Herausforderung Demografie für Pensionskassen: Aktienanlagen bleiben wichtig

Pensionskassen: zwischen Risiko und Rendite

Die Risikofähigkeit der Pensionskassen wird in den kommenden zwei Jahrzehnten durch die demografischen Veränderungen auf die Probe gestellt. Die Ökonomen der Credit Suisse untersuchten die beeinflussenden Faktoren und kommen zu dem Schluss: Statt renditestarke Aktienanlagen zu minimieren, kann zum heutigen Zeitpunkt eher eine Erhöhung des Risikos angezeigt sein. Dabei ist eine individuelle Analyse der Anlagestrategie in Abhängigkeit der Verpflichtungen zentral.

Herausforderungen: hohe Lebenserwartung und niedrige Zinsen

Zwei Umstände haben sich seit der Einführung der beruflichen Vorsorge grundlegend geändert: 

1. Die Lebenserwartung ist markant gestiegen.
2. Die Zinsen sind rapide gesunken und werden voraussichtlich niedrig bleiben.

Deshalb muss das angesparte Pensionsguthaben für eine längere Zeit reichen. Die tiefen Zinsen reduzieren auf längere Frist unter anderem die Renditen der Geldmarktanlagen und Obligationen.

Sinkende Renditen oder ein schwächelnder «dritter Beitragszahler»

Das Schweizer Pensionskassensystem sieht vor, dass jeder Versicherte für sich selbst spart – auch Kapitaldeckungsverfahren genannt. Dieses System gerät derzeit zunehmend unter Druck.

Das Pensionskassenkapital stammt aus drei Quellen: Der erste und der zweite Beitragszahler sind Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Ihre Beiträge bilden zusammen das Altersguthaben. Dieses investiert die Pensionskasse in die Kapitalmärkte, etwa in Aktien oder Obligationen. Die dabei erzielte Rendite wird auch der «dritte Beitragszahler» genannt. 

Dieser «dritte Beitragszahler» hat zu Beginn des neuen Jahrtausends an Verlässlichkeit eingebüsst. Während der Renditeanteil am Vorsorgevermögen zwischen 1987 und 2000 bei durchschnittlich 46 % lag, waren es zwischen 2000 und 2017 nur noch 26 %. Vor allem die schwache Aktienperformance zwischen 2000 und 2008 hat den Renditebeitrag reduziert. Hingegen rentierten CHF-Nominalwertanlagen dank den sinkenden Zinsen positiv.

Gemäss der aktuellen Studie der Credit Suisse «Zweite Säule: wachsendes Gefälle zwischen den Generationen»  steht bei den Renditen der risikoärmeren Geldmarktanlagen und Obligationen den Pensionskassen noch eine Herausforderung bevor. Stabilisieren sich oder steigen die Zinsen, wird sich dies negativ auf die Renditen der Nominalwertanlagen auswirken.

Einflussfaktoren auf die Anlagestrategien der Pensionskassen

Bei der Festlegung der Anlagestrategien ist der Anlagehorizont zentral. Die Verteilung des Vorsorgekapitals zwischen aktiven Versicherten und Rentnern sowie die Liquidität einer Pensionskasse haben einen massgeblichen Einfluss darauf. Beide dieser Risiko­faktoren werden sich über den gesamten Pensionskassenmarkt gesehen inskünftig verschlechtern.

Babyboomer-Generation als Herausforderung

Neben der steigenden Lebenserwartung gibt es einen weiteren demografischen Faktor, der den Pensionskassen zu schaffen macht: Die geburtenstarken Jahrgänge von 1950 bis ca. Anfang 1970. Die in dieser Zeit geborene Generation erreicht nun nach und nach das Rentenalter und beeinflusst damit die Altersstruktur und Liquidität der Pen­sionskassen. Das Anlageprofil dürfte sich verändern.

Umverteilung von Erwerbstätigen zu Rentnern

Obwohl das reine Kapitaldeckungsverfahren vorsieht, dass keine Umverteilung statt­finden soll, ist diese bereits heute aufgrund von zu hohen Umwandlungssätzen Fakt. Ohne tief greifende Reformen wird sich die Umverteilung durch die anstehende Pensionierungswelle der Babyboomer weiter verstärken. Für Arbeitnehmer mit einem Einkommen über CHF 127’980 bietet sich mit den BVG-1e-Plänen die Möglichkeit, die Umverteilung zu umgehen und die Anlagestrategie selbst zu beeinflussen.

Die Folge: bald mehr Kapital bei den Rentnern als bei den aktiven Versicherten

Die demografischen Veränderungen führen bei den Pensionskassen zu einer Verschie­bung des Vorsorgekapitals, die einige Herausforderungen bereithält. Denn während im Jahr 2015 der Anteil der aktiven Versicherten am Vorsorgekapital noch 55 % aus­machte und 45 % den Rentnern gehörte, wird sich die Aufteilung bis 2045 deutlich verändern. Der Anteil der Rentner wird dann 57 % betragen, im Jahr 2065 sogar rund 60 %. 

