Nachhaltige Entwicklungsziele: die Rolle der Wirtschaft
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Nachhaltige Entwicklungsziele: die Rolle der Wirtschaft

Im September werden 193 Nationen die nachhaltigen Entwicklungsziele verabschieden – eine Chance und ein komplexes Unterfangen. Am Lifefair-Forum wurde diskutiert, was auf die Wirtschaft zukommt.

Michael Gerber spricht von einem historischen Moment. Der Sonderbeauftragte für nachhaltige Entwicklung des Bundes hat drei Jahre diskutiert, besprochen, verhandelt und steht nun vor dem Moment, an dem seine Arbeit in eine der wichtigsten internationalen Vereinbarungen der jüngeren Geschichte einfliessen wird. Ende September 2015 werden die 193 Staaten der UNO die nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) verabschieden und damit einen Katalog aus 17 Haupt- und zahlreichen Unterzielen, der als zentrales Rahmenwerk für eine nachhaltige wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklung auf der ganzen Welt dienen soll.

«Wir müssen über Entwicklungszusammenarbeit hinausdenken«, erklärte Michael Gerber am 20. Lifefair-Forum (s. Box), wo er das einleitende Referat hielt. Es gehe nicht mehr hauptsächlich darum, dass die Länder des globalen Nordens jene des globalen Südens wirtschaftlich unterstützten, sondern dass eine weltweite Zusammenarbeit entstehen könne, welche die Umsetzung der Ziele ermöglicht. «Wir können globale Herausforderungen nur global angehen, und business as usual wird nicht mehr funktionieren» sagte Gerber – und schlug die Brücke zur Privatwirtschaft. Diese könne ihren Beitrag durch gut organisierte öffentlich–private Partnerschaften, durch sinnvolle Investitionen und durch die Wahrnehmung ihrer unternehmerischen Verantwortung auf verschiedenen Ebenen leisten.

«Systeme können sich schnell verändern»

Die nachhaltigen Entwicklungsziele folgen auf die Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs), die von der UNO im Jahr 2000 verabschiedet wurden. Wie die MDGs gelten die SDGs über einen Zeitraum von 15 Jahren, sollen also bis 2030 umgesetzt werden. Der Unterschied zwischen SDGs und MDGs liegt unter anderem darin, dass die neuen Ziele einen umfassenderen und stärker qualitativen Ansatz verfolgen. Auch soll, wie von Michael Gerber hervorgehoben, der Fokus nicht mehr auf Entwicklungsländern, sondern auf der globalen Umsetzung der Ziele in allen Ländern liegen.

Ein historischer Moment also – ob ihm auch historische Taten folgen werden, war Gegenstand einer Panel-Diskussion, die Gerbers Referat folgte. Zwar herrschte weitgehende Einigkeit über die Wichtigkeit neuer, umfassender Nachhaltigkeitsziele, aber «die Botschaft, dass business as usual keine Option für die Zukunft ist, ist noch nicht überall angekommen», meinte Thomas Vellacott, CEO von WWF Schweiz. Auch er nannte aber die SDGs eine «Riesenchance» und meinte optimistisch: «Systeme können sich sehr schnell verändern.» Zuversicht zeigte auch Ian Roberts, Chief Technical Officer der Bühler Gruppe, die auf Verfahrenstechnik spezialisiert ist und dabei besonders auf die Nahrungsmittelindustrie fokussiert: «Ich bin ein Optimist», sagte er, «und ich glaube, dass die Privatwirtschaft in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen wird. Für uns gibt es nicht nur ein ethisches Argument dafür, unser Geschäft nachhaltig zu betreiben, sondern wir sehen darin auch eine wirtschaftliche Chance.»

15 Jahre für ambitionierte Ziele

Dass sich die Vorstellung von Nachhaltigkeit als kommerziellem Vorteil immer stärker durchzusetzen beginnt, reflektierten die Voten aller Beteiligten – die konkrete Einbettung der SDGs in verschiedene Geschäftsmodelle dürfte sich indes komplex gestalten. Die Ziele reichen von der Beendung der Armut über Geschlechtergleichheit bis zum Klimaschutz und sind einerseits sehr ambitioniert, andererseits nicht rechtlich bindend. «Wir sprechen von einem relativ kurzen Zeitraum, in dem viel geschehen soll – meines Erachtens ist noch nicht hinreichend untersucht, wie wir die ehrgeizigen Ziele effektiv erreichen können», sagte etwa Dr. Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft bei economiesuisse. Und Antoinette Hunziker-Ebneter, CEO und Gründungspartnerin des Vermögensverwalters Forma Futura Invest AG, meinte: «Wichtig ist, dass alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Wir können die Verantwortung nicht delegieren, wir können sie nicht nur in Papieren festschreiben – wir müssen auch als Konsumenten, Aktionäre und Bürger aktiv werden.»

Mit den SDGs steht die Welt so nahe wie noch nie an einer globalen Abmachung, wie die Zukunft der Menschheit über alle Kulturräume und Kontinente hinweg nachhaltig ausgestaltet werden soll. Der trotz einigen Vorbehalten deutliche Optimismus der Diskussionsteilnehmenden gründet einerseits in wichtigen Erfolgen der MDGs, andererseits aber auch in den gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre – von immer zahlreicheren nachhaltigen Anlagemöglichkeiten für Pensionskassen oder vermögende Privatpersonen bis zur mehr als nur anekdotisch interessanten Umstellung des grössten Detailhändlers der Welt, Walmart, auf den Verkauf von nachhaltigem Fisch. «In 15 Jahren kann viel gehen», meinte Michael Gerber in einer Schlussrunde. Gleichzeitig ist klar: Es muss auch.