Unternehmer in der Schweiz: Mit Mut aus der Komfortzone

Der neue schweizweite «Tag der Unternehmer» rückt die Denker und Lenker hinter den Firmen in den Fokus. Andreas Gerber, Leiter des KMU-Geschäfts bei der Credit Suisse, wertet die Initiative insbesondere als «Dankeschön» an die Adresse der Unternehmer für ihre Verdienste rund um den Wohlstand im Land.

Die Schlagzeilen in den Wirtschaftsnachrichten, sie werden von den grossen Firmennamen beherrscht. Darüber hinaus geht gerne vergessen, dass es genauso die kleinen und mittleren Unternehmen sind, die den ökonomischen Motor Schweiz am Laufen halten. Der «Tag der Unternehmer» trägt diesem Umstand Rechnung und will die Bedeutung der KMU einer breiten Bevölkerung ins Bewusstsein rufen.

Die Ziele sind klar: «Wir bieten den Unternehmern eine Plattform, sich auszutauschen und zu vernetzen, zudem soll ihnen einfach einmal gedankt werden für die erbrachten Leistungen», sagt Andreas Gerber, Leiter des KMU-Geschäfts bei der Credit Suisse, die die Initiative aus der Taufe gehoben hat. Der «Tag der Unternehmer» soll fortan jeweils am 20. Februar in allen Landesteilen zelebriert werden. Die Schweiz habe den KMU schliesslich einen Grossteil ihres Wohlstands und ihrer Wohlfahrt zu verdanken. «Und darauf», betont Gerber, «kann man nicht oft genug hinweisen. Dafür braucht es einen Brückenschlag zwischen Unternehmern und Bevölkerung.»

Kleines Land, oberste Liga

Der 20. Februar als Datum ist nicht zufällig gewählt. Auf den Tag genau 200 Jahre zuvor hat am Zürcher Hirschengraben ein gewisser Johann Heinrich Alfred Escher vom Glas (1819–1882) das Licht der Welt erblickt. Escher sollte wie kein Zweiter die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert prägen. Ihm und seiner Schaffenskraft zu verdanken sind Unternehmen wie die Gotthardbahn-Gesellschaft (heute SBB), die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (heute Swiss Life) oder die Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse). Aber auch Bildungseinrichtungen wie das Eidgenössische Polytechnikum (heute ETH Zürich) gehen auf die Initiative Eschers zurück. Für Gerber sind seine Verdienste nicht genug zu würdigen. «Vor Eschers Zeit war die Schweiz ein typisches Auswandererland, wir wurden von unseren Nachbarn als Bauern und Knechte wahrgenommen. Es war Escher, der unser Land zum Inbegriff von Industrie, Bildung und Prosperität gemacht hat.»

Im Sog des Unternehmers und seiner Projekte wurde zudem der Teppich für die vielen kleinen und mittleren Betriebe gelegt. Gut 140 Jahre nach Alfred Eschers Tod sind die Zahlen zum Schweizer KMU-Markt äusserst beeindruckend: Auf einen Betrieb ab 250 Mitarbeitende oder einen Konzern ab 1000 Mitarbeitende kommen nicht weniger als 99 kleine oder mittlere Betriebe. Vom Schreiner über das Treuhandbüro bis hin zum Start-up aus dem Hightech-Bereich – in einer aktuellen Erhebung machen die Ökonomen der Credit Suisse schweizweit fast 600'000 KMU aus. Die Mehrheit von ihnen befindet sich nach wie vor in Familienbesitz oder wird vom Inhaber geführt. «Wir sind zwar ein kleines Land», bemerkt Gerber dazu, «gleichzeitig spielen wir in der obersten Liga, wenn es um Qualität, Service, Innovation und die Wettbewerbsfähigkeit geht.»

Oft eingeengter Spielraum

Experte Andreas Gerber beobachtet, begleitet und berät die KMU-Szene seit gut 30 Jahren. Ob nun als Leiter des KMU-Geschäftes bei der Credit Suisse oder in seiner präsidialen Funktion beim Swiss Venture Club (SVC): Der 50-Jährige weiss ganz genau, wo der Branche der Schuh drückt – und er scheut sich nicht vor deutlichen Worten, wenn es um die Einschätzung der Situation geht, in der sich viele kleine und mittlere Firmen derzeit befinden. «Was die Wettbewerbsfähigkeit anbelangt, so bringen wir es doch tatsächlich fertig, den einst äusserst unternehmerfreundlichen Spielraum in der Schweiz mehr und mehr einzuengen. Das ist eine Katastrophe.»

