Partner auf Augenhöhe
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Partner auf Augenhöhe

Schweizer Firmen durchleben im Moment anspruchsvolle Zeiten. Für die Credit Suisse eine Chance, sich als verlässlicher Partner zu profilieren, findet André Helfenstein, Leiter Corporate & Institutional Clients.

Urs Schwarz: Was hat Sie seit Ihrem Antritt als Leiter C&IC vor einem halben Jahr positiv überrascht? Wo liegen die Herausforderungen?

André Helfenstein: Unser Geschäft ist für die Schweizer Wirtschaft und unsere globalen Kunden sehr wichtig. Darauf dürfen wir wirklich stolz sein. Sehr positiv ist unsere attraktive Kundenbasis, die – in der Schweiz nicht unbedingt selbstverständlich – uns gegenüber positiv eingestellt ist. Dann haben wir ein gut diversifiziertes Geschäft mit starken Marktpositionen. Und, natürlich ganz wichtig, sehr engagierte Mitarbeitende mit hoher Fachkompetenz. Eine Herausforderung sind aktuell insbesondere die Negativzinsen nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Euro-Franken-Mindestkurs aufzuheben. Darüber hinaus müssen wir Wege finden, mit einer knapperen Bilanz umzugehen und im reifen Heimmarkt Schweiz weiter Marktanteile zu gewinnen. Angesichts unserer Stärken bin ich aber fest davon überzeugt, dass wir dies können, und freue mich, mit unseren Mitarbeitenden und Teams erfolgreich zur Credit Suisse beizutragen.

Mit Corporate Solutions haben Sie ein neues Department geschaffen, das alle Lösungen, mit denen im Firmenkundengeschäft mehrere Frontbereiche bedient werden, bündelt. Was versprechen Sie sich davon?

Der neue Setup ermöglicht es uns, Produkte und Dienstleistungen geschäftsübergreifend weiterzuentwickeln und den unterschiedlichen Kundensegmenten wie KMU, Large Swiss Corporates, Transportation und Global Finance gezielt zuzutragen. Ferner bündeln wir damit unsere Innovation und vereinfachen unsere Prozesse. Dies auch mit dem Ziel, die Front von administrativen Tätigkeiten zu entlasten, zum Beispiel durch das neue Regulatory Office C&IC, das die Formalitäten übernimmt und vereinfachen wird. Wir sind überzeugt, dass wir das Wachstum dadurch nicht bloss aufrechterhalten, sondern steigern können.

Wo orten Sie die grössten Wachstumschancen?

Wir haben in der Mehrheit unserer Geschäftsfelder gute Wachstumschancen. In der Schweiz geht es darum, gezielt Marktanteile hinzuzugewinnen, zum Beispiel im KMU-Geschäft, wo es durch die grosse Anzahl von Firmen viel Bewegung gibt. Manche Produkte erfreuen sich einer starken Nachfrage, zum Beispiel Leasing & Factoring und Private Label Funds. Und mit grossen Firmen sowie institutionellen Kunden suchen wir Big Tickets. Gerade in den letzten Monaten haben wir mehrere sehr grosse Deals gewonnen.

International wollen wir das bereits heute sehr erfreuliche Wachstum weiter steigern. Mit Transportation & Global Finance bieten wir im Firmenkundengeschäft sehr gesuchte Dienst­leistungen an. Im institutionellen Geschäft dagegen wollen wir das Global-Custody- und Private-Label-Funds-Geschäft aus Luxemburg heraus stärken.

Welche Rolle hat hierbei die Zusammenarbeit mit dem Private Banking?

Ich bin überzeugt, dass sich das One-Bank-Potenzial im Verbund mit dem Private Banking noch deutlich besser ausschöpfen lässt. Nur wenige Konkurrenten bieten wie wir alles aus einer Hand. In der Schweiz wollen wir uns zusammen mit ­Private & Wealth Management Clients und Premium Clients klar als die «Bank für Unternehmer» profilieren. Unser gemeinsames Ziel ist, den Kunden als Unternehmer und Privatperson über den ganzen Lebenszyklus zu begleiten: von der Firmengründung über den Firmenaufbau bis hin zu einer Nachfolgelösung. Dann ist das UHNWI-Segment ein zentrales Wachstumsfeld der Credit Suisse. Hier wollen wir gemeinsam mit WMC, in der Schweiz wie auch international, Lending, Transportation, Corporate Finance, Global Custody und das Private-Label-Fund-Geschäft gemeinsam vorantreiben.

DPB ist mittlerweile zum geläufigen Akronym geworden. Wie steht's mit DCB: Digital Corporate Banking?

