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Die Zukunft der Politik: Lassen wir eine Rezession hinter uns oder beginnt eine «neue Normalität»?

Credit Suisse Research Institute veröffentlicht den Bericht «The Future of Politics»


Die Politik befindet sich in einer Rezession, Märkte und Volkswirtschaften erholen sich jedoch wieder. Die globale politische Ordnung dürfte sich in Zukunft verändern – vor allem aufgrund der Umkehrung des Demokratisierungstrends, der Bedrohung durch populistischen Nationalismus und der Auswirkungen des Endes der Globalisierung. 

Das Credit Suisse Research Institute (CSRI) hat einige der weltweit führenden Akademiker und Politik-Experten mit der Untersuchung der Aussichten für die globale Politik beauftragt. Der Bericht kommt zum Schluss, dass sich die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte zwar langsam von einer fast zehnjährigen Rezession erholen, die freiheitliche Demokratie jedoch zu kämpfen hat. Neben weiteren Experten hinterfragt der ehemalige britische Premierminister Sir John Major, ob die uns bekannte Politik überleben wird, da sich die Demokratie anscheinend, «durch ihre eigenen Tugenden erstickt», zurückentwickelt.

 

Urs Rohner, Vorsitzender des Credit Suisse Research Institute und Präsident des Verwaltungsrats der Credit Suisse Group, kommentierte: «Wir haben festgestellt, dass die Spannungen zwischen Gesellschaften und Staat ansteigen. Die Zahl neuer Demokratien stagnierte Mitte der 2000er Jahre und hat sich seitdem rückläufig entwickelt. Die internationalen Märkte haben sich einzelnen geopolitischen Ereignissen gegenüber als relativ robust erwiesen, die Folgen des sich ändernden politischen Ökosystems dürften in Zukunft jedoch beträchtlich sein.»

 

Die Beiträge umfassen aktuelle Analysen und Stellungnahmen des ehemaligen britischen Premierministers Sir John Major, des ehemaligen US Under Secretary of State Nicholas Burns, von Professor Francis Fukuyama, Professor Michael M. Ting sowie von Michael O’Sullivan vom CSRI.

 

Der Bericht blickt unter anderem über den 2017 veröffentlichten CSRI-Bericht «Getting over Globalization», der sich mit dem Übergang von der Globalisierung zur Multipolarität beschäftigte, hinaus und wirft die Frage auf, ob sich die Politik von diesen schwierigen Zeiten wieder erholen wird. Michael O’Sullivan, Chief Investment Officer International Wealth Management bei der Credit Suisse, sagte: «Die wichtigsten politischen Trends in den nächsten zehn Jahren sind der Aufstieg des regionalen Exzeptionalismus, der Druck auf Regierungen in Schwellenländern, den entsprechenden materiellen und politischen Bestrebungen der Bevölkerung gerecht zu werden, und die Entstehung ausgewogenerer Entwicklungsziele in vielen Ländern.»

 

In seinem Einführungsbeitrag argumentiert Sir John Major, dass die Demokratie im Gegensatz zu autokratischen Optionen vor zahlreichen Hürden steht, da in der Demokratie Überzeugungsarbeit geleistet und Konsens geschaffen werden muss, bevor gehandelt werden kann. Laut Major kann dies den Eindruck erwecken, dass in einer Autokratie effizienter und zielstrebiger vorgegangen werden kann, dass Versprechen eher eingelöst werden und man in Krisen schneller handeln kann. «Der Aufstieg des undemokratischen Chinas zum wirtschaftlichen Superstar ist eine der grössten Storys der Geschichte» und ein Beispiel für den Erfolg der Autokratie, erklärt Sir Major und fügt hinzu, dass «man für Erfolg immer einen Preis bezahlen muss. In diesem Fall ist der Preis die fehlende persönliche Freiheit der Bevölkerung.» Major warnt, dass «wir im demokratischen Westen mittlerweile glauben, dass unser freiheitliches, soziales und wirtschaftliches Modell der Demokratie unanfechtbar ist. Das ist es eben nicht.»

