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«Getting over Globalization» – Ausblick für 2017

Das Credit Suisse Research Institute untersucht das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen, und den Übergang zur Multipolarität – hin zu Regionen, die sich in Bezug auf Wirtschaft, Gesetze, Kultur und Sicherheitsarchitektur unterscheiden.

Das Credit Suisse Research Institute veröffentlicht heute seinen Bericht «Getting over Globalization». Er beschreibt, wie sich die Weltwirtschaft an eine stärker multipolar geprägte Form annähert, deren Stabilität davon abhängt, dass frühzeitig entsprechende Regeln und Institutionen geschaffen werden. Der Bericht nennt verschiedene Risiken wie die Zunahme des Protektionismus, Währungskriege und geopolitische Konflikte, kommt aber zu dem Schluss, dass statt einer vollständigen Aufgabe der Globalisierung Massnahmen ergriffen werden können, die zu einem ausgewogeneren Ergebnis führen.

Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse: «Die Globalisierung war der stärkste wirtschaftliche Treiber der letzten Jahrzehnte. Im Jahr 2016 hat sich die Globalisierung, wie wir sie kennen, verändert. Insbesondere für international tätige Unternehmen werden Veränderungen des globalen Handels und die politische Regionalisierung eine Herausforderung darstellen.»

Michael O’Sullivan, Chief Investment Officer International Wealth Management bei der Credit Suisse und Hauptautor des Berichts, erläutert den Hintergrund der Studie: «Die Globalisierungsuhr der Credit Suisse zeigt eine stockende Entwicklung und eine Welt, die noch immer in einem multipolaren Rahmen verankert ist. Die Akzeptanz des ‹Weges zur Multipolarität› ist aus unserer Sicht eine realistischere Perspektive und ein Szenario, das einem ‹Ende der Globalisierung› vorzuziehen ist.»

Der vom Credit Suisse Research Institute (CSRI) veröffentlichte Bericht «Getting over Globalization» steht unter www.credit-suisse.com/researchinstitute zum Download bereit.

Die neue Studie aktualisiert den Ende 2015 erschienenen CSRI-Bericht über die Zukunft der Globalisierung und untersucht drei Szenarien: «Fortsetzung der Globalisierung», «Entwicklung einer multipolaren Welt auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene» und, wesentlich dramatischer, das «Ende der Globalisierung». (Eine tabellarische Übersicht über die Szenarien findet sich im Anhang.)

Mit innovativen Analyseinstrumenten wie der Globalisierungsuhr der Credit Suisse versucht der Bericht, die Globalisierung wie auch die Multipolarität mit ihren vielen Facetten zu messen und zu quantifizieren. Auf der politischen Bühne deuten mehrere Ereignisse – das Brexit-Votum, das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl, das Ende des Trans-Pacific-Partnership-Prozesses – darauf hin, dass 2016 als das Jahr in Erinnerung bleiben könnte, in dem die Globalisierung an Schwung verlor. Der CSRI-Bericht geht auf einige dieser Themen näher ein, unter anderem auf Ungleichheit und Migration als die zwei Hauptgefahren für die Globalisierung, die offenbar das Wählerverhalten in den Industrieländern bestimmen.

Zehn Blickpunkte in 2017
Wenn 2016 das Jahr ist, in dem die Globalisierung scheiterte, dann entsteht 2017 eine stärker multipolar geprägte Welt – und die Gefahr, dass der globale Handel einbricht. Das CSRI nennt zehn Aspekte, die es in diesem Zusammenhang zu beachten gilt:

