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League of Leading Ladies Konferenz: «Female Talent, Female Clients: Disruptive Forces in Emerging Markets»

Frauen – ob als Unternehmerinnen, Mitarbeiterinnen oder Kundinnen – werden mehr und mehr zu treibenden Kräften, die aktiv einen Wandel einfordern und herbeiführen. Darin sind sich Mary Ellen Iskenderian, Präsidentin und CEO von Women’s World Banking sowie Laura Hemrika, Leiterin Corporate Citizenship & Foundations bei der Credit Suisse einig. Anlässlich der diesjährigen League of Leading Ladies Conference vom 30. und 31. März 2017 in Interlaken haben sie sich über die damit einhergehenden Herausforderungen und Lösungen unterhalten.

Mary Ellen Iskenderian ist fest davon überzeugt, dass die Technologie in Schwellenländern das Potenzial hat, Frauen entscheidend bei der verstärkten finanziellen Inklusion zu unterstützen, wenn sie richtig eingesetzt wird. In Industrieländern ist es jedoch Fakt, dass Arbeit mehr und mehr von der Technologie abhängt oder sich die Technologieabhängigkeit zumindest kontinuierlich erhöht. Wenn sich Frauen aber nicht entsprechend interessieren und ausbilden, laufen sie allerdings Gefahr, sich langfristig aus dem Arbeitsmarkt auszuschliessen, meint Laura Hemrika.

Warum haben Sie an diesem Panel teilgenommen?

Mary Ellen Iskenderian (M. E. I.): Women’s World Banking arbeitet nunmehr seit über 35 Jahren mit Finanzinstituten in Schwellenländern zusammen, um die Vorteile einer Investition in Frauen nicht nur als Kundinnen, sondern auch als Leiterinnen von Unternehmen zu verdeutlichen. Die Konferenz bietet eine fantastische Gelegenheit, zu dieser Diskussion beizutragen und die Ansätze von Schwellen- und Industrieländern miteinander zu vergleichen.
Laura Hemrika (L. H.): Die Credit Suisse und Women’s World Banking sind seit 2011 Partner. Unsere gemeinsamen Ziele umfassen die Entwicklung von Frauen als Führungskräften und Talenten in Finanzinstituten sowie von (Finanz-)Produkten und -Dienstleistungen für Frauen am unteren Ende, aber auch an der Spitze der Einkommenspyramide. Ich bin sehr erfreut, darüber sprechen zu können, wie wir alle mehr Frauen dazu bringen können, den Status quo zu ändern.

Warum ist dieses Thema besonders spannend?

M. E. I.: Jede Gelegenheit für eine lebhafte Diskussion darüber, wie Frauen in der Geschäftswelt weiter gefördert werden können, ist grossartig – aber die Vorstellung, dass Frauen als positive «disruptive Kraft» in Schwellenländern wirken können, ist ein ausserordentlich spannender und konkreter Trend, den wir in allen Ländern beobachten können, in denen wir tätig sind.
L. H.: Berichten zufolge übernehmen immer mehr talentierte einflussreiche Frauen in Schwellenländern Führungspositionen in Unternehmen und in der Gesellschaft – der perfekte Zeitpunkt, um über Chancen für Frauen in Schwellen- und Industrieländern allgemein zu sprechen sowie darüber, wie diese Umwälzung die Art und Weise, in der wir Unternehmen leiten, positiv verändern wird.

«FEMALE TALENT, FEMALE CLIENTS: Disruptive Forces in Emerging Markets» – Was war das Hauptziel dieser Diskussion?

M. E. I.: Wir wollten zeigen, wie es mithilfe von Technologie möglich geworden ist, das Segment von Frauen mit niedrigem Einkommen zu erreichen, und somit den disruptiven Wandel in Bezug auf neue, von Frauen am Markt benötigte Produktlösungen im Finanzbereich voranzutreiben. Women’s World Banking hat festgestellt, dass geschlechterübergreifende Teams erforderlich sind, damit die Bedürfnisse von Frauen tatsächlich erfüllt werden – und hier sehen wir sowohl weibliche Talente als auch weibliche Kunden im Mittelpunkt der disruptiven Kräfte in Schwellenländern.

Bestehen Unterschiede zwischen Schwellenländern und Industrieländern in Bezug auf Geschlechtervielfalt?

L. H.: Es ist ja bekannt, dass in den meisten Industrieländern leider noch eine Menge Verbesserungsbedarf besteht. In Studien zur Geschlechtergleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz oder in Führungspositionen stehen manche Schwellenländer allerdings besser da als beispielsweise die USA und die Schweiz. Es gibt also keine Patentlösung. Eine Unterstützung durch staatliche Politik kann hier hilfreich sein. Mit Politik allein wird allerdings noch keine Veränderung geschaffen. Viele weitere Faktoren wie etwa kulturelle Normen, Zugang zu Aus- und Weiterbildung, geeignete Unternehmensprogramme, die Überwindung unbewusster Vorurteile bei der Einstellung und im Management spielen ebenfalls eine Rolle, um nur einige Faktoren zu nennen.

Hat die Technologie einen positiven oder negativen Einfluss auf die finanzielle Inklusion von Frauen? Hat das Aufkommen bahnbrechender Technologien die Geschlechtergleichstellung in Beruf und Gesellschaft vorangetrieben oder gebremst?

