IBSA Institut Biochimique SA Pharma Unternehme CS Erfolgsgeschichte

IBSA Institut Biochimique SA: Ein fruchtbares Unternehmen

Das grösste Tessiner Pharmaunternehmen IBSA geriet vor fünf Jahren wegen des starken Frankens kurzzeitig ins Strudeln, schaffte es aber dank viel Innovationskraft wieder auf Kurs zu kommen. Seither setzt das Unternehmen seinen Aufstieg auf der Liste der umsatzstärksten Schweizer Pharmaunternehmen fort und belegt in Bezug auf die Fertilitätsmedizin weltweit gar den vierten Platz.

Früher Morgen in einem kleinen Dorf an der chinesischen Ostküste: Wie immer um diese Zeit überreicht eine Frau mittleren Alters vor ihrer Tür einem von IBSA beauftragten Kurier einen gefüllten Behälter und erhält dafür einen leeren. Freundlich wünschen sich die beiden einen guten Tag. Dasselbe Prozedere wiederholt sich täglich vor vielen chinesischen Haustüren.

Ein ganz spezieller Rohstoff

Weshalb findet diese tägliche Sammelaktion statt? In den abgeholten Behältern befindet sich der Urin von Frauen in der Postmenopause. 100’000 Liter des wertvollen Rohstoffs werden täglich in den dicht besiedelten Dörfern an der Ostküste Chinas eingesammelt und zu zwei IBSA-Produktionsanlagen gefahren. Das muss rasch gehen, denn ist der Urin einen Tag alt, wird er unbrauchbar. Der CFO von IBSA, Antonio Melli, erklärt den Hintergrund: «Im Urin dieser Frauen finden sich Hormone, die in der medizinisch unterstützten Fortpflanzung verwendet werden.» In den beiden chinesischen Anlagen lässt sich durch Ultrafiltration aus den 100’000 Litern täglich ein Kilogramm des unverarbeiteten Wirkstoffs gewinnen. In den Labors in Lugano erfolgt dann die Reinigung, und am Ende bleibt der Wirkstoff übrig, der schliesslich in Ampullen verpackt zum Arzneimittel wird. In China ist IBSA seit 1998 präsent. Doch während es heute schon fast üblich ist, eine Fabrik im Reich der Mitte zu betreiben, benötigte man vor 16 Jahren noch sehr viel Pioniergeist, um nach China zu expandieren.

Eine Idee im Gepäck

An Pioniergeist mangelt es dem kleinen Tessiner Pharmaunternehmen bis heute wahrlich nicht, wie seine Geschichte deutlich zeigt. 1945 in Lugano gegründet und über Jahrzehnte ein Kleinunternehmen, wurde IBSA 1985 vom heutigen CEO Arturo Licenzati aufgekauft. «Wir begannen damals mit 40 Mitarbeitenden und befanden uns bezüglich Umsatz auf Position 160 der schweizerischen Pharmaunternehmen», führt Melli aus. «Heute, knapp 30 Jahre später, liegen wir auf Platz 24 und haben 1800 Mitarbeitende in 20 Ländern, die meisten in der Schweiz, Italien, Frankreich und China», erläutert der CFO nicht ohne Stolz. Die bereits erwähnte Fertilitätsmedizin ist nicht der einzige medizinische Bereich, in dem sich IBSA bewegt. Weitere wichtige Gebiete sind unter anderem die Rheumatologie, Dermatologie und Endokrinologie sowie Medikamente im Bereich der Schmerz- und Entzündungshemmung. Das berühmteste Produkt IBSAs ist denn auch das Flector-Pflaster. «Vielleicht haben auch Sie das Pflaster schon einmal auf einen schmerzenden Tennisellbogen geklebt», meint Melli, während er eine ganze Reihe von Produkten mit demselben Wirkstoff vor sich ausbreitet. Denn je nach Schmerz ist ein Gel zum Aufstreichen, eine Kapsel zum Einnehmen oder eine Injektionsampulle die ideale Darreichungsform. Die firmeneigene ResearchAbteilung forscht nicht nur nach neuen Produkten, sondern auch nach innovativen Anwendungsformen eines Medikaments, um seine Wirkung noch effizienter zu nutzen. Die Idee des beliebten Flector-Pflasters stammt allerdings nicht von dieser Abteilung, meint Melli: «Es war unser CEO Arturo Licenziati persönlich, dem die Pflasteridee auf einer Geschäftsreise nach Japan kam, als er dort zufällig etwas Vergleichbares sah.»

Gestärkt aus der Krise

Nicht immer verlief der Aufstieg von IBSA reibungslos. 2009/10 setzte dem Unternehmen die Eurokrise sehr zu. «Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, den Kurs bei 1,20 festzusetzen, war entscheidend dafür, dass sich das Wachstum schnell wieder beleben konnte», erinnert sich Melli. Dennoch mussten rasch weitere Massnahmen in verschiedene Richtungen ergriffen werden. Zuerst beschloss das Management, den Wechselkurs durch vermehrte Produktion im Euroraum möglichst zu umgehen. Melli dazu: «In Italien hatten wir bereits seit 1996 eine Produktionsstätte, eine zweite folgte 2001, eine dritte 2010, inmitten der Währungskrise. Das war ein Zufall, denn diese Entscheidung hatten wir lange vorher gefällt, weil wir bei Mailand ein Unternehmen mit Produktionstechnologien übernehmen konnten, nach denen wir gesucht hatten.» Dennoch kam dieser neue Standort im Euroraum genau zum richtigen Zeitpunkt. Weitere Massnahmen beinhalteten eine verbesserte Kostenkontrolle und rationalisierte Produktionsprozesse. Ohne eine einzige Entlassung aussprechen zu müssen, segelte das Unternehmen nach einem Jahr wieder auf Kurs. «Die Banken, und insbesondere die Credit Suisse, erwiesen sich in dieser schwierigen Zeit wirklich als echte und faire Partner», meint Melli und fügt ergänzend hinzu: «Eine Reduktion unserer Kredite stand nie zur Debatte. Im Gegenteil: Das Verhalten der Credit Suisse zeugte vom Vertrauen, dass wir die Krise mit unseren Massnahmen meistern würden.»

Idealen Investitionszeitpunkt erwischt

IBSA setzt seither seine Strategie konsequent fort, nämlich stetes Investieren in Produktion, Innovation und Mitarbeitende. Insgesamt hat das Unternehmen auf diese Weise seit 1985 400 Millionen Franken investiert. Erst kürzlich baute die Firma in Italien und im Tessin für 50 Millionen Franken neue Produktionsstätten beziehungsweise übernahm solche. «Mit dem aktuell niedrigen Zins war der Zeitpunkt dafür ideal», so Melli. Im Tessin hat IBSA für die nähere Zukunft keine Baupläne. Für China jedoch überlegt man sich den Bau von zwei weiteren Produktionsanlagen in ländlichem Gebiet. Grund dafür sind die sich verändernden demografischen Verhältnisse. Die bevölkerungsreichen Dörfer an der Küste verstädtern zusehends, wobei die für IBSA günstigen dörflichen Strukturen verloren gehen. Ebenso steigt das Einkommen, und die Bereitschaft der Frauen, ihren Urin zu spenden, nimmt ab. Viele westliche Paare, die ihren Kinderwunsch mithilfe eines IBSA-Medikaments erfüllen durften, ahnen wohl nicht, welch komplexe Geschichten hinter den unscheinbaren Fruchtbarkeitsampullen stehen.