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Zentralschweiz: Konkurrenz und Partnerschaft auf engstem Raum

Studie der Credit Suisse über die Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden und Uri

Der Vierwaldstättersee verbindet eine Region mit einer beträchtlichen Heterogenität. Kaum ein anderer Ort in der Schweiz weist grössere Unterschiede zwischen den angrenzenden Standorten auf. Im unmittelbaren Einzugsgebiet der Stadt Luzern liegen die suburbanen und ländlichen Luzerner Regionen sowie die beiden Halbkantone Nidwalden und Obwalden. Der Kanton Uri ist auf dem Landweg in alle Richtungen durch Berge und Pässe von seinen Nachbarkantonen abgetrennt, mit den alpenquerenden Verkehrsachen jedoch direkt an die Zentralschweizer Zentren angebunden. Vielfältige gemeinsame Herausforderungen erfordern die Zusammenarbeit der vier Kantone. Gleichzeitig stehen Luzern, Nid- und Obwalden und Uri jedoch in einem intensiven Standort- und Steuerwettbewerb. Gemäss den Ökonomen der Credit Suisse wirkt sich dies zwar günstig auf die Standortqualität der Kantone aus, der gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit ist dies jedoch nicht nur zuträglich.

Unbestrittenes Zentrum am Vierwaldstättersee ist die Stadt Luzern. Ihre malerische Lage am See, der Alpenblick und die bestens erhaltene Altstadt weisen eine hohe Anziehungskraft auf Touristen im In- und Ausland auf. In wirtschaftlicher Hinsicht positioniert sie sich neben Zug als wichtigstes Dienstleistungszentrum der Zentralschweiz. Neben dem stark ausgebauten – und nicht zuletzt auch touristisch relevanten – Detailhandel weist sie einen Branchenfokus im Versicherungsgewerbe auf. Eine Reihe von unternehmensorientierten Dienstleistungen untermauert ausserdem ihre Funktion als wirtschaftliche Zentrumsregion. Der Ausbau der Hochschulen hat die Rolle Luzerns als Bildungszentrum in den letzten Jahren verstärken können. Mit dem hohen Siedlungswachstum der letzten Jahre hat sich die Stadt längst über ihre Grenzen hinweg entwickelt. Die geplante Eingliederung weiterer Gemeinden in die Stadt Luzern – wie in anderen Schweizer Städten bereits Ende des 19. Jahrhunderts geschehen - soll dieser Entwicklung Rechnung tragen und die politischen Grenzen näher an die wirtschaftlichen Gegebenheiten heranführen.

Luzerner Landregionen: Hohe Dynamik im nahen "Hinterland" – Entlebuch hinkt hinten nach
Die vorwiegend ländlich geprägten Regionen Sursee/Seetal und Willisau haben sich als beliebte Wohnregionen etablieren können und weisen ein starkes Bevölkerungswachstum auf. Der erst im 2009 eröffnete, direkte Autobahnanschluss an den Grossraum Zürich hat die Attraktivität der Luzerner Wohngemeinden weiter erhöht. Am stärksten ist die Dynamik in den Gemeinden mit Seeanstoss und entlang der Verkehrsachsen. Gleichzeitig mit der Bevölkerung ist in den beiden Wirtschaftsregionen auch die Beschäftigungszahl stark gestiegen, wobei sich das Wachstum über sämtliche Branchen verteilt. Einzig das Entlebuch, das den schweizweit höchsten Beschäftigungsanteil in der Landwirtschaft aufweist, bleibt deutlich hinter der Dynamik seiner Nachbarregionen zurück. Neben einer stagnierenden Bevölkerung verzeichnet die Region einen Beschäftigungsrückgang. Ein Hoffnungsschimmer ist die Spitzenindustrie, welche stark gewachsen ist und der Region neue Wachstumsperspektiven eröffnen könnte.

Nidwalden: Höhenflüge als Wohn- und Hightech-Standort
Als Wohnort hat Nidwalden bereits seit längerer Zeit der Stadt Luzern erhebliche Konkurrenz beschert. Mit der Gemeinde Hergiswil verfügt der Kanton über eine attraktive und steuergünstige Gemeinde direkt vor den Stadttoren. Die hohe Nachfrage nach Wohnraum hat jedoch auch die Mietpreise ansteigen lassen und besonders für Mittelstandshaushalte ist die finanzielle Wohnattraktivität heute geringer. Dass Nidwalden weit mehr zu bieten hat als tiefe Steuern, zeigt sich an der chancenreichen Branchenstruktur. Neben dem weiterhin dominierenden Flugzeugbau haben sich in den letzten Jahren auch weitere wertschöpfungsintensive Dienstleistungsbereiche entwickelt. Auch in dieser Hinsicht kann sich Nidwalden als zentrumsnahe gelegene Agglomerationsregion mit einer hohen Standortqualität positionieren.