M. E. I.: Richtig eingesetzt besitzt Technologie das Potenzial, Frauen bei der zunehmenden finanziellen Inklusion entscheidend zu unterstützen. Vielen Frauen in Schwellenländern, die zuvor keinen Zugang zu Finanzierungen hatten, stehen nun zahlreiche Start-ups zur Verfügung, die unbesicherte Mikrodarlehen anbieten und statt traditioneller Kreditratings alternative Methoden einsetzen. Natürlich ist Technologie kein «Allheilmittel», mit dem sämtliche Probleme gelöst werden können. Es fängt damit an, dass viele Frauen gar keinen Zugriff auf diese Technologien haben, weil sie entweder keine ausreichenden technischen Kenntnisse besitzen oder aber durch gesellschaftliche Normen eingeschränkt sind, die die Möglichkeit einiger Frauen eingrenzen, sich ausserhalb der häuslichen Umgebung frei zu bewegen oder Gespräche und Ratschläge zu suchen. Dies sind wichtige Probleme, die angegangen werden müssen, wenn man Fortschritte bei der finanziellen Inklusion von Frauen erzielen will.
L. H.: In Industrieländern ist es Fakt, dass Arbeit mehr und mehr von der Technologie abhängt oder sich die Technologieabhängigkeit zumindest kontinuierlich erhöht. Wenn nicht genügend Frauen an diesen Themen interessiert sind und eine entsprechende Ausbildung besitzen, werden sie vom Stellenmarkt ausgeschlossen. Auch wenn die Zahlen steigen, liegt noch ein weiter Weg vor uns und es fehlen genügend Vorbilder für junge Frauen, mit denen sie sich identifizieren können.

Werden die Gestaltung und Umsetzung technischer Lösungen, die auf das weibliche Publikum zugeschnitten sind, dadurch verbessert, dass mehr Frauen in wissenschaftlichen und technischen Berufen vertreten sind?

L. H.: Der zunehmende Anteil von Frauen in wissenschaftlichen und technischen Berufen ist sicherlich hilfreich – eine vielfältigere Belegschaft, die Einfluss auf die Entscheidungsfindung nimmt, führt allgemein zu besseren Ergebnissen. Auch darf nicht vergessen werden, dass die Kunden stets im Mittelpunkt stehen müssen – ihre individuellen Bedürfnisse sollten ermittelt und die Produkte entsprechend gestaltet werden. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen! Das wird natürlich vorausgesetzt, aber will man neue Kunden erreichen oder neue Produkte entwickeln, liegt hier ein hohes Risiko.

Gibt es Ähnlichkeiten bei Unternehmen, die weibliche Kunden besonders gut bedienen?

M. E. I.: Im Netzwerk von Women’s World Banking haben wir festgestellt, dass Finanzinstitute mit einem Frauenanteil von mindestens 35 % im Management und in der Führungsebene einen höheren Anteil an weiblichen Kunden und eine höhere Gesamtkapitalrendite aufweisen. Wir vergeben einen «Excellence in Leadership Award» an Institute, die innovative Programme auflegen, bei denen Frauen und Männern gleiche Chancen geboten werden, Leistung zu zeigen, über sich hinauszuwachsen und zu führen. Unsere Gewinner der Vergangenheit, die aus so unterschiedlichen Ländern wie der Dominikanischen Republik, Jordanien, dem Libanon, Kenia und Bangladesch stammten, haben eines gemeinsam – sie haben die Notwendigkeit erkannt, für Geschlechtervielfalt auf allen Ebenen zu sorgen, um ihre Kunden besser zu bedienen.

Wie können Frauen die derzeitige Umbruchsstimmung nutzen und dafür sorgen, dass Unternehmen und die Gesellschaft ihre Bedürfnisse besser erfüllen?
Gibt es positive Beispiele von Personen oder Unternehmen, die ihre Sache gut machen?

M. E. I.: Zunächst einmal müssen wir unseren Anteil an diesem Prozess erweitern. Und das bedeutet, wir müssen mit am Tisch sitzen. Wenn wir das Problem der vorhandenen bewussten und unbewussten Geschlechtervorurteile nicht angehen, können wir keine geschlechterübergreifenden Teams bilden, die in diesen disruptiven Zeiten erfolgreich sind. Und das kann man schaffen: Unser Partner in Jordanien, Microfund for Women, beschäftigt 73 % Frauen in einem Land, in dem nur 14 % der Frauen im formellen Sektor arbeiten. Microfund for Women schuf eine verkürzte Arbeitswoche, gewährte den Mitarbeitenden volle Sozialleistungen und lädt Familienmitglieder sogar dazu ein, weibliche Kandidaten zu Bewerbungsgesprächen in Zweigniederlassungen zu begleiten. Microfund for Women schafft nicht nur ein inklusives Umfeld, sondern entwickelt auch einige der innovativsten Finanzlösungen für Frauen in der Region.
L. H.: Ich rege auch mehr Frauen dazu an, sich am Problemlösungsprozesses zu beteiligen, da wir auf diese Weise die optimalen Lösungen schaffen können. Frauen zögern oft, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Wir sollten auch von den Schwellenländern lernen, die sich häufig über die «etablierten» Vorgehensweisen hinwegsetzen. Genau so treten meist wahrhaft innovative Ideen zutage – wenn man es wagt, den Status quo infrage zu stellen.