Protektionismus: KMU spüren Handelshemmnisse kaum

«Wir erwarten keine Rezession. Trotz Warnzeichen.» 

Der Handelskrieg verunsichert Unternehmen. Trotzdem ist an der konjunkturellen Abschwächung nicht der Protektionismus schuld, sagt Oliver Adler. Im Interview gibt der Chefökonom der Credit Suisse Schweiz eine Einschätzung zu einer möglichen Rezession und spricht über die Auswirkungen von Handelshemmnissen auf KMU.

Wie hat sich der Export aus der Schweiz in den letzten zehn Jahren entwickelt? Wo stehen wir heute?


Oliver Adler: Nach der Finanzkrise ist das Exportvolumen stetig gewachsen. Bis zur Eurokrise 2011. Von dieser war die Schweiz aber kaum betroffen. Denn insbesondere Deutschland als wichtigster Schweizer Exportmarkt wies weiterhin eine gute Konjunktur auf. 2015 kam der grosse Schock: Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses. Darunter litten Schweizer Unternehmen rund ein Jahr lang, konnten aber mit Preisnachlässen das Handelsvolumen hoch halten. Von 2017 bis Herbst 2018 folgte eine sehr starke Phase. Ende des letzten Jahres hat eine Abschwächung der Exporte eingesetzt.

Ist das eine Folge des Handelskriegs zwischen den USA und China?

Es ist vor allem ein konjunkturelles Problem. 2018 gab es in den USA starke Impulse dank Steuersenkungen. Das ist nun vorbei. Europa verzeichnet gleichzeitig eine Schwäche in der Industrie, insbesondere in der Autoindustrie. Das ist teilweise auf die schwächere Nachfrage aus China zurückzuführen. Diese Entwicklung spürt auch die Schweizer Industrie. Sichtbar wird das bei Indikatoren wie dem Einkaufsmanagerindex (PMI). Dieser ist aktuell wieder sehr schwach.

pmi schweiz august 2019

Deutlicher Rückgang des PMI Industrie 

Wachstumsschwelle = 50

Quelle: procure.ch, Credit Suisse

Ist eine Rezession zu befürchten?

Wir erwarten keine Rezession. Zwar sind sowohl die global zurückgegangenen Einkaufsmanagerindex (PMI) wie auch die inverse Zinskurve ein Warnzeichen. Doch die Schwäche betrifft vor allem die verarbeitende Industrie. Im Dienstleistungssektor, der grösser ist, läuft es in den meisten Ländern weiterhin besser. Auch die Arbeitsmärkte sind stark. Deshalb sollte der Privatkonsum die Konjunktur über Wasser halten können. Zudem werden die Zentralbanken die Wirtschaft mit weiteren Lockerungsmassnahmen stützen.

Sie sagen, der Handelskrieg ist nicht die Hauptursache für die Konjunkturschwäche. Wieso schlägt er dann so hohe Wellen?

Für China und Länder, die in die Zulieferketten eingebunden sind, ist er wirtschaftlich schon sehr wichtig. Die hauptsächliche Wirkung läuft über die Psychologie. Der Handelskrieg verunsichert. Unternehmen investieren derzeit deshalb sehr zurückhaltend.

Der Handelskrieg ist ein Ringen zwischen der aufstrebenden Weltmacht China und der bisherigen Weltmacht USA.

Oliver Adler, Chefökonom Credit Suisse Schweiz

Der Protektionismus hat seit 2009 global zugenommen. Das zeigt die aktuelle KMU-Studie der Credit Suisse. Was sind die Gründe?