  • Handel: Nachdem nun wohl weder die Trans Pacific Partnership (TPP) zwischen den USA, Japan und einer Gruppe asiatischer Staaten noch die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) zwischen den USA und der EU ratifiziert wird und immer mehr Massnahmen ergriffen werden, um den Handel zu behindern, sind das Volumen und die Stabilität des Handels möglicherweise die wichtigsten Variablen, die im Blick zu halten sind.
  • Verschuldung: Aufgrund der Null- und Negativzinsen konnte die Welt ihre Schulden ignorieren und sich in vielen Fällen noch weiter verschulden. Doch nun steigen die Zinsen, und dies könnte manche Unternehmen und Länder unter Druck setzen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt zu Recht davor, dass die Welt heute höher verschuldet ist als im Jahr 2007.
  • Zuwanderung: Die Zuwanderung ist in Europa vielleicht das heisseste politische Thema und war einer der Hauptgründe, warum in Grossbritannien viele Wähler für den Brexit stimmten. Die EU braucht einen Plan zur Bewältigung der Immigration, um alle Mitgliedstaaten zu einer gemeinsamen Politik zu verpflichten und die Zuwanderung als politisches Streitthema auszuräumen.
  • Wann kommt die nächste Rezession? In den vergangenen sieben Jahren haben die Märkte etwa vier Rezessionen eingepreist. Angesichts der enormen Verschuldung in China, der schmalen Unternehmensmargen und des beginnenden Aufschwungs in den USA ist die nächste natürliche Rezession vermutlich nicht allzu weit entfernt.
  • Das «Strangelove-Szenario» – militärische Konfrontation, zufällig oder gewollt: Oft wird das Südchinesische Meer von Kommentatoren als Schauplatz für eine Konfrontation der Grossmächte genannt, doch nachdem der Krieg in Syrien immer komplexer wird, kommen auch andere Gebiete als Auslöser eines militärischen Konflikts in Frage.
  • Heimliche Angriffe oder Cyberkrieg: Cyberangriffe auf Unternehmen sind heute nichts Besonderes mehr, doch über die von Staaten vorangetriebenen Angriffe auf andere Länder hört man aus naheliegenden Gründen weniger. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Angriff fatal endet oder eine heftige Reaktion auslöst.
  • Fehlentscheidung einer Zentralbank: Eine geldpolitische Massnahme könnte dazu führen, dass eine Zentralbank ihre Glaubwürdigkeit verliert. Ein denkbares Beispiel wäre etwa, dass die Bank of Japan versucht, die Inflation anzufachen, und damit einen Kursanstieg des Yen auslöst.
  • Überdruss am Konsumdenken: Die Globalisierung prägt vor allem das Konsumdenken der Schwellenländer. Doch schwierige Arbeitsmarktbedingungen in einigen Ländern (in Russland, Südafrika und der Türkei beurteilten die Konsumenten ihre Einkommensaussichten 2015 pessimistisch oder weniger optimistisch), zunehmende Vermögensungleichheit und auch der Schwund der Mittelschicht könnten die Verlockung erstrebenswerter Lebensweisen und des Erwerbs von materiellem Wohlstand trüben.
  • Multipolare Staaten werden rücksichtsloser: Einige Staaten mögen den Eindruck haben, sie könnten es sich dank ihrem Status als geopolitische oder wirtschaftliche Macht erlauben, internationales Recht zu ignorieren. Daher setzen verschiedene Regionen zunehmend auf einen eigenen Weg – zum Schaden des Handels und womöglich auch der Menschenrechte.
  • Klimaereignis: Der Klimawandel ist ein fester Bestandteil der Globalisierung, sowohl hinsichtlich der Auswirkung auf das Klima als auch in Bezug auf die (regulatorischen und technologischen) Abhilfemassnahmen, die entwickelt wurden, um dem Effekt entgegenzuwirken. 2016 war die heisseste Periode seit Beginn der Aufzeichnungen, und ein weiteres derartiges Jahr wäre eine Belastung für viele Agrarbetriebe und Nahrungsmittelversorgungsketten und könnte humanitäre Krisen auslösen.

Die Globalisierung kommt ins Stottern

Die Kennzahl, mit der das CSRI anhand des Handels-, Finanz-, Dienstleistungs- und Personenverkehrs die Globalisierung misst, ist im vergangenen Jahr gesunken und im Verlauf der letzten drei Jahre unter das Niveau von 2012–2013 auf etwa den Stand der Krisenjahre 2009–2010 gefallen. 

