten der Alterspflege beim Personal anfallen, müssen auch beträchtliche Summen in Neu- und Ersatzbauten von Pflegeheimen investiert werden.

Bis 2040 massiv mehr Betagte in Pflegeheimen

Der stark wachsende Pflegebedarf dürfte dazu führen, dass sich der Anteil der Ausgaben für Pflegeheime und die ambulante Pflege (Spitex) am Bruttoinlandprodukt bis 2040 von heute 1.7 Prozent auf über 3 Prozent verdoppelt. Ob das heutige Finanzierungsregime, in dem sowohl die Krankenkassen, der Staat als auch die gepflegten Betagten die Kosten tragen, dieser massiven Zusatzlast gewachsen ist, bleibt fraglich. Die Politik muss sich daher frühzeitig mit alternativen Finanzierungmodellen auseinandersetzen und politisch tragfähige und nachhaltige Lösungen ausarbeiten. Denn unabhängig davon, ob die Finanzierung gesichert ist oder nicht – die Nachfrage nach Alterspflege und Betreuungsplätzen steigt in den nächsten Jahrzehnten massiv. Je nach Szenario dürften 2040 rund 60 Prozent bis 120 Prozent mehr Menschen als heute in Pflegeheimen betreut werden. Das Wachstum fällt indessen in den einzelnen Regionen der Schweiz höchst unterschiedlich aus. Besonders dynamisch dürfte die Nachfrage nach Alterspflege in den Regionen des äussersten Gürtels der Metropolregionen Zürich und Genf-Lausanne wachsen. Mit einem eher unterdurchschnittlichen Nachfragewachstum rechnen wir in den grossen Städten und peripheren Gebieten im Jurabogen und Alpenraum.

Fachkräftemangel im Pflegebereich dürfte sich verschärfen

Parallel zur Nachfrage wuchs in den letzten Jahren auch das Angebot an Alterspflege. Die Beschäftigtenzahl in der sehr personalintensiven Branche nahm dabei stärker zu als in den meisten anderen Schweizer Wirtschaftszweigen. Daher ist es wenig überraschend, dass bereits heute teilweise ein Fachkräftemangel herrscht. Angesichts der auch künftig dynamisch wachsenden Nachfrage dürfte sich dieser deutlich verschärfen. Wir erwarten, dass bis 2040 alleine in Pflegeheimen ein zusätzlicher Bedarf von 48'000 bis 71'000 Pflegevollzeitstellen entsteht, was einen 1.8 bis 2.2-fachen Anstieg gegenüber heute darstellt. Ob dieser Bedarf bei einer nahezu stagnierenden Erwerbsbevölkerung gedeckt werden kann, stellt die Studie jedoch in Frage. In diesem Kontext besonders kritisch ist die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar 2014. Seit 2006 wurden nämlich mehr als 40 Prozent der neuen Pflegestellen von Personal mit ausländischem Pflegediplom besetzt.

Struktur des Pflege- und Betreuungsangebots verändert sich

Heute stellen die rund 1'500 Schweizer Pflegeheime etwa 80 Prozent des Pflegepersonals. Die Spitex zeichnet für die restlichen 20 Prozent verantwortlich. Die ambulante Alterspflege dürfte relativ zur stationären künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Pflegeheime heute auch viele nur leicht pflegebedürftige Klienten beherbergen, die ökonomisch gesehen effizienter von der Spitex betreut werden könnten. Die strikte Trennung von ambulanter und stationärer Pflege relativiert sich jedoch zunehmend. Bereits heute gibt es eine Vielzahl alternativer Wohn- und Betreuungskonzepte, wie zum Beispiel «Wohnen mit Service», die stark im Wachstum begriffen sind.

Westschweiz setzt stärker auf die ambulante Pflege als Deutschschweiz

Obwohl die Abdeckung an Pflegeheimen in der Schweiz praktisch lückenlos ist – 99 Prozent der Bevölkerung erreicht mindestens ein Pflegeheim in weniger als 15 Autominuten – unterscheidet sich die regionale Versorgungsdichte zum Teil deutlich. Unsere Berechnungen zeigen, dass heute insbesondere weite Teile der West- und Nordschweiz unterdurchschnittlich mit Pflegebetten versorgt sind. Jedoch relativiert sich dieser Befund teilweise, sobald das Spitex-Angebot mitberücksichtigt wird. Heute setzen insbesondere die Westschweizer Kantone überdurchschnittlich stark auf die ambulante Alterspflege.

Investitionsvolumen in Pflegeheime verdreifachte sich in den letzten 10 Jahren

Neben der Mitarbeiterzahl nahmen in den letzten Jahren auch die Investitionen in Pflegeheime stark zu. Bewilligten die kommunalen Baubehörden um die Jahrtausendwende jährlich Pflegeheimprojekte in der Höhe von etwa CHF 200 Mio., betrug dieser Wert im Zeitraum 2012–2014 jeweils über CHF 700 Mio. Dabei nahm zwar nicht die Zahl der Neubauprojekte zu, aber die bewilligten Objekte wurden immer grösser. Besonders viele Projekte wurden im Grossraum Zürich, im Raum Basel und im Mittelland bewilligt. Wir rechnen daher in den nächsten 2–3 Jahren für diese Regionen mit der grössten Ausdehnung der Bettenzahl.

Bis 2040 müssen fast CHF 20 Mrd. in zusätzliche Pflegeheime investiert werden

Das dynamische Wachstum bei den Pflegeimmobilien setzt sich angesichts des prognostizierten Nachfrageanstiegs auch mittel- bis langfristig fort. Wir rechnen damit, dass bis 2040 trotz zunehmender Bedeutung der Spitex schweizweit 53'000 zusätzliche Betten in Pflegeheimen benötigt werden. Dies entspricht einem Investitionsbetrag von gesamthaft CHF 18.4 Mrd. – oder knapp CHF 700 Mio. pro Jahr. Ersatzbauten und Renovationen sind in diesem Betrag genauso wenig berücksichtigt wie Neubauinvestitionen in Alterswohnungen. Das gesamthaft benötigte Investitionsvolumen in Alterswohnungen und Pflegeheime dürfte demnach noch deutlich höher ausfallen. Der zusätzliche Bedarf an Pflegebetten verteilt sich jedoch nicht gleichmässig über die Schweiz. Unter Berücksichtigung des prognostizierten Nachfragewachstums und der heutigen Versorgungsdichte gehen wir davon aus, dass im Vergleich zu heute insbesondere die Regionen zwischen Genfer- und Neuenburgersee, östlich des Genfersees und westlich der Stadt Zürich in zusätzliche Betten investieren müssen.

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