 

«Demokratische Rezession» oder längerfristiger Abschwung?

Professor Francis Fukuyama, Senior Fellow am Freeman Spogli Institute an der Stanford University, beschäftigt sich in diesem Bericht mit dem Aufstieg des populistischen Nationalismus. Er wirft die Frage auf, ob es sich bei dem Phänomen nur um eine «demokratische Rezession» oder einen längerfristigen weltweiten Abschwung der freiheitlichen Demokratie handelt. Fukuyama analysiert populistische Regime und wie sie die Demokratie zur Schwächung oder Unterminierung von Staat und Recht nutzen. «Die Zukunft demokratischer Regierungen sowohl in Europa als auch Nordamerika wird stark davon abhängen, wie sich ihre politischen Systeme an die grossen sozialen Kräfte anpassen, die durch Globalisierung und Technologie freigesetzt wurden», kommentiert Fukuyama in seinem Beitrag.

 

Rationales Wählen?

Professor Michael M. Ting von der Columbia University schlägt einen neuen Weg ein und wendet in der Verhaltensökonomie gewonnene Erkenntnisse auf das Wahlverhalten an. Laut Ting haben aktuelle Ereignisse zahlreiche Fragen zu Einflussfaktoren und Beweggründen von Wählern aufgeworfen. Wähler verhalten sich zwar normalerweise rational, ökonomische Standardbetrachtungen zur menschlichen Entscheidungsfindung weisen jedoch auf einige auffällige Anomalien in Wahlsituationen hin.

 

«Die Verhaltensökonomie kann psychologisch fundierte Erklärungen für diese Eigenheiten im Wählerverhalten bieten. Wenn man die Wahlprozesse verbessern will, muss man unbedingt verstehen, wie Bürger an die Wahl herangehen», erklärt Ting. «Wenn Verbraucher infolge ihrer kognitiven Grenzen schlechte Entscheidungen treffen», führt er weiter aus, «warum sollten dann Wähler nicht das gleiche Verhalten an den Tag legen?»
 

Auswirkungen für Kapitalmärkte und Anlagen

Bob Parker, Vorsitzender des Asset Management and Investors Council, untersucht die zehn wichtigsten politischen und sozialen Themen, die sich tatsächlich oder potenziell auf Kapitalmärkte und die Performance von Anlageklassen auswirken. In diesem Zusammenhang erörtert er: die Gründung neuer politischer Parteien und, wenn diese erfolgreich ist, die Einführung struktureller Reformen; den Aufstieg des Populismus und der zugehörigen Politik, mit einer Reihe entweder «links»- oder «rechts»-orientierter Standpunkte; den Rückzug der USA von der Weltbühne in Kombination mit einer zurückgehenden Globalisierung; weitreichende geopolitische Spannungen; ein grösseres politisches Augenmerk auf Ungleichheit und Migration und ein hartes Vorgehen gegen Korruption sowie eine stärkere Verwendung von sozialen Medien bzw. Technologie.

 

«Derzeit scheint sich die Welt von der Globalisierung und der traditionellen US-amerikanischen Vormachtstellung abzuwenden und sich in Richtung einer stärker multipolaren Weltwirtschaftsordnung zu bewegen», kommentiert Parker. Als Anlageimplikation sieht er, dass regionale Märkte stärker von regionalen oder lokalen Faktoren als von globalen Trends beeinflusst werden und dass die Wechselbeziehungen zwischen Regionen zusammenbrechen werden – was für eine aktivere Vermögensverwaltung anstelle einer globalen passiven Anlagestrategie spricht.

 

Worauf 2018 zu achten ist – das Jahr für Europa?

Nicholas Burns, Professor an der Harvard University und ehemaliger US Under Secretary of State, wirft einen Blick auf die Zukunft der globalen Politik sowie die aktuellen geopolitischen Risiken. «Die Welt erlebt derzeit den tiefgreifendsten Führungswechsel seit einer Generation», so Burns und fügt hinzu, dass 2018 höchstwahrscheinlich ein Jahr mit erheblichen Herausforderungen für die globale Stabilität und den globalen Frieden sein wird.