Der wohl grundlegendste Aspekt der Globalisierung ist der Handel. Setzt man den Handel mit Waren und Dienstleistungen ins Verhältnis zum weltweiten BIP, so zeigt sich die Handelsaktivität weitgehend unverändert, wenn auch wieder auf hohem Niveau. Im Laufe der letzten sechs Jahre hat sich der Handel von der weltweiten Finanzkrise erholt und wieder den Stand der Jahre 2008–2009 erreicht – historisch gesehen den höchsten Stand seit mindestens fünfzig Jahren. Dies vermittelt leicht den Eindruck, der Handel – und damit auch die Globalisierung – habe seine Obergrenze erreicht.

Die Globalisierungsuhr der Credit Suisse

Die Credit Suisse hat anhand der Indikatoren und Daten, die dem Bericht zugrunde liegen, ihre «Globalisierungsuhr» aktualisiert, welche die Entwicklung der Globalisierung und Multipolarität unter dem Gesichtspunkt ihrer langfristigen Durchschnittswerte darstellt. Sowohl die Globalisierung als auch die Multipolarität scheinen gegenüber ihrem Allzeithoch von 2012–2013 abgenommen zu haben (siehe Illustration unten), doch wir gehen davon aus, dass die heutige Welt nach wie vor auf die Entstehung mehrerer verschiedener «Pole» zusteuert.

Wie sieht die multipolare Welt aus?

Das CSRI sieht verschiedene Entwicklungen der Multipolarität, nicht nur hinsichtlich der Wirtschaftsmacht, sondern insbesondere auch in Bezug auf militärische Macht, politische Freiheit und Cyberfreiheit, technologische Komplexität, das Wachstum des Finanzsektors und im weiteren Sinne auch das kulturelle Prärogativ und Vertrauen. Viele dieser Variablen sind nicht so leicht messbar wie die wirtschaftliche Multipolarität, aber einige Erkenntnisse zeichnen sich deutlich ab.

Die multipolare Welt, auf die sich das CSRI bezieht, basiert auf der Entstehung von drei wesentlichen Polen:

  • Die USA oder die Region Nord- und Südamerika insgesamt
  • Europa
  • Asien mit China als Mittelpunkt

Das CSRI bemüht sich darüber hinaus um die quantitative Erfassung der relativen Stärke von zehn Ländern (USA, Grossbritannien, Japan, Russland, Indien, China, Südafrika, Brasilien, Mexiko, Chile) und zwei Ländergruppen – einem repräsentativen Euroraum (bestehend aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) und einer Reihe ausgewählter kleiner Industrieländer (Luxemburg, Hongkong, Singapur, Schweiz, Belgien, Irland, Dänemark, Island). Anhand von fünf allgemeinen Kriterien – wirtschaftliche Grösse, Hard Power, Soft Power / diplomatische Macht, Qualität der Regierungsführung und Alleinstellung – werden diese Länder auf einer fünfstufigen Skala bewertet, um ihre relative Stärke als Einflussnehmer oder Pol darzustellen.

Die Analyse zeigt, dass etablierte Machtzentren wie die USA, Grossbritannien und Japan weiterhin dominieren und bei den meisten Indikatoren vergleichsweise höher abschneiden. Im Fall Japans setzt sich jedoch immer stärker der Eindruck durch, dass dem Land der Schwung ausgeht, unter anderem weil weitreichende und schwierige Bemühungen um eine Neuausrichtung der Wirtschaft nach wie vor Probleme bereiten. Das Abschneiden der kleinen Industrieländer ist bemerkenswert, denn sie können durchaus mit grösseren Mächten konkurrieren. An Einfluss gewinnende Schwellenmärkte (Russland, Indien, Brasilien, Chile und Südafrika) werden als bedeutende Pole erkannt, die aber ihr Potenzial noch nicht voll entfalten.

Lehren aus der Vergangenheit – nötige Massnahmen

Das CSRI betrachtet das Thema auch historisch und zieht Parallelen zwischen dem Ende der ersten Globalisierungswelle im Jahr 1913, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und dem Szenario, mit dem die Welt etwas mehr als ein Jahrhundert später erneut konfrontiert ist, weil nun die zweite Globalisierungswelle nachlässt.

