Ein breit aufgespannter Regenbogenschirm

Ein breit aufgespannter Regenbogenschirm

Etwa 2-4 Prozent der Bevölkerung gehören zur LGBT-Minderheit, sie sind also schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender. Aus Angst vor Diskriminierung verheimlichen viele ihre sexuelle Ausrichtung am Arbeitsplatz, was enorm viel Energie kostet. Durch ihre Teilnahme am LGBT Ally Programm signalisieren Heterosexuelle und LGBT-Mitglieder, dass sie dem Thema offen gegenüber stehen.

Ob am Flughafen, in einem Sitzungszimmer in London oder an ihrem regulären Arbeitsplatz in Zürich – wo immer Tracy Morland ihren Laptop aufklappt, erntet sie verhalten neugierige Blicke. Grund dafür ist eine bunte Karte, die sie an ihrem Laptopdeckel fixiert hat, auf der das Innere eines offenen Regenschirmes zu sehen ist, gefächert in alle Regenbogenfarben. In einem weissen Feld ist zu lesen: Proud to be an LGBT Ally. Und etwas kleiner: LGBT Open Network – Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender.

Zahlen, die Geschichten erzählen

Was LGBT bedeutet ist damit klar – was aber ist ein LGBT Ally? Morland erklärt: «LGBT Ally steht für ein Programm der Credit Suisse, dessen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich mit den Anliegen der LGBT-Arbeitskollegen solidarisch zeigen. Ein Ally ist ein Freund, Unterstützer und Fürsprecher der LGBT Community. Ich kommuniziere mit dem Aufsteller auf meinem Laptop, dass für mich die sexuelle Ausrichtung meines Gegenübers keine Rolle spielt.» Es scheint auf den ersten Blick paradox, dass Morland ein Thema, das für sie eigentlich keines ist, für jeden sichtbar an ihrem Computer befestigt, und dass sie sich freut, darauf angesprochen zu werden. Resultate unterschiedlicher U.S.-amerikanischer Studien belegen, dass eine offene Kommunikation nötig ist, denn:

  • 63 Prozent aller zwischen 1980 und 2000 geborenen, der LGBT-Community angehörenden Hochschulabsolventen bekennen sich beim Übergang vom Studium ins Arbeitsleben nicht mehr offen zu ihrer LGBT-Identität.
  • 1/3 aller LGBT-Personen befürchtet, von ihren Kollegen anders behandelt zu werden, wenn sie sich am Arbeitsplatz offen zu ihrer Identität bekennen.
  • 30 Prozent beträgt der Prozentsatz, um den sich die individuelle Produktivität verringert, wenn am Arbeitsplatz ein bestimmtes Bild der sexuellen Orientierung aufrechterhalten werden muss.

Auch wenn diese Zahlen nicht auf Schweizer Befragungen beruhen, so liegt die Vermutung nahe, dass die Situation hier vergleichbar ist. Bernd Krajnik, selber schwul und Initiator des LGBT Ally Programms der Credit Suisse in der Schweiz, empfindet die Hemmschwelle des Outings in den USA als deutlich niedriger als in der Schweiz: «Mit einer höheren Akzeptanz des Themas hat das aber nichts zu tun. Es zeigt eher den Mentalitätsunterschied zwischen den beiden Ländern.» In der Schweiz sind homosexuelle Handlungen seit 1942 legal und gleichgeschlechtliche Partnerschaften können seit 2007 registriert werden. Die sexuelle Ausrichtung wird jedoch, im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern, eher als privates Thema gesehen denn als öffentliches. Gemäss der Schweizer Schwulenorganisation Pink Cross kommt es vor, dass sich schwule und lesbische Paare davor scheuen, ihre Partnerschaft eintragen zu lassen, weil sie bei ihren Arbeitgebern den geänderten Zivilstand bekannt geben und sich damit outen müssten.

Was macht ein Ally?

Ein Ziel des LGBT Ally Programmes ist es, solche Ängste und Sorgen zum Verschwinden zu bringen. Ursprünglich war das Programm als Solidarisierungsmöglichkeit für heterosexuelle Mitarbeiter mit ihren LGBT-Kollegen gedacht. Alle Mitarbeiter sollten sich in ihrem Arbeitsumfeld wohl fühlen, denn wer sich gut fühlt, ist kreativer und leistungsfähiger. Doch von Anfang an meldeten sich auch Mitglieder der Gruppen selbst an. Krajnik stellt fest: «Warum sollte ich als Schwuler nicht Ally für meine lesbischen, bisexuellen oder Transgender-Kollegen sein können?» Ein Ally ist gegenüber der LGBT-Thematik offen, er interessiert sich, ist bereit, darüber zu reden, wenn es gewünscht wird, und greift ein, wenn er Zeuge von Diskriminierung wird. Er ist aber kein Aktivist und muss auch nicht bedingungslos alles gutheissen, was mit LGBT zu tun hat. Sichtbar wird das Bekenntnis zu LGBT beispielsweise durch jenen Aufsteller, den Morland sogleich an ihrem Laptop befestigte, statt ihn auf ihrem Schreibtisch zu platzieren, weil sie ihn so immer dabei hat. Weitere Möglichkeiten sind ein spezielles Mousepad oder einfach eine persönliche Signatur im E-Mail-Verkehr, die auf das Engagement verweisen.

Wohlwollen und Akzeptanz als Nährboden

Während das Programm bei der Credit Suisse in den USA und in Grossbritannien schon seit einigen Jahren existiert, wurde es in Singapur und im Heimmarkt der Bank erst in diesem Jahr eingeführt. Morland war eine der ersten Schweizer Allies: «Bevor ich in die Schweiz kam, arbeitete ich für die Credit Suisse in Singapur, wo ich auch ein LGBT Ally war – so ist meine Teilnahme hier nur ein logischer Schritt», erklärt sie. Ein Erlebnis während ihrer Studienzeit in Neuseeland hatte sie ursprünglich für das Thema sensibilisiert: «Mein Freund, heute mein Mann, und ich hatten damals einen gemeinsamen Freund: Ein belesener älterer Herr, mit dem wir viele Stunden gemeinsam über Bücher diskutierend verbrachten. Eines Tages erhielten wir die Nachricht, er habe Suizid begangen. Er war von einem Dritten als schwul geoutet worden und hatte im Gefüge unserer Kleinstadt nicht damit umgehen können», erzählt Morland. Ein Coming out ist für die meisten Betroffenen ein grosser Schritt: «Es ist ja auch nicht so, dass die Hürde mit einem einzigen Coming out erledigt wäre», erklärt Krajnik. Vielmehr müsse man sich als Angehöriger einer Minderheit daran gewöhnen, sich immer wieder zu erklären. Enorm hilfreich ist hier ein Umfeld, das Wohlwollen vermittelt, so wie es das LGBT Ally Programm tut. Krajnik ist mit den ersten Monaten des Programms zufrieden: «Wir konnten auf Managementebene zwei wichtige Botschafter gewinnen: Patricia Horgan und Serge Fehr, die vorangehen und ein Zeichen setzen.» Er hofft für 2016 auf noch mehr Teilnehmer aus diesen Reihen, um anschliessend von hier aus in die Breite zu wachsen. Und irgendwann wird ein Regenbogenbild am Laptop keine neugierigen Blicke mehr ernten – weil Diversität zur Normalität geworden ist.