 

Er führt diesen Gedanken weiter und stellt die Frage, ob dieses Jahr vielleicht das Jahr für Europa sein könnte, da sich die unsteten USA unter Präsident Trump immer weiter von ihrer traditionellen Führungsrolle zurückziehen. Burns stellt in Frage, ob andere demokratische Kräfte, darunter vor allem Europa, Indien und Japan, das Vakuum füllen können, das von einer amerikanischen Regierung geschaffen wurde, deren Politik sich zunehmend von einer internationalen Beteiligung abwendet.

 

Laut Burns sind die wichtigsten Fragen im kommenden Jahr, ob ein stärker werdendes Europa weiterhin eine Vielzahl schwerwiegender interner und externer Bedrohungen bewältigen kann, ob die Länder im Nahen Osten die starken Kräfte, die ihre Region zur volatilsten Region weltweit machen, in Schach halten können, und ob China und die USA ein Gleichgewicht als Partner und Rivalen in ihrer schwierigen Beziehung finden und dabei gleichzeitig einen potenziell katastrophalen Konflikt mit Nordkorea vermeiden können.

 

Langfristige Vision

Michael O’Sullivan und Krithika Subramanian von der Credit Suisse untersuchen die Frage, ob Politik für das wirtschaftliche Wachstum wichtig ist und umgekehrt. Nach der globalen Finanzkrise geben die meisten politischen Entscheidungsträger das wirtschaftliche Wachstum als ihr wichtigstes Ziel an. O’Sullivan und Subramanian sind der Meinung nach muss sich das jedoch ändern: «Regierungen müssen bei der Umsetzung anderer sozio-ökonomischer Ziele mehr Disziplin an den Tag legen.»

 

Sie sind der Meinung, dass Entwicklungs- und Schwellenländer erheblich von Verbesserungen der institutionellen Qualität profitieren können. Ein insbesondere in Schwellenländern zunehmender Trend ist die Institutionalisierung des wirtschaftlichen Fortschritts mithilfe langfristiger Visionen. «Wir beobachten dies immer öfter als einen treibenden Faktor in Richtung ganzheitlicher Änderungen. Es sind vor allem Länder des Nahen Ostens, die eine Diversifikation weg von der Ölabhängigkeit anstreben.»


Afshin Molavi, Senior Fellow am Johns Hopkins SAIS Foreign Policy Institute, konzentriert sich auf die mehr als 85 % der Weltbevölkerung, die ausserhalb von Nordamerika und Europa leben. Diese «85 % der Welt» in Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten werden von rascher Urbanisierung, wachsendem Mittelstand und noch nie dagewesener Konnektivität geprägt bzw. neu geprägt. «Das Schicksal unserer Welt beruht stark auf dem, was in diesen 85 % ausserhalb der westlichen Länder passiert und sich erheblich auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auswirken wird», so Molavi.

Wenn junge Menschen in der nicht westlichen Welt die Wahl haben, in ihrer eigenen Region zu bleiben oder abzuwandern, bleiben sie in der Nähe ihrer Heimat – wenn eine Stadt ihnen sinnvolle Chancen zur Realisierung ihrer Bestrebungen bietet. «Die Zukunft der globalen Politik liegt im zukünftigen Erfolg oder Versagen der Städte in Schwellenländern», argumentiert Molavi.

Der vom Credit Suisse Research Institute (CSRI) veröffentlichte Bericht «The Future of Politics» steht unter www.credit-suisse.com/researchinstitute zum Download bereit.

 

Über das Credit Suisse Research Institute

Das Credit Suisse Research Institute ist der hauseigene Thinktank der Credit Suisse. Das Institut wurde nach der Finanzkrise 2008 eingerichtet, um langfristige wirtschaftliche Entwicklungen zu untersuchen, die nicht nur im Bereich Finanzdienstleistungen, sondern auch darüber hinaus weltweite Auswirkungen haben bzw. voraussichtlich haben werden. Weitere Informationen über das Credit Suisse Research Institute finden Sie unter www.credit-suisse.com/researchinstitute.