Marc und Kevin Willy Geschäftsführer Nile Clothing AG CS Unternehmer Erfolgsgeschichte

Nile Clothing AG: Konsequent effizient unterwegs

Bereits mit 26 und 28 Jahren übernahmen Marc und Kevin Willy das Schweizer Modelabel Nile. Davor hatte Kevin einen Firmensitz in Shanghai aufgebaut und Marc die Expansion nach Deutschland vorangetrieben. Vor allem aber in der Digitalisierung sind sie den meisten Unternehmen einen Schritt voraus.

Sie sind heute Co-CEOs von Nile Clothing AG und halten die Aktien mehrheit, nachdem Sie vor acht Jahren noch als Studenten in das Unternehmen eingetreten sind. Wie haben Sie das geschafft?

Marc Willy (MW): Durch die entfernte Verwandtschaft zum Firmengründer Markus Gygax bestand von Anfang an ein Grundvertrauen und so stieg ich als sein persönlicher Assistent ein. Ein halbes Jahr später folgte Kevin ins Unternehmen, ebenfalls als Assistent, und ich wurde Stellvertreter von Markus Gygax.
Kevin Willy (KW): Wir lernten auf diese Weise die Firma sehr schnell kennen. Markus liess uns viel Gestaltungsfreiraum und Raum für Eigeninitiative. Dass wir Nile übernehmen könnten, stand anfangs aber überhaupt noch nicht zur Diskussion.

Sie erhielten bald die Möglichkeit, sich mit grösseren Projekten zu beweisen. Worum handelte es sich?

MW: Als ich in die Firma einstieg, bestand meine erste Aufgabe darin, die Logistik zu verbessern. Bis dahin wurden noch die gesamten Abläufe auf Papier abgewickelt. Ich stellte einen Informatiker ein, der für uns ein Logistikprogramm schrieb. Als dann Kevin eintrat, erkannten wir noch mehr Potenzial für Effizienzsteigerungen.
KW: Wir beschlossen, die Digitalisierung ganz konsequent anzugehen. Vom Entstehen der Designidee bis zum Verkauf über den Ladentisch oder Webshop sollten alle Stufen und Abläufe miteinander verbunden werden.

Es gibt ja sehr viele Modelabels oder Unternehmen in anderen Branchen, die ähnliche Ansprüche haben müssten. Da gab es bestimmt schon eine passende Software auf dem Markt?

MW: Erstaunlicherweise nicht. Wir fanden Software für Kassensysteme, für die Produktion oder die Logistik, aber nie etwas Komplettes, das all unsere Bedürfnisse befriedigen konnte.
KW: Zusammen mit Christoph Widmer bauten wir ein IT -Team auf, später entstand daraus eine eigene Tochtergesellschaft mit Christoph als Geschäftsführer und Minderheitsteilhaber, die Fadendaten GmbH. Drei Programmierer der Fadendaten GmbH entwickelten zusammen mit sechs weiteren externen Programmierern und uns die Architektur des Systems. Seit 2012 haben wir eine Lösung, die unsere Abläufe enorm viel effizienter gestaltet. Wir kennen kein anderes System, das in einer derartigen Komplexität alle Geschäftsbereiche zu verbinden vermag.
MW: Wenn wir bestimmte Werte benötigen, haben wir die auf Knopfdruck, und sie entsprechen dem tatsächlichen Stand. Wir wollen nicht tagelang Listen durchgehen und dann mit veralteten Zahlen operieren.

Diese Software müsste bei anderen Unternehmen sehr begehrt sein und Sie haben dafür eine separate Firma gegründet: Haben Sie vor, von der Mode auf die IT umzusatteln?

KW: Keineswegs. Aus unserer Sicht hat Nile Clothing AG noch ein riesiges Wachstumspotenzial, Nile Clothing AG dasselbe gilt zwar auch für die Software. Christoph Widmer und unser neuer CFOO Richard Meier werden sich zukünftig diesem Thema annehmen. Uns macht Kleider zu verkaufen einfach viel mehr Spass, unser Fokus liegt deshalb auf der Marke Nile.

Was geschieht, wenn Sie konkrete Angebote für das IT-System bekommen?

