Schweizer Wirtschaft: KMU erleben schnellen Strukturwandel

«KMU erleben einen Strukturwandel im Zeitraffer»

Die Corona-Krise überrollte die Schweizer Wirtschaft mit einer beispiellosen Geschwindigkeit. Wie KMU während des beschleunigten Strukturwandels am besten Schritt halten, wissen Dr. Sara Carnazzi Weber und Pascal Zumbühl, die Verfasser der diesjährigen KMU-Studie der Credit Suisse.

Frau Carnazzi Weber, Herr Zumbühl, mit welchen Bedürfnisveränderungen bei den Konsumenten müssen Schweizer KMU während Corona und darüber hinaus rechnen?

Sara Carnazzi Weber*: Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen haben sowohl in unserem Alltag als auch in der Wirtschaft vieles auf den Kopf gestellt. Einige Veränderungen sind sicherlich vorübergehend, aber andere könnten die Bedürfnisse der Menschen nachhaltig prägen. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir gewisse Hemmschwellen in der Nutzung digitaler Technologien überwunden haben. Man arbeitet im Home-Office, macht weniger Geschäftsreisen und erledigt den Einkauf häufiger online.

Pascal Zumbühl*: Ebenfalls interessant ist, dass aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit die CO2-Emissionen weltweit gesunken sind. Das könnte bei den Konsumenten ein verstärktes Bewusstsein für das eigene Handeln in Bezug auf den Klimawandel hervorgerufen haben. Die ökologische Nachhaltigkeit könnte demnach auch für viele Unternehmen an Bedeutung gewinnen.

Sind das Ihrer Meinung nach die Haupttrends, die aus der Corona-Krise entstanden sind?

Sara Carnazzi Weber: Ich denke, der Begriff «beschleunigen» ist treffender. Die Umwälzungen, die wir erlebt haben, wurden nicht durch die Pandemie hervorgerufen. Vielmehr hat die Corona-Krise als Katalysator bestehender Trends fungiert. Digitalisierung, flexible Arbeitsformen, der Trend zu mehr Nachhaltigkeit und eine Verlangsamung der Globalisierung hat es schon vorher gegeben. Aber durch die Pandemie sind die weiteren Entwicklungsschritte sehr schnell gekommen.

Das klingt nach einem herausfordernden Umfeld für KMU. Wie sollen sich Unternehmen in dieser Situation verhalten?

Sara Carnazzi Weber: Es gilt für jedes KMU zu beurteilen, was diese Veränderungen für den eigenen Geschäftsbereich bedeuten, wo es Produkte oder das Dienstleistungsangebot anpassen muss und eventuell neue Vertriebskanäle erschliessen soll. Wichtig ist, sich an den momentanen Bedürfnissen der Konsumenten zu orientieren, aber auch künftige Bedürfnisse zu antizipieren.

Das Ganze ist natürlich sehr unternehmensspezifisch. Womit jedoch alle Firmen gut beraten sind, ist ein Ausbau des Digitalisierungsstands. Hier lohnt es sich, über die digitale Abwicklung gewohnter Prozesse hinauszudenken und – wo möglich – in neue Anwendungsbereiche wie etwa die Datenanalyse oder künstliche Intelligenz vorzustossen.

Die KMU-Studie 2020 zeigt: Fast jedes zweite KMU hat sein Geschäftsmodell seit Beginn der Corona-Krise an die veränderte Ausgangslage angepasst. Wie sehen diese Neuausrichtungen aus?

Pascal Zumbühl: Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Denn Unternehmen sind durch die Einschränkungen auf verschiedenen Ebenen betroffen, was zu sehr unterschiedlichen Anpassungen geführt hat:

Gastronomiebetriebe sowie die Event- und Veranstaltungsbranche haben beispielsweise direkt unter Schliessungen gelitten. Um trotzdem Umsatz zu generieren, haben Restaurants Lieferservice angeboten. Die Betreiber des Gurtenfestivals haben gar ihre komplette Dienstleistungspalette angepasst und ein COVID-19-Testzentrum aufgebaut.

Besonders betroffen war auch die Tourismusbranche, die unter einer schwachen Auslandsnachfrage gelitten hat. Um sich breiter aufzustellen, hat Schweiz Tourismus eine Kampagne lanciert, mit der vor allem Schweizerinnen und Schweizer sowie europäische Touristen in die Berge und Städte gelockt werden sollen.

Der Detailhandel hat versucht, vermehrt über Onlinekanäle in Kontakt mit Kunden zu treten. Und im Import haben seit Beginn der Krise viele Industrieunternehmen ihre Wertschöpfungsketten geprüft und Anpassungen vorgenommen. Dabei kann es sich um eine Diversifizierung von Anbietern von Vorleistungen handeln, es kann aber auch die Inhouse-Produktion von zuvor ausgelagerten Aktivitäten sein oder eine höhere Vorratshaltung.

Welche Geschäftsmodelle haben aus Ihrer Sicht besonders viel Potenzial, positiv aus der Krise hervorzugehen und in Zukunft erfolgreich zu sein?