Selbstkritisch müssen wir sagen: Hier sind wir noch nicht so weit, wie wir sein möchten. Wir haben dieses wichtige Thema darum mit den Kollegen von DPB und IT angeschaut und definiert, wo wir die Prioritäten nun setzen wollen. In einem ersten Schritt werden wir uns auf Geschäfte konzentrieren, die breit und prozessintensiv sind und viele repetitive Abläufe beinhalten. Hier wollen wir automatisieren, etwa beim Client Onboarding. Dinge, die wir heute noch selbst erledigen, möchten wir in einen Self-Service- und Self-Admin-Bereich überführen. Das entlastet uns, wird aber auch von vielen Kunden gewünscht.

Das wäre aber noch klassisches One-Way-Onlinebanking.

Das stimmt, zunächst gehen wir vor allem Dinge an, die für Kunden und die Front eine klare Erleichterung und einen konkreten Vorteil mit sich bringen. Darüber hinaus werden wir uns auch innovativeren Themen zuwenden. Zum Beispiel werden Portals wichtiger; im Moment läuft ein Pilot mit dem Corporate Cash Manager, der unseren KMU-Kunden erlaubt, ihr Cash Management selber umzusetzen, was auch für uns Mehrerträge generieren kann.

Nach der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses durch die SNB leiden exportorientierte Unternehmen unter dem starken Franken. Wie stehen Sie ihnen zur Seite?

Viele Schweizer Firmen durchleben gegenwärtig anspruchsvolle Zeiten. Als ich meine neue Funktion im Frühling antrat, war ich überrascht, wie positiv eingestellt die Firmen noch waren. Seither hat sich die Stimmung jedoch mancherorts verschlechtert. Nicht nur exportorientierte Unternehmen mit direktem Euro-Exposure sind betroffen, sondern auch die vielen Zulieferer im Inland. Sie haben oft sogar am meisten Probleme. Wie können wir ihnen zur Seite stehen? Indem wir ihnen helfen, finanziell möglichst effizient zu arbeiten, und sie durch Cash Management, Kredite, Leasing und Factoring unterstützen. Und natürlich ist das Währungsmanagement – von vielen KMU lange zu stiefmütterlich behandelt – wieder aktuell. Dies die defensiven Massnahmen. Viele Firmen gehen aber auch in die Offensive, machen nicht einfach die Faust im Sack, sondern diversifizieren ins Ausland oder erschliessen neue Märkte. Wir unterstützen sie bei Akquisitionen oder Teilveräusserungen und begleiten sie im Ausland mit Handelsfinanzierungen und anderen Dienstleistungen. Für uns eine grosse Chance, uns als verlässlicher Partner zu profilieren.

Negativzinsen und die Reduktion der Bilanz stellen Sie vor schwierige Herausforderungen. Mit welchen Rezepten begegnen Sie ihnen?

Bezüglich Negativzinsen haben wir gezielt Preisanpassungen vorgenommen, konsequent, aber ohne dadurch die Partnerschaft mit den Kunden zu gefährden. Die Bilanz müssen und wollen wir künftig effizienter einsetzen. Wir werden klar definieren, welche Geschäfte wir noch machen wollen und welche nicht. Dabei geht es aber weniger darum, ganze Geschäftsfelder einzustellen, sondern unrentable Kundenbeziehungen zu verbessern oder allenfalls aufzugeben. Kurz: Wir suchen mit unseren Kunden Hauptbankbeziehungen zu Preisen, die unsere Beratung und Lösungen rechtfertigen. Darüber hinaus nehmen wir auch vermehrt Geschäfte von der Bilanz, behalten aber die Kundenbeziehung. Erst im Juni haben wir ein substanzielles Geschäft dieser Art abgeschlossen und prüfen derzeit weitere.

Wo setzen Sie Ihre Prioritäten für 2016?

In fünf Bereichen. Erstens wollen wir in der Schweiz und international im One-Bank-Verbund wachsen, zweitens durch DCB, Prozessverbesserungen und Kompetenzzentren effizienter werden, und drittens die Bilanz effektiver, das heisst für profitable Geschäfte und Kundenbeziehungen einsetzen. Viertens müssen wir unsere Profitabilität schützen, dazu gehören auch Anpassungen beim Pricing, und fünftens wollen wir für unsere Mitarbeitenden – bestehende oder künftige – Employer of Choice sein.

Welches Buch liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?

«1812: Napoleons Feldzug in Russland» von Adam Zamoyski. Da ich ein Faible für Geschichte habe, lese ich gerne Historisches: Über die Römer, von der Aufklärung über die amerikanische Unabhängigkeit bis zur französischen Revolution und dann auch über die bewegte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gerne lese ich mehrere Bücher gleichzeitig, nicht selten, wenn zuhause alle schon schlafen. Im Moment bin ich zum Beispiel auch in den letzten Zügen von Julian Barnes' «The Sense of an Ending».