Mit seinem Verdikt spielt Gerber auf die hohe Regulierungsdichte an, gleichfalls auf bürokratische Hürden, die es den Familien- oder Traditionsbetrieben teilweise und nahezu verunmöglichen, gegen die Konkurrenz im In- und Ausland zu bestehen. «Vieles wird bei Gesetzen und Verordnungen über ein und dieselbe Kante gebrochen, egal, ob da ein international tätiger Vermögensverwalter steht oder der lokal verankerte Schreinermeister.» Im Compliance-Bereich oder bei Steuerthemen sei bestimmt nichts gegen klare Regulative einzuwenden. «Aber da die Schweiz eben auch ein teures Land ist, brauchen wir unbedingt Rahmenbedingungen, die Flexibilität zulassen, Sicherheit garantieren, Berechenbarkeit und Einfachheit ermöglichen.» Viele Kleinunternehmer würden sich zusehends überfordert fühlen mit der stetig wachsenden Zahl gesetzlicher Vorgaben. «Sie haben nicht das Gefühl, dass Politik und Behörden ihnen auf Augenhöhe begegnen», schüttelt Gerber den Kopf und führt ein Beispiel an: «Man kann von den Firmen nicht verlangen, sie sollen ihre Fabrikationskapazitäten im Inland ausbauen und ihnen dann in Form von langwierigen und komplizierten Baubewilligungsverfahren einen Rückstand mit auf die Rennstrecke geben. Das funktioniert nicht.»

Transfers in die Zukunft

Der «Tag der Unternehmer» soll zudem zum Reflektieren über die Konkurrenzfähigkeit anregen. Die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Regulierungsdichte oder aber auch mit den innerbetrieblichen Nachfolgeregelungen sind Stichworte dazu. Daneben kommt dem Austausch und der Pflege des Netzwerks grösste Bedeutung zu. «Wir wollen den Dialog fördern – und das in positiver Hinsicht, also bewusst lösungsorientiert», erklärt Gerber, der sich äusserst beeindruckt zeigt von der Vielzahl erfolgreicher KMU im Lande. «Nach wie vor ist in der Schweiz sehr viel möglich, das zeigen all die innovativen Unternehmen nicht nur aus der Start-up-Szene, sondern gerade aus den traditionellen Geschäftsbereichen.» Stichworte wie Digitalisierung und Demografie geben die Richtung vor.

Ein Indiz hierfür sieht der Banker nicht zuletzt in den Geschehnissen der vergangenen Jahre. Namentlich die Euro-Krise habe gezeigt, dass Schweizer KMU agil, widerstandsfähig und letztlich in der Lage seien, sich rasch und nachhaltig auf eine neue Situation einzustellen. «Familien- oder inhabergeführte Unternehmen weisen häufig Strukturen auf, die es ihnen erlauben, effektiv und effizient auf die Entwicklungen im In- und Ausland zu reagieren. Das ist sicherlich einer der grossen Vorteile von KMU.»

Mit Blick auf die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz warnt Gerber gleichzeitig davor, sich selbstgefällig zurückzulehnen. 150 Jahre ohne allzu grosse Krisen hätten hier und dort die Überzeugung zementiert, wonach es «scho guet» komme. Wer so denke, wiege sich in falscher Sicherheit, denn die Welt drehe sich schneller, als vielen in unserem Land bewusst sei. «Wir dürfen nicht bequem werden», mahnt Gerber. Wer erfolgreich und innovativ bleiben wolle oder den Erfolg suche, der müsse raus aus der Komfortzone, besser heute als morgen. Das motiviert, selbstbewusst und mit dem unternehmerischen Charakterzug par excellence: «Mit Mut, viel Mut!»

Inhalt realisiert durch NZZ Content Solutions in Kooperation mit Credit Suisse (Schweiz) AG.