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie nach der Finanzkrise steigt grundsätzlich der Ruf nach einem Schutz der heimischen Wirtschaft, vor allem für strukturell schwache Bereiche. Und dies sind im Fall der USA natürlich solche, welche durch die Konkurrenz aus China stark unter Druck gerieten. Dazu zählt die Stahlindustrie. Dieser Trend hat schon unter Obama begonnen, nur wurden damals nicht so viele Zölle erhoben. Der derzeitige Konflikt zwischen den USA und China hat aber nicht nur mit Handel zu tun. Es ist ein Ringen zwischen der aufstrebenden Weltmacht China und der bisherigen Weltmacht USA. Übrigens kennt auch die Schweiz Protektionismus. Vor allem die Landwirtschaft wird sehr stark vor ausländischer Konkurrenz geschützt.

globaler protektionismus seit 2009

Verdeckter Protektionismus über Subventionen 

Anzahl handelsliberalisierender und handelsverzerrender staatlicher Interventionen weltweit, nach Typologie der Intervention, 2009 bis Mai 2019

Quelle: Global Trade Alert (Stand: Mai 2019), Credit Suisse 

Trotz dieser Zunahme des Protektionismus geben in der KMU-Studie nur 29 Prozent der befragten Unternehmen an, dass Handelsschranken derzeit eine grosse Herausforderung sind. Und nur 23 Prozent sagen, dass sich die Situation im 5-Jahres-Vergleich verschlechtert hat. Wie kommt es zu dieser positiven Einschätzung?

Einerseits betrifft der Handelsstreit primär China und die USA sowie die Schwerindustrie. Davon hat die Schweiz wenig, vor allem nicht im KMU-Bereich. Andererseits sind Export-KMU in ihren Märkten meistens gut etabliert und integriert. Daher spüren sie den neuen Protektionismus kaum. Gerade im Hauptmarkt Europa ist der Marktzugang nach wie vor sehr gut. Den zunehmenden Protektionismus würden Unternehmen eher wahrnehmen, wenn sie einen neuen Markt erschliessen. Das sieht man am Beispiel China, wo Unternehmen mehr Handelshürden sehen. Die KMU-Studie zeigt auch, dass regulatorische Richtlinien, zum Beispiel Ursprungsnachweise oder der Konsumentenschutz, auf KMU stärker hemmend wirken als Zölle. Doch diese haben in ihren Hauptmärkten nicht sprunghaft zugenommen.

Kmu umfrage wahrnehmung von protektionismus

Handelsschranken sind für 29 Prozent der KMU eine (sehr) grosse Herausforderung

Einschätzung der Handelsschranken und Zollhürden als Herausforderung auf einer Skala von 1 bis 10, Anteil befragter KMU

Quelle: Credit Suisse KMU-Umfrage 2019

Als Hemmnis wird der starke Schweizer Franken und das hohe Preisniveau wahrgenommen. Was raten Sie diesbezüglich?

Währungsrisiken können abgesichert werden. Das machen viele Unternehmen bereits. Eine andere Massnahme ist das sogenannte «natürliche» Hedging. Export-Unternehmen können das Währungsrisiko reduzieren, wenn sie Produktionsteile im Ausland einkaufen. Die dritte und extremste Massnahme ist die Auslagerung der Produktion ins Ausland. Sehr wirksam ist aber auch, wenn Unternehmen Qualitätsgüter herstellen, die wenig preissensitiv sind. Ein Paradebeispiel dafür ist die Pharmaindustrie.

Ein potenzielles Risiko ist Trumps Drohung, gegenüber der deutschen Autoindustrie Zölle zu erheben.

Oliver Adler, Chefökonom Credit Suisse Schweiz

Wie dürfte sich der Protektionismus und damit die Exportsituation für Schweizer KMU künftig entwickeln?

Es gibt die These, dass wir am Ende der Globalisierung sind. Ich glaube, das ist übertrieben. Die Konsumenten verlangen weiterhin nach günstigen Importgütern aus dem Ausland. Und Unternehmen werden ihre Produktion weiterhin an günstigen Standorten platzieren. Sie werden Handelsschranken umgehen. Interessant ist beispielsweise, dass viele chinesische Unternehmen als Reaktion auf die US-Zölle ihre Produktion ins Ausland verlagern, beispielsweise nach Vietnam. Die US-Importe stammen nun also einfach aus anderen Ländern. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass wir keinen Zusammenbruch des Welthandels sehen werden. Ein potenzielles Risiko ist dagegen Trumps Drohung, gegenüber der deutschen Autoindustrie Zölle zu erheben. Das würde auch Schweizer Zulieferfirmen belasten.