MW: Das System ist so programmiert, dass es vervielfältigt und für andere Branchen adaptiert werden könnte, das ist so vorgesehen. Wir könnten uns gut vorstellen, die Software auf den Markt zu bringen.

Die Logistik und die dafür entwickelte IT-Lösung sind nicht das einzige Gebiet, wo Sie seit dem Einstieg ins Unternehmen Veränderungen zugunsten einer höheren Effizienz vorangetrieben haben. Vor vier Jahren entschieden Sie sich gemeinsam mit Firmengründer Markus Gygax für ein Büro in Schanghai. Was waren die konkreten Gründe dafür?

KW: Qualitätsprobleme waren von der Schweiz aus schwierig in den Griff zu bekommen und sie sind immer besonders ärgerlich: Minderwertige Kleidungsstücke muss man entweder aus dem Sortiment nehmen oder sehr viel günstiger verkaufen. Zudem generieren sie administrative Zusatzrunden, was sehr ineffizient ist.
MW: Neben der Qualitätsverbesserung und -kontrolle hatten wir zwei weitere Ziele: Wir wollten in einer besseren Ausgangslage sein für Preisverhandlungen und Reklamationen gegenüber den Lieferanten. Und schliesslich ging es um die Überwachung unserer Massnahmen im Hinblick auf soziale Verantwortung, also faire Produktionsstandards, Schutz der Fabrikarbeiter oder die Einhaltung ökologischer Richtlinien.

Kevin Willy, mit 24 Jahren sollten Sie das Büro in Schanghai aufbauen. Fühlten Sie sich dieser Herausforderung gewachsen?

KW: Ich machte mir diese Gedanken so nicht, sondern begann einfach, eine Aufgabe nach der anderen zu lösen. Hürden gab es einige: Nur schon eine Firma zu gründen, war eine Herausforderung, die mich drei Monate und unzählige Gänge auf die Ämter kostete.

Wo holten Sie sich Unterstützung und die nötigen Informationen? Hatten Sie vorher schon ein Netzwerk in China aufgebaut?

KW: Die Credit Suisse war uns hier eine grosse Hilfe, indem sie uns zu ihrem Netzwerk Zugang verschaffte. Jeder Kontakt brachte uns wieder einen Schritt weiter. Bedeutend waren die Gespräche mit Urs Buchmann, dem renommierten Chinakenner der Credit Suisse, der seit fast 30 Jahren im Land lebt und arbeitet. Er gab uns wertvolle Tipps für die Gründungsformalitäten, mit ihm sprachen wir aber auch ausgiebig über die kulturellen Unterschiede. Ein weiterer sehr nützlicher Kontakt war Switzerland Global Enterprise, damals noch die OSEC. Diese Verbindung war ebenfalls über die Bank entstanden.

Dann diente Ihnen die Credit Suisse hauptsächlich als Netzwerk- Vermittler, oder nahmen Sie auch andere Bankdienstleistungen in Anspruch?

KW: Neben den üblichen Dienstleistungen wie Akkreditive, die wir vorher schon benötigt hatten, waren wir die ersten Credit Suisse Kunden mit einem Renminbi-Konto: Das heisst, uns stand in Schanghai Geld in der lokalen Währung zur Verfügung, was den Geschäftsalltag sehr vereinfachte. Noch kurz davor war die chinesische Währung nicht handelbar gewesen. Auf diese Weise wurde es möglich, die Löhne unserer chinesischen Angestellten und die Handwerker in lokaler Währung zu bezahlen.

Die chinesische Mentalität unterscheidet sich sehr von unserer. In welchen Bereichen merkten Sie das am meisten?

KW: In der Kommunikation. Wenn ich einem Angestellten anfangs einen Auftrag gab, fragte ich: «Hast du es verstanden?», und die Antwort lautete immer «Ja», auch wenn sie gar nichts verstanden hatten. Ich lernte dann, anders zu fragen, nämlich: «Was wirst du als Erstes tun?» Wenn dann die richtige Antwort kam, konnte ich davon ausgehen, dass auch der Rest verstanden worden war. Einige Situationen sind im Nachhinein lustig: Ein Handwerker installierte bei uns eine Dusche, und als er fertig war, kam nur kaltes Wasser aus der Leitung. Auf meine Nachfrage hin, was mit dem warmen Wasser sei, machte er mich darauf aufmerksam, dass ich davon nie gesprochen hätte.