Obwalden: erfolgreiche Nischenstrategie
Mit den schnellen Bahn- und Strassenverbindungen durch den Lopper ist der Kanton Obwalden nahe an die Stadt Luzern gerückt. Seit den umfangreichen – und in ihrer anfänglichen Ausführung stark umstrittenen – steuerlichen Entlastungen für Unternehmen und Privatpersonen hat sich der Kanton zum eigentlichen Wachstumspol gewandelt. Sowohl die Bevölkerung als auch die Beschäftigung wachsen deutlich schneller als der Schweizer Durchschnitt. Mittlerweile weist Obwalden die höchste Neugründungsrate von Unternehmen auf. Der Kanton hat gezielt in seine Standortqualität investiert und scheint bereits nach wenigen Jahren die ersten Früchte zu ernten. Neben der neuen Dynamik haben sich einige Obwaldner Unternehmen bereits seit längerer Zeit erfolgreich in chancenreichen Nischen festsetzen können, etwa in der Elektrotechnik oder in der Nahrungsmittelbranche.

Uri: Günstigster Wohnort der Schweiz - und bald in der touristischen Top-Liga?
Im Kanton Uri scheint sich alles um das Tourismusprojekt in Andermatt zu drehen. Neben den messbaren ökonomischen Effekten hat das Vorhaben eine Aufbruchstimmung im Gotthardkanton ausgelöst. Die Vorstellung, dass Andermatt dereinst mit den prestigeträchtigsten Schweizer Tourismusdestinationen auf Augenhöhe liegen soll, hat das Selbstverständnis des Kantons verändert. Gleichwohl sollte dabei das "Hier und Jetzt" nicht vergessen werden. So ist Uri weiterhin mit beträchtlichen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert: Die Branchenstruktur bleibt vornehmlich in wenig wertschöpfungsstarken Bereichen verhaftet, die Beschäftigtenzahl ist rückläufig. Ein Lichtblick stellt die Spitzenindustrie dar, welche gewachsen ist, jedoch auf wenige Unternehmen verteilt ist. Deren Wirtschaftsgang ist für den Gotthardkanton entscheidend. Dank umfangreichen steuerlichen Entlastungsmassnahmen und günstigen Immobilienpreisen weist Uri die schweizweit höchste finanzielle Wohnattraktivität auf. In keinem Kanton lebt der Durchschnittshaushalt günstiger. Mit ihren direkten Verkehrsverbindungen können daher vor allem die Gemeinden im Reussdelta als günstige Wohnorte in Pendeldistanz zu den Zentralschweizer Zentren positionieren. Nach Jahren der Stagnation scheint die Bevölkerungsentwicklung denn auch wieder eine steigende Tendenz einzunehmen.

Steuerwettbewerb: Kein Ende in Sicht
In der Zentralschweiz wird der Steuerwettbewerb mit einer wohl weltweit einzigartig hohen Intensität und auf kleinstem Raum geführt. Die aktuellen Massnahmen Luzerns bei der Gewinnsteuer sollen den Kanton nächstes Jahr zum steuergünstigsten Standort in der Schweiz machen. Auch aus internationaler Sicht nimmt Luzern damit eine Spitzenposition ein, was bisher eher den kleineren Schweizer Kantonen vorbehalten war. Die Steuergesetzrevisionen reihen sich ein in eine Abfolge von unterschiedlichen kürzlich erfolgten Massnahmen für natürliche und juristische Personen in den Kantonen Obwalden und Uri. Der Kanton Nidwalden steht in steuerlicher Hinsicht bereits länger äusserst attraktiv da und bekommt in seinem angestammten Gebiet erhebliche und vor allem nahe gelegene Konkurrenz. Angesichts der intakten Staatsfinanzen der Zentralschweizer Kantone werden die tiefen Steuersätze wohl längere Zeit Bestand haben. Vor dem Hintergrund der weltweiten Schuldenkrise sind die steuerlichen Entlastungsschritte der Schweizer Kantone auch global gesehen ein fast schon einzigartiges Phänomen. Die relative Attraktivität der Schweizer Standorte im Vergleich zu den internationalen Konkurrenten hat sich damit weiter erhöht.

Konkurrenz oder Partnerschaft?
Aufgrund ihrer Nachbarschaft und der zahlreichen wirtschaftlichen Verknüpfungen sind die Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden und Uri in zahlreichen Bereichen mit gemeinsamen Herausforderungen konfrontiert. Die Ausstrahlung des Luzerner Kulturangebots, das Projekt Tiefbahnhof, der Arbeitsmarkt im Grossraum der Stadt Luzern oder auch Sozialthemen machen vor politischen Grenzen nicht halt und erfordern kantonsübergreifende Lösungen. Die Verteilung der Kulturlasten zwischen den Kantonen hat beispielsweise schon zu Auseinandersetzungen geführt und der intensive Steuerwettbewerb hat die Kooperationsbereitschaft nicht unbedingt verbessert. Da die Anzahl der kantonsübergreifenden Politikbereiche tendenziell eher zunimmt, ist es für die Zukunft der Region Zentralschweiz entscheidend, dass die Standortattraktivität "im Grossen" nicht den kurzfristigen Interessen "im Kleinen" geopfert werden. In Ihrer Rolle als Wiege der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Partner im wohl wichtigsten Kooperationspakt der Schweizer Geschichte sind die Kantone am Vierwaldstättersee jedoch prädestiniert, auch diese Herausforderungen zu meistern.