Es darf noch ein bisschen mehr sein

Die Lebensmittelindustrie der Eidgenossenschaft deckt die ganze Bandbreite ab und ist weltweit erfolgreich. Das wichtigste Exportprodukt ist allerdings weder Käse noch Schokolade.

Käse mit grossen Löchern und zartschmelzende Schokolade sind klassische Klischees, die mit der Schweiz in Verbindung gebracht werden. Aber sind es wirklich nur Klischees? Nicht ganz. Die helvetische Lebensmittelherstellung ist eine der wichtigsten Industriebranchen im Land. Sie beschäftigt über 70'000 Personen in mehr als 4000 Betrieben. Zählt man die Landwirtschaft und den Lebensmittelhandel dazu, sorgen sich in der Schweiz täglich weit mehr als eine Viertelmillion Menschen um unser leibliches Wohl.

Spricht man von der Schweizer Lebensmittelindustrie, wird der Weltkonzern Nestlé oft zuerst genannt. Den Schokoladekennern wird daneben noch der Name des Schweizer Maître Chocolatiers Lindt &Sprüngli auf der Zunge vergehen. Diese global tätigen Unternehmen sind zweifelsohne wichtige Vertreter der hiesigen Branche. Nestlé beschäftigt in der Schweiz rund 10'000 Mitarbeiter. Über die Hälfte der Beschäftigten dieser Branche arbeitet allerdings in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

KMU an der Spitze

Gemessen an der Mitarbeiterzahl liegt mit den Back- und Teigwarenherstellern auch ein stark durch KMU geprägter Bereich an der Spitze der Rangliste der wichtigsten Subbranchen. In diesem Sektor arbeitet knapp ein Drittel aller Beschäftigten der Lebensmittelindustrie – davon über 75 Prozent in KMU. Auf dem zweiten Rang folgen die Fleischverarbeiter, vor den Herstellern von Milchprodukten, Getränken, Schokolade, Kaffee und Tee, Zucker und Zuckerwaren, Obst- und Gemüseprodukten sowie der übrigen Lebensmittel. In allen Bereichen finden sich sowohl Grossbetriebe als auch KMU. So zählen sowohl die Dorfbäckerei, der Metzger um die Ecke als auch die grossen Betriebe von Migros und Coop zu den Back- und Fleischwarenherstellern. Eine international tätige Emmi gehört genauso zur Branche der Milchverarbeiter wie die Alpkäserei Urnerboden; die Nischenproduzentin Max Felchlin AG genauso zu den Schokoladenherstellern wie die global tätige Lindt&Sprüngli.

Zwar ist dieses Nebeneinander von grossen und kleinen Betrieben nicht immer von Harmonie geprägt. Die Bäckereibranche befindet sich beispielweise in einem langanhaltenden Strukturwandel: Die industriellen Betriebe der Grossverteiler drängen die gewerblichen Bäckereien immer mehr in Nischen. Oft können sich lokale Kleinanbieter jedoch mit innovativen Rezepten behaupten und gar wachsen. Viele Konsumenten sind bereit, für handwerkliche Qualität, Originalität und Regionalität einen relativ hohen Preisaufschlag zu bezahlen. Bestes Beispiel ist der seit Jahren anhaltende Boom der Kleinbrauereien.

Produzenten unter Druck

Aber natürlich haben nicht alle Kunden diese hohe Zahlungsbereitschaft. Schweizer Lebensmittel können preislich meist nicht mit der ausländischen Konkurrenz mithalten – Qualität hin oder her. Die Schweiz ist für Produzenten ein teures Pflaster. Die Löhne sind sehr hoch; Rohstoffe wie Milch oder Fleisch sind wegen der hohen Zölle zum Schutz der Landwirtschaft politisch gewollt teuer. Seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar 2015 die Wechselkursuntergrenze zum Euro aufhob, gilt dies noch viel mehr. Bereits bei der letzten starken Aufwertung des Frankens in den Jahren 2010 und 2011 nahm der Einkaufstourismus massiv zu. 2012 kauften Schweizerinnen und Schweizer für rund 1,3 Mrd. Franken Lebensmittel im Ausland ein. Es ist zu erwarten, dass der Einkaufstourismus 2015 noch einmal zunimmt. Das setzt heimische Produzenten von Lebensmitteln weiter unter Druck.

Dieser wachsende Preisdruck wirkt sich dämpfend auf die ohnehin schleppende Umsatzentwicklung der Branche aus. Die Lebensmittelindustrie ist relativ stark binnenorientiert und erzielt nur rund 10 bis 20 Prozent ihres Umsatzes im Export. Der Binnenmarkt ist aber seit Jahren gesättigt. Zwar können Unternehmen durch die Berücksichtigung wichtiger Konsumtrends wie Regionalität, Convenience, Bio oder Functional Food ihre Umsätze mit innovativen Produkten auch auf dem heimischen Markt weiterhin steigern. Oft wachsen diese Segmente aber auf Kosten herkömmlicher Produkte.

Schweizer Exporte steigend

Viele Unternehmen setzen daher auf den Export. 2014 wurden Lebensmittel im Wert von 8,3 Mrd. Franken ausgeführt – so viel wie nie zuvor. In den letzten zehn Jahren verdoppelten sich die Ausfuhren von Lebensmitteln, während die Gesamtexporte der Schweiz nur um einen Drittel wuchsen. Bei genauerem Hinschauen fällt aber auf, dass beim Lebensmittelexport 75 Prozent des Exportwachstums auf Kaffee und Erfrischungsgetränke fielen. Massgeblich dafür verantwortlich waren die beiden Produkte Nespresso und Red Bull (wird mehrheitlich in Widnau SG abgefüllt). Dank dem globalen Kapselkaffee-Boom und der Tatsache, dass jede weltweit verkaufte Nespresso-Kapsel in der Schweiz hergestellt wird, ist Kaffee inzwischen das Hauptexportprodukt der Schweizer Lebensmittelindustrie. Seit 2010 führt die Schweiz wertmässig mehr Kaffee aus als die Klassiker Schokolade und Käse zusammen.