Die drei wichtigsten Trends von heute wurden auch damals als Hauptfaktoren für den Zusammenbruch der ersten Globalisierungswelle beobachtet: Nachfrageschwäche und stagnierendes Wirtschaftswachstum, eingeschränktes politisches und operatives Umfeld sowie Zunahme des Protektionismus und der Importsubstitutionen.

Doch statt an dem Weg festzuhalten, der zum Ende der Globalisierung führt, glaubt das CSRI, dass der Übergang von der Globalisierung hin zu einer multipolaren Welt bereits begonnen hat und es deshalb besser ist, sich politisch auf die Schaffung eines multipolaren Systems zu konzentrieren, das dank klarer Regeln und relevanter Institutionen gut funktioniert.

Eine Initiative für einen stabilen multipolaren Rahmen kann verschiedene Formen annehmen. Hier einige Beispiele:

  • Wenn keine neuen globalen Handelsabkommen geschlossen werden, könnten die grossen «Pole» (USA, EU, Japan, Indien und China) eine Koordinationsstelle für den Handel einrichten, die dazu beitragen würde, Handelskonflikte zu minimieren und Länder zu veranlassen, bei handelsorientierten Initiativen wie Chinas Seidenstrassenprojekt zu kooperieren.
  • Neben den drei bis vier grossen «Polen» könnten Bündnisse zwischen mittleren und kleineren Staaten geschlossen werden – beispielsweise ein formelles Netzwerk kleiner Industrieländer mit offener Volkswirtschaft (vgl. CSRI-Publikation «The Success of Small Countries», 2014), mit dem sich die kleineren Länder Gehör verschaffen könnten.
  • Ein internationales Abkommen über Cybersicherheit im Stil der Atomwaffen-Kontrollvereinbarungen der 1980er Jahre.

Im Vergleich zu den USA und China wird es Europa institutionell am schwersten fallen, in wirtschaftlichen, finanziellen und diplomatischen Fragen eine einheitliche Politik und Stimme zu präsentieren. Es wird eine erfahrene Persönlichkeit als EU-Aussenminister brauchen, welche von einer glaubwürdigen EU-Verteidigungsstrategie und Armee gestützt wird. Im Finanzbereich muss Europa dringend den Aufbau eines EU-Finanzministeriums und die Fertigstellung des Rahmens für die Eurozone vorantreiben.

Was die Institutionen betrifft, könnten die internationalen Organisationen des 20. Jahrhunderts verkleinert werden. Zumindest die Weltbank und die Welthandelsorganisation könnten zu dem Ergebnis kommen, dass sie nicht mehr in dieses neue Umfeld passen und möglicherweise zu wesentlich kleineren, regional ausgerichteten Institutionen umgebaut werden. (So könnte etwa die Weltbank ihren Sitz nach Afrika verlegen.) Ebenso könnten die Vereinten Nationen feststellen, dass einige ihrer Aktivitäten, etwa im Gesundheits- und Bildungsbereich, weiterhin geschätzt werden, ihr Sicherheitsrat und ihre friedenssichernden Missionen jedoch immer seltener genutzt werden.

Angesichts der fest verwurzelten Skepsis gegenüber ihrem Nutzen und der Tatsache, dass Demografie, Verschuldung und weitgehend auch Produktivitätsschwächen wohl bestehen bleiben und einen Anstieg der Trendwachstumsrate international verhindern dürften, könnten Versuche zur Wiederbelebung der «Globalisierung, wie wir sie kennen», scheitern. Nach Auffassung des CSRI ist die Akzeptanz der «Strasse zur Multipolarität» eine realistischere Perspektive und sicherlich ein Szenario, das einem «Ende der Globalisierung» vorzuziehen ist.

Über das Credit Suisse Research Institute
Das Credit Suisse Research Institute ist der hauseigene Thinktank der Credit Suisse. Das Institut wurde nach der Finanzkrise 2008 eingerichtet, um langfristige wirtschaftliche Entwicklungen zu untersuchen, die nicht nur im Bereich Finanzdienstleistungen, sondern auch darüber hinaus weltweite Auswirkungen haben bzw. voraussichtlich haben werden. Weitere Informationen finden Sie hier: www.credit-suisse.com/researchinstitute.