Start-ups: Welchen Herausforderungen sich Jungunternehmen stellen

"Wir leben heute in einer komplexeren Welt als Alfred Escher"

Über 43’000 Unternehmensgründungen wurden im Jahr 2018 in der Schweiz regis­triert. Alfred Escher wäre wohl stolz. Doch haben sich die Rahmenbedingungen für Jungunternehmen seit Eschers Zeit geändert. Dazu mehr im Experteninterview und Erfolgs­tipps für Start-ups aus erster Hand vom Unternehmerkongress 2019 der Credit Suisse. 

Erfolgreiche Unternehmensgründung: Alfred Escher machte es vor
Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Schweiz den Status eines Entwicklungslands. Dann kam Alfred Escher. Er war alles: Visionär, Politiker – und Unternehmer. Er gründete, innovierte und legte schliesslich die Bausteine für den Wirtschaftsraum Schweiz. Alfred Eschers Geschichte gilt in der Schweiz als einmalig. Heute, im Jahr seines 200. Jubiläums, fragen wir uns: Wie viel Alfred Escher steckt noch in der Schweiz und ihrem Unternehmertum?

Genau dieser Frage widmete sich der diesjährige Unternehmerkongress der Credit Suisse. Dr. Marjan Kraak, Leiterin Spin-off Group, ETH transfer, diskutierte mit Dr. Sandra Neumann, Gründerin und CEO der Peripal AG, und Maximilian Boosfeld, Gründer und CEO der Wingtra AG, am Kongress die wichtigsten Aspekte in puncto Start-up. Auch Andreas Roth, Leiter der Kooperation mit der Venturelab AG bei der Credit Suisse AG, kennt das heutige Umfeld für Start-ups sehr gut. Im Interview gab er zusammen mit Marjan Kraak Auskunft über die veränderten Bedingungen und Herausforderungen für Jung­unternehmen.

Welche Herausforderungen stellen sich einem Jungunternehmen heute?
Andreas Roth*: Zu den Herausforderungen eines erfolgreichen Jungunternehmens gehört in erster Linie die Fähigkeit, eine echte Innovation zu finden. Ein Unternehmen stellt sich zudem idealerweise aus einem Team aus sich ergänzenden Kompetenzen in beispielsweise Technik, Finance und Sales zusammen. Dieses Team sollte möglichst bald einen durchdachten Businessplan erarbeiten. Darauf aufbauend kann frühzeitig die Finanzierung gesichert werden.

Marjan Kraak*: Oft sehen wir an der ETH Zürich die Herausforderung, dass neu gegründete Jungunternehmen, sogenannte ETH-Spin-offs, sich stark auf die Weiterentwicklung ihrer Technologie oder des eigenen Produkts fokussieren, der Aufbau des Netzwerks jedoch weniger im Vordergrund steht. Das eigene Netzwerk aufzubauen, ist aber extrem wichtig, um zum Beispiel Kunden, Investoren oder Partner für die Zusammenarbeit bei Projekten zu gewinnen.

Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen Kreativität, Tatkraft und die Freude an neuen Ideen. Sie sollten mit Leidenschaft Innovationen schaffen und zum Leben erwecken.

Start-up-Erfolgstipp von Dr. Sandra Neumann, Peripal AG

Wie können Start-ups die Vermarktung ihrer Produkte vorantreiben?
Marjan Kraak: Wichtig ist, dass die Unternehmerinnen und Unternehmer aus ihrer Komfortzone herauskommen. In einer sehr frühen Phase, weit vor der Markteinführung, sollten sie testen, ob ihr Produkt oder Service marktfähig ist. Nur so können sie herausfinden, ob der Markt Bedarf an ihrem Produkt hat und sie als Firma gute Erfolgschancen haben.

Haben sich die Rahmenbedingungen für Start-ups im Gegensatz zu Alfred Eschers Zeit verändert?
Marjan Kraak: Wir leben heute in einer sehr viel komplexeren Welt als Alfred Escher damals. Die Politik ist vielschichtiger, demokratischer und damit auch langsamer in ihren Entscheidungen geworden. Das war damals anders. Wahrscheinlich konnte Escher deshalb mehrere sehr unterschiedliche Projekte erfolgreich umsetzen. Heutzutage spielen die Globalisierung, die Digitalisierung und Regulierungen eine grosse Rolle in der Produktentwicklung. Dennoch können wir seit damals viele positive Fortschritte feststellen. Und diese Entwicklung dürfte dank der vielen neuen Ideen und Unternehmen unermüdlich weitergehen.

Andreas Roth: Eine eigene Innovation zu kreieren, liegt heute im Trend. Innovatoren sind gesellschaftlich angesehen. Wir haben zudem viel mehr Risikokapital zur Ver­fügung, schon allein durch die zahlreichen Förderprogramme und die Unterstützung professio­neller Institutionen und Investoren. Das schafft ein rundum förderliches Umfeld für Jungunternehmen.

Damals wie heute werden neue Erfindungen und Erfolge oft auf eine einzelne Person reduziert. Aber auch damals wie heute steckt hinter dem Erfolg ein ganzes Team. Als Einzelperson kann man einen Beitrag dazu leisten, nur aus Teamwork kann jedoch etwas Komplettes entstehen.

Start-up-Erfolgstipp von Maximilian Boosfeld, Wingtra

Frau Kraak, Sie sprachen die Digitalisierung an. Wie hat sich diese auf den Markt für Jungunternehmen ausgewirkt?
Marjan Kraak: Einerseits haben sich neue Branchen für Innovationen eröffnet. Im Bereich Robotics macht Software beispielsweise die Steuerung von Robotern und Drohnen möglich. In diesem Forschungsbereich ist die Schweiz heute weltweit führend. Dank der Digitalisierung können Jungunternehmen also neue Märkte erobern.

Andreas Roth: Die Digitalisierung ist ebenfalls sehr wichtig für die Marktbearbeitung. Unternehmen können diese dazu nutzen, die Bedürfnisse der Marktteilnehmenden frühzeitig zu ermitteln, die Produkte weltweit und ressourceneffizient zu bewerben und ihre Netzwerke zu erweitern.

Marjan Kraak: Und nicht nur das. Bereits in der Entwicklung spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Immer mehr Unternehmen aus verschiedenen Branchen, zum Beispiel aus der Biotechnologie oder der Chemie, nutzen künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen, um schneller, effizienter und mit viel mehr Daten neue Produkte zu entwickeln oder Dienstleistungen anzubieten.

Zur Gründerzeit von Alfred Escher gab es noch keine Digitalisierung. Trotzdem war er erfolgreich. Was können Start-ups von Alfred Escher lernen?

Marjan Kraak: Ein erfolgreiches Start-up braucht auch heute die Eigenschaften von Alfred Escher wie Kreativität, Leadership und Durchhaltewillen. Zudem sind heute Teamwork und eine gute Vernetzung in einem internationalen Umfeld besonders wichtig.

Herr Roth, vom Rückblick zum Ausblick. Was dürfen Start-ups von der Zukunft erwarten?
Andreas Roth: Weltweit gewinnt die Innovation an Dynamik. Das verfügbare Risikokapital in der Schweiz dürfte sich zudem weiter verbessern, unter anderem auch dank Initiativen wie der Swiss Entrepreneurs Foundation. Die hervorragenden Hochschulen der Schweiz fördern den Unternehmerspirit und die Firmengründung sehr effektiv. Aus meiner Sicht gibt es heute nicht nur einen, sondern «Tausende von jungen Alfred Eschers». Diese Jungunternehmer werden die Schweiz im internationalen Wettbewerb stärken.

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