Wie gut sind ansonsten die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und den USA?

Die USA ist ein wichtiger Markt für die Schweizer Wirtschaft, auch für die KMU. Die KMU-Studie zeigt aber, dass sie den US-Markt als schwieriger wahrnehmen als den europäischen. Das liegt weniger an Zöllen, als zum Beispiel an der Anerkennung von Standards. Ein Freihandelsabkommen mit den USA würde diesbezüglich etwas helfen. Seit dem Besuch von Bundespräsident Maurer in Washington gibt es scheinbar gewisse Fortschritte bei den Verhandlungen. Der Knackpunkt bleibt aber die Landwirtschaft.

Für Unternehmen wäre es ein Problem, wenn das Rahmenabkommen nicht zustande käme.

Oliver Adler, Chefökonom Credit Suisse Schweiz

Überdurchschnittlich viele Handelshürden gibt es in China. Inwiefern könnte die «One Belt, One Road»-Initiative den Export nach China vereinfachen?

Hauptaspekt dieser Initiative ist die Verbesserung der Logistik, unter anderem mit effizienteren Eisenbahnverbindungen. Das würde die Transportkosten senken. Diese sind aber für hochwertige Schweizer Exportgüter wie Uhren oder Medikamente nicht massgebend. Zentrale Fragen – insbesondere für Schweizer KMU – betreffen die Probleme mit Behörden, die Mehrheitsverhältnisse bei Investitionen sowie die Frage des Schutzes von geistigem Eigentum. Hier muss China Reformen im eigenen Land durchführen. Graduell tun sie das, weil auch lokale Unternehmer danach verlangen. «One Belt, One Road» erhöht ebenfalls den Reformdruck. Denn es sind ja auch andere Länder an der Finanzierung beteiligt.

Dagegen sind unsere Handelsbeziehungen mit Europa sehr gut. Wie wichtig ist diesbezüglich das Rahmenabkommen mit der EU?

Für Unternehmen wäre es ein Problem, wenn das Rahmenabkommen nicht zustande käme, vor allem wenn als Folge die bilateralen Verträge gekündigt würden. Die nicht-tarifären Handelshemmnisse würden dann stark zunehmen. Beispielsweise müssten Zulassungen wieder in jedem Land einzeln beantragt werden. Der Export würde viel umständlicher. Aus Sicht der KMU wird mit dem Rahmenabkommen der Status quo beibehalten. Bereits jetzt müssen ihre Produkte den EU-Richtlinien entsprechen, wenn sie exportieren wollen. Das Rahmenabkommen besagt einfach, dass die Schweiz diese automatisch anpasst, wenn sie im EU-Binnenmarkt geändert werden.

Kmu umfrage zu rahmenabkommen schweiz eu

Knappe Mehrheit der KMU unterstützt institutionelles Abkommen mit der EU

Anteil Antworten auf die Frage «Unterstützen Sie den aktuellen Entwurf zum Rahmenvertrag zwischen der Schweiz und der EU?»

Quelle: Credit Suisse KMU-Umfrage 2019

Angesichts des schwächeren Konjunkturzyklus: Wie sehen die Perspektiven für Schweizer KMU aus?

Unter einer Stagnation oder Rezession würden sie natürlich leiden. KMU reagieren sensitiv auf den globalen Konjunkturzyklus. Gleichzeitig ist die KMU-Landschaft aber sehr divers. So sind auch die Zukunftsaussichten je nach Sektor extrem unterschiedlich. Grundsätzlich werden wir uns auf eine langsamer wachsende Welt einstellen müssen. Der Mini-Boom von 2017 und 2018 liegt hinter uns. Aber Chancen wird es für gut aufgestellte KMU auch in Zukunft viele geben.

Erfahren Sie mehr über Handelshemmnisse und Protektionismus.

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