Akkurate Kommunikation spart auch Zeit und Geld. Ein anderes Thema bezüglich Effizienz ist der Frankenschock im Februar 2015. Wie reagierte Nile darauf?

MW: Wir hatten in der Tendenz bereits mit einer solchen Entwick – lung gerechnet, auch wenn nicht so früh und in diesem Ausmass. Durch Währungsabsicherungen sind wir aber relativ gut durch diese Phase gekommen.

Welche weiteren Massnahmen verfolgten Sie nebst der erwähnten Digitalisierung und dem Sitz in Shanghai?

KW: Die einfachste Möglichkeit, sinkenden Margen entgegenzuwirken, ist immer das Wachstum. Also nicht nur bei gleichem Umsatz die Effizienz zu steigern, sondern den Umsatz durch Wachstum zu steigern.

Das ist leicht gesagt. Welche Mittel gibt es, um zu wachsen?

MW: Wir haben bei Nile drei Möglichkeiten: Die erste ist, neue Läden zu eröffnen, das ist der schnellste Weg. Allerdings ist es eine Herausforderung, geeignete Lokale zu erschwinglichen Preisen zu finden. Das zweite Mittel ist die Eröffnung von Showrooms für den Grosshandel, wie wir es bisher in Düsseldorf und München gemacht haben. Und die dritte Möglichkeit ist der Webshop.
KW: Im Web sehen wir keine Grenzen. Der Detailhandel hat sich bereits in letzter Zeit stark verändert. Wie Läden in 20 Jahren aussehen werden, wissen wir nicht, bestimmt aber anders als heute. Aber der Onlinehandel ist ein zentraler Bestandteil der Zukunft – da stehen wir noch ganz am Anfang.

Nile hat noch ein riesiges Wachstumspotenzial, dasselbe gilt auch für unsere Software. Aber Kleider zu verkaufen macht uns einfach viel mehr Spass.

Wie sieht diese Zukunft aus und wie bereiten Sie sich darauf vor?

KW: Wir prüfen beispielsweise die Option, in einen Fotoapparat zu investieren, der aus einer Art Kabine besteht, in der eine Puppe mit einem Kleidungsstück vor einem Greenscreen automatisch von allen Seiten fotografiert und freigestellt wird. Mit solchen Apparaten kann man sehr viel Arbeit sparen, aber wir glauben, dass sich diese Technik sehr schnell noch verbessern und sie zugleich günstiger werden wird. Deshalb warten wir noch ab.

Dass Firmengründer Markus Gygax in Ihnen bald potenzielle Nachfolger sah, ist nicht verwunderlich. Doch wie war es bei der Bank, mussten Sie hier Überzeugungsarbeit leisten?

KW: Seit unserer Tätigkeit in China standen wir in intensivem Austausch mit unserem Kundenberater Florian Würsch. Das entstandene Vertrauen kam uns bei der Nachfolge sehr zugute.
MW: Weil wir immer mit offenen Karten gespielt haben, sowohl gegenüber Markus Gygax als auch Florian Würsch, ging es nicht darum, jemanden zu überzeugen, sondern einfach darum, gemeinsam die besten Lösungen zu finden.

Umgekehrt mussten auch Sie Vertrauen zu ihm entwickeln, und offenbar haben Sie sich für die Credit Suisse als Ihre Hausbank entschieden.

MW: So ist es. Gerade eine Nachfolge ist etwas sehr Intimes: Florian Würsch kennt die Einzelheiten unserer Steuererklärung, er weiss Details, die ausserhalb des Verwaltungsrates niemand kennt. Auf Basis dieses Vertrauens konnte eine langfristige Beziehung entstehen. Und Langfristigkeit ist für uns zentral – nicht nur in Bezug auf unseren Kundenberater , sondern auch gegenüber Produzenten, Mitarbeitenden und Kunden. Auf solch dauerhaften Bezie hungen basiert zum grossen Teil der Erfolg von Nile Clothing AG. Die Verbindungen sind lange vor unserem Eintritt ins Unternehmen durch Markus Gygax geknüpft worden und wir pflegen sie nun weiter.