Die regionalen Preisverleihungen «Prix SVC» sind sehr wichtig für das gegenseitige Verständnis.

Die Gesellschaft ist sich zu wenig bewusst, was KMU leisten

Seit vier Monaten ist Andreas Gerber der neue Präsident des Swiss Venture Clubs. Er möchte der Unternehmerplattform mehr politisches Gehör verschaffen und KMU dazu ermutigen, auch die Chancen der Digitalisierung zu erkennen.

Andreas Gerber, was fasziniert Sie an Unternehmertum?

Die ungeheure Leistungsfähigkeit und Innovationskraft. Die Schweizer KMU-Wirtschaft ist trotz Frankenschock, Finanzkrise und Globalisierung konkurrenzfähig geblieben. Mit der Aufhebung des Mindestkurses zum Beispiel ist für viele Schweizer Unternehmen von einem Tag auf den anderen ein Viertel der Marge weggefallen – das ist existentiell bedrohend. Dennoch haben die Unternehmen einen Weg gefunden, damit umzugehen. Es beeindruckt mich, wie viel Risiko einzelne Personen für ihren Betrieb eingehen und damit auch für die Erhaltung von Arbeitsplätzen, die Wirtschaft und den Wohlstand.

Andere wählen lieber den sicheren Weg mit Festanstellung und einem fixen Gehalt.

Natürlich. Will in der Schweiz jemand unternehmerisch tätig werden, heisst es oft: Bist du wahnsinnig? Denk doch an die Familie, die Freizeit, die Pensionskasse.

Ist sich die Gesellschaft zu wenig bewusst, was KMU leisten?

Auf jeden Fall. Ich stelle oft fest, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht wissen, wie und wo Geld verdient wird – oder dass überhaupt Geld verdient werden muss. Profit zu machen ist anrüchig geworden, dabei ist eine erfolgreiche Wirtschaft für die Gesellschaft essentiell. Man vergisst, wie die Wirtschaft zum Wohl einer Gesellschaft beiträgt. Diese Zusammenhänge werden für mich zu wenig geschult und diskutiert. Auch darum braucht es eine Organisation wie der SVC, die eine Brücke baut und zeigt, welche Leistungen Unternehmungen in der Schweiz erbringen.

Was ist der Swiss Venture Club?

Wir sind eine Plattform für KMU – Mitglieder des SVC sind Unternehmer oder Führungspersonen in Unternehmen. Wir sind kein elitärer Verein, sondern eine breite Wirtschaftsvereinigung für alle Unternehmen. Auch ist der SVC kein Cüpli-Club, sondern eine Plattform, die hochwertigen Inhalt transferiert und hilft, Kontakte zu knüpfen und Wissen auszutauschen. Und wir stehen für den wirtschaftlichen Wettbewerb ein.

Sie sind seit vergangenem September Präsident des Swiss Venture Clubs. Was möchten sie dort bewegen?

Ich möchte den SVC noch bekannter machen und dafür sorgen, dass wir mehr Mitglieder gewinnen können. Momentan sind es 3000, schweizweit sind wir das grösste Netzwerk für KMU. Aber gemessen an den 300'000 KMU, die es in der Schweiz gibt, haben wir noch grosses Potential. Zudem möchte ich die nächste Generation mehr einbeziehen und erfahrene Unternehmer mit Jungunternehmern zusammenbringen. Und natürlich gehört auch politisches Engagement zu meinem Amt: Ich setze mich dafür ein, dass KMU bei politischen Entscheidungen mehr berücksichtigt werden.

Warum ist das wichtig?

Weil KMU im Vergleich zu Grossunternehmen über viel weniger Ressourcen verfügen und sich dadurch im laufenden Gesetzgebungs- und Umsetzungsprozess weniger einbringen können. KMU sind sensibler auf der Kostenseite und es fehlt ihnen teilweise die Schlagkraft und Professionalität, Themen zu adressieren und sie politisch anzugehen.

Bisher ist der SVC politisch kaum in Erscheinung getreten.

Das stimmt, hier können wir uns noch mehr engagieren. Wir haben eine Partnerschaft mit dem StrategieDialog21, wo wir im Schloss Thun jedes Jahr politisch motivierte Ideen prämieren. Am «Wunschschloss» nehmen Politiker aus allen Parteien teil, welche die Ideen der engagierten Bürgerinnen und Bürger diskutieren. Das ist ein guter Anfang, auf den wir aufbauen können. Wir müssen Sorge dazu tragen, dass die Nähe zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bestehen bleibt.

Ist das ein Grund, dass Ihre Organisation alle zwei Jahre in sieben Regionen den «Prix SVC» verleiht?

Ja, die regionalen Preisverleihungen «Prix SVC» sind sehr wichtig für das gegenseitige Verständnis. Ich bin der Meinung: Je globaler die Welt wird, desto höher ist das Bedürfnis für Unternehmer, regional Kontakte zu knüpfen und zu agieren. Das hat zum einen mit der Identifikation mit der Region zu tun, aber auch damit, dass es unkompliziert ist, mit Menschen in der Nähe langfristig zusammenzuarbeiten.

Und welche Rolle spielt eine solche Preisverleihung für die Gesellschaft?

Die Bevölkerung erhält mit der Prämierung einen Einblick darin, was die Firmen im Ort leisten. Was mich immer wieder erstaunt: Es gibt in der Schweiz Hunderte von Firmen, die globale Marktleader sind – und niemand weiss es. Das muss man den Leuten doch mitteilen! Nicht zuletzt geht es auch darum, welches Image die Wirtschaft in der Gesellschaft hat.