Cashflow dreht ins Negative

Das Überhandnehmen von Rentenbezügern gegenüber arbeitstätigen Versicherten in der Zusammensetzung der Pensionskassen wird auch deren Liquiditätssituation beeinflussen. Die folgende Infografik stellt eine Cashflow-Projektion (in Mio. CHF) im Schweizer Pensionskassenmarkt basierend auf der erwarteten demografischen Entwicklung bis 2065 dar.

Entwicklung des Netto-Cashflows aller Pensionskassen bis 2045

Der Netto-Cashflow aller Pensionskassen nimmt bis 2045 um rund CHF 20 Mia. ab.

Die Infografik zeigt auf, dass derzeit noch mehr Gelder von den erwerbstätigen Versicherten in die Kasse fliessen, als sie in Form von Altersleistungen wieder abfliessen. Die Projektion macht aber auch deutlich, dass sich dieses Verhältnis in absehbarer Zeit umkehren wird. Gemäss Berechnungen der Credit Suisse Ökonomen wird der Netto-Cashflow ohne Refor­men ab zirka 2043 negativ.

Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse

Veränderte Risikofähigkeit der Pensionskassen

Die anstehende Pensionierungswelle verändert die Risikofähigkeit bei den Anlagestrategien somit in dreierlei Hinsicht:

1.    Kürzerer Anlagehorizont
Weil das Vorsorgekapital der Rentner einen kürzeren Anlagehorizont hat als jenes der aktiven Versicherten, werden dafür risikoärmere Anlageformen gewählt.

2.    Sinkende Liquidität
Übersteigen die Geldabflüsse der Leistungen die Geldzuflüsse der Beiträge, führt dies zu Verkäufen von Vermögenswerten. Auch diese Auswirkungen beeinflussen die Anlagestrategie. Dies kann dazu führen, dass Aktien zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkauft werden müssen.

3.    Sanierungsfähigkeit nimmt ab
Im Falle einer Unterdeckung kommen für eine Sanierung zwei Massnahmen zum Einsatz: einerseits eine Minderverzinsung des Vorsorgekapitals der aktiven Versicherten und andererseits zusätzliche Beitragszahlungen – ebenfalls von den aktiven Versicherten. Weil diese Gruppe im Vergleich zu den Rentnern künftig kleiner sein wird, wird der Wirkungsgrad solcher Sanierungsmass­nahmen laufend abnehmen.

Trotz allem: risikoreichere Aktienanlagen auch in Zukunft 

Schaut man sich die Verteilung des Deckungskapitals als alleinigen Risikofaktor an, sollte mittels Faustregel das Pensionskassenvermögen der 65- bis 74-Jährigen zu etwa 50 % in Nominalwertanlagen angelegt werden. Jenes der über 75-Jährigen zu 100 %. Die Idee dahinter ist, dass aus Sicht der Pensionskasse das Kapital der älteren Desti¬natäre mit weniger Risiko angelegt wird.

Für das Jahr 2015 hiesse dies, dass 33 % des Deckungskapitals (die Gelder der aktiven und der pensionierten Versicherten) in sichere Nominalwerte angelegt werden müssen. Für das Jahr 2045 steigt diese Zahl auf 46 %. 

Gleichzeitig lässt sich daraus ableiten, dass im Jahr 2045 noch immer 54 % in risikoreichere Anlageklassen investiert werden könnten, ohne die Nominalwert-Faustregel zu verletzen. Derzeit liegt die Aktien- und Immobilienquote der Pensionskassen bei 55 %. Daran festzuhalten oder die Aktienquote sogar zu erhöhen, liegt im Ermessen der Pensionskassen und hängt auch von einer umfassenden Prüfung der jeweiligen Risikofähigkeit ab. In Hinblick auf das anhaltende Tiefzinsumfeld und die demografischen Herausforderungen wird eine solche Analyse je länger, desto wichtiger, damit das Renditepotenzial an den Kapitalmärkten ausgenutzt werden kann.

Renditedifferenz Schweizer Aktien gegenüber Geldmarkt und Obligationen

Renditedifferenz Schweizer Aktien gegenüber Geldmarkt (links) bzw. Obligationen, annualisiert in %

Die überwiegend grüne Farbe gegenüber der roten zeigt, dass die Zeitabschnitte, in denen der Geld- oder Obligationenmarkt den Aktienmarkt übertraf (rot), nur selten waren. Nicht überraschend liegen diese Perioden in den Weltwirtschaftskrisen der 1920er und 1930er Jahre sowie in den Jahren des Zweiten Weltkriegs ebenso wie rund um die Finanzkrise ab 2007. Auf das Renditepotenzial der Aktien in Zukunft zu verzichten, scheint aufgrund der starken historischen Evidenz kein gangbarer Weg. Unter Berücksichtigung der Verpflich­tungen kommen Aktienanlagen für Pensionskassen somit auch zukünftig eine zentrale Rolle zu.

Quelle: Credit Suisse Research Institute, Global Investment Returns Yearbook 2019