Pascal Zumbühl: Unternehmen, die sich schon vor der Pandemie mit den grossen Trends unserer Zeit beschäftigt haben, sind natürlich auch heute im Vorteil. Zu den Erfolgsfaktoren gehören sicherlich Investitionen im Bereich der Digitalisierung. Zukunftsforscher gehen davon aus, dass der Arbeitsmarkt von morgen aufgrund disruptiver Technologien von grossen Umwälzungen geprägt sein wird. Wer sich also auf ein schnelllebiges Marktumfeld einstellt, ist auch künftig vorne mit dabei.

Wer sich mit Trends frühzeitig auseinandersetzt, wird langfristig bessere Chancen haben, sich zu beweisen.

Pascal Zumbühl, Mitverfasser der KMU-Studie.

Während des Lockdowns im Frühjahr hat der Bund den Unternehmen mit Kreditgarantien unter die Arme gegriffen. Sehen Sie die Gefahr, dass der Staat den wirtschaftlichen Strukturwandel durch einen erneuten finanziellen Schutzschild ausbremsen könnte?

Sara Carnazzi Weber: Im Gegensatz zur ersten Ansteckungswelle ist in der zweiten deutlich geworden, dass der Weg aus der Pandemie länger dauern wird. Wir gehen daher davon aus, dass der Staat seine finanzielle Hilfe künftig zielgerichteter einsetzen wird. KMU, die unter den angeordneten Einschränkungen leiden, aber dennoch langfristig am Markt überlebensfähig sind, dürften weiterhin Hilfen erhalten. Hingegen dürften KMU, die aufgrund des nachhaltigen Strukturwandels keine Perspektive nach der Krise haben, tendenziell keine Hilfen mehr bekommen. Denn aus gesamtvolkswirtschaftlicher Sicht ist es nicht zielführend, finanzielle Mittel aufzuwenden, die schlussendlich verpuffen.

Welche Eigenschaften müssen Unternehmerinnen und Unternehmer mitbringen, um erfolgreich durch die Krise zu navigieren?

Sara Carnazzi Weber: In der KMU-Umfrage nannte mehr als die Hälfte der Unternehmen Flexibilität als wichtigstes Attribut, um Krisenzeiten zu überstehen. Erfahrung wurde von knapp 20 Prozent der Befragten als wichtigstes Merkmal angegeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Eigenschaften Hand in Hand gehen. Die Erfahrung im eigenen Bereich oder aus früheren Krisen kombiniert mit Flexibilität ermöglicht innerhalb einer Firma eine gute Reaktion auf eine Krisensituation, wie wir sie gerade erleben.

Weshalb ist es für Unternehmerinnen und Unternehmer so wichtig, flexibel zu sein?

Pascal Zumbühl: Flexibilität hilft Unternehmen, sich schnell an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, sich neu zu erfinden und die Weichen für künftiges Wachstum zu stellen. Dadurch dürfte die Corona-Pandemie weniger negativ zu Buche schlagen. Als Beispiel: Die Pandemie liess die Umsätze bei vielen Unternehmen einbrechen, doch Kosten wie Mieten fielen grösstenteils weiter an. Wer sich schnell an das neue Umfeld anpassen konnte, musste weniger der vorher angesparten Liquiditätspolster auflösen, um die Krise zu bewältigen. Und hat somit vielleicht auch mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, um künftige Investitionen zu tätigen.

Die Corona-Krise muss für Schweizer KMU nicht zwingend nur Zerstörung, sondern kann auch Entstehung und Wachstum bedeuten. Können Sie dazu ein inspirierendes Beispiel geben?

Pascal Zumbühl: Wir haben im Rahmen der KMU-Studie vier CEOs befragt, wie sie die Krise bewältigen. Besonders das Interview mit der Firma livet blieb mir in Erinnerung. Das Berner Start-up produziert Schnelltests für die Diagnostik von Atemwegserkrankungen bei Pferden. Zu Beginn der Pandemie im März entschied livet, sich den neuen Markgegebenheiten anzupassen. Seitdem nutzt das Unternehmen sein Wissen über Infektionskrankheiten in der Veterinärdiagnostik für die Herstellung von COVID-19-Schnelltests für Menschen. Dieser mutige Schritt wurde mit grossem Wachstum belohnt.

Eine innovative Lösung für ein aktuelles Problem. Zeichnen sich Schweizer KMU besonders durch Innovationskraft und zukunftsorientiertes Handeln aus?

Sara Carnazzi Weber: Schweizer Unternehmen sind schon seit jeher mit fehlenden Rohstoffen und hohen Produktionskosten konfrontiert. Das hat sie im Laufe der Zeit immer wieder darin bestärkt, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit über Innovation und Qualität zu erlangen.

Der Rückblick zeigt zum Beispiel, dass Schweizer KMU oft gestärkt aus Phasen der Frankenaufwertung gekommen sind. Denn sie müssen regelmässig mit solchen Situationen umgehen und entwickeln dementsprechend Konzepte zu deren Bewältigung. Gleichzeitig agiert der Schweizer Staat verglichen mit anderen Ländern eher zurückhaltend. Unternehmen wissen, dass sie selbst verantwortlich sind.

Erfahren Sie mehr zum Strukturwandel und wie Ihr KMU sich für das neue Umfeld wappnen kann.

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