Sie möchten in den Regionen viel bewirken. Warum braucht es dann das nationale Dach des SVC?

Den nationalen Verein braucht es, damit wir politischen Anliegen Gewicht verleihen können – eine schweizweite Organisation hat mehr Ausstrahlung. Unsere Veranstaltungen sind thematisch für alle Regionen und Mitglieder relevant. Und dann gibt es Themen, die zu gross sind, um sie regional anzupacken: Die Jungunternehmerszene zum Beispiel ist vor allem an der ETH, EPFL und den Fachhochschulen. Als nationaler Verein kann der SVC Innovatoren mit Investoren zusammenbringen.

Was ist die grösste Herausforderung für Start-ups?

Die Geschwindigkeit, mit der sich das wirtschaftliche Umfeld entwickelt. Die Digitalisierung führt dazu, dass in kurzer Zeit ganze Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten auseinanderbrechen und neue entstehen. Auch als Weltmarktleader kann man heutzutage in einem knappen Jahr weg vom Fenster sein – denken Sie nur Nokia oder Blackberry mit ihren verschwindend geringen Marktanteilen. Als Jungunternehmer muss man schneller und innovativer sein als die Konkurrenz, sich sehr schnell anpassen können und über einen grossen Durchhaltewillen verfügen – anders geht es nicht.

Wie unterstützen Sie KMU in dieser enormen Aufgabe?

Uns ist der Know-How-Transfer zwischen verschiedenen Unternehmern – erfahrenen und jungen – sehr wichtig. Das erreichen wir zum einen über Events mit spannenden Speakern. Zum anderen aber auch mit dem Netzwerk, das der SVC Mitgliedern bietet und erlaubt, dass sich Unternehmer im kleinen Kreis austauschen können. So versuchen wir Kompetenzen zu vermitteln.

In welcher Beziehung steht die Credit Suisse zum SVC?

Sie ist strategische Partnerin für den SVC und stellt personelle Ressourcen und finanzielle Mittel für den SVC zur Verfügung. Die Credit Suisse versteht sich als Bank für Unternehmer und ist für viele KMU ein strategischer oder finanzieller Partner.

Sie sind bei der Credit Suisse Leiter des schweizweiten KMU Geschäfts, bei dem SVC Vereinspräsident. Ist diese Doppelrolle naheliegend?

Ja. Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren mit der KMU-Landschaft Schweiz, zuerst war ich im Mittelland, dann in der Romandie und zuletzt in Zürich tätig. Nun, als Leiter des schweizweiten KMU-Geschäfts, treffe ich genau die gleichen Exponenten an wie im SVC. Ich masse mir an, dass ich die KMU-Landschaft Schweiz ganz gut kenne – das ist wichtig für meine Rolle als Präsident beim SVC, damit ich die Herausforderungen und Chancen für Unternehmer verstehe.

Selbst waren sie aber nie unternehmerisch tätig?

Ich wollte schon, aber ich habe es immer etwas verpasst. Natürlich kann man sagen: Wenn man Unternehmer sein will, dann muss man es durchziehen, es gibt nicht den passenden Moment. Aber ich habe das Glück, dass ich innerhalb der CS einen relativ grossen unternehmerischen Spielraum habe. Mich fasziniert es in der Breite des Firmenkundengeschäfts, über alle Branchen hinweg und mit all den Exponenten zu arbeiten – seien es Besitzer, Verwaltungsräte oder Finanzchefs. Durch die intensive Auseinandersetzung erfahre und verstehe ich, wie die Unternehmerwelt funktioniert.

Ist die Schweiz unternehmerfreundlich?

Im internationalen Vergleich ja. Dennoch müssen wir aufpassen, dass die Rahmenbedingungen für KMU nicht restriktiver werden. Wenn das passiert, geschieht das vermutlich wegen der mangelnder Nähe zwischen der Politik und der Wirtschaft.

Ist das Unternehmertum nach wie vor eine Männerdomäne?

Es ist sich viel am Tun. Heute sehe ich viel mehr Frauen, die unternehmerisch tätig sind, was sehr erfrischend und positiv ist. Übrigens stelle ich auch fest, dass sich nicht nur die Geschlechterverteilung, sondern auch die Altersdurchmischung bei Unternehmern verändert hat.

Was können Schweizer Firmen besser machen?

Sie tun gut daran, offen zu bleiben und Trends möglichst zügig aufzunehmen. Das geht leichter, wenn wir auch die Chancen, nicht nur die Nachteile in der Digitalisierung sehen. Und es wäre gut, wir könnten uns etwas besser verkaufen: Das Schweizer Understatement kann in einem kompetitiven Markt ein Nachteil sein.

Gilt das auch für den SVC?

Auch wir sollten uns noch etwas besser an den Mann oder die Frau zu bringen und näher an Unternehmen herankommen. Ich freue mich darum darauf, unsere Plattform weiter in die Digitalisierung zu begleiten und uns in Politik und Gesellschaft bekannter zu machen.

Was stimmt Sie nachdenklich?

Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Die Schweiz hat seit dem 20. Jahrhundert keine grossen Krisen mehr durchstehen müssen. Das führt auch zu einer gewissen Genügsamkeit. So stelle ich fest, dass in der Gesellschaft teilweise der Hunger und die Motivation fehlt, sich wirtschaftlich und unternehmerisch voll einzubringen. Das ist das Ergebnis unseres Wohlstands, der teilweise zu Bequemlichkeit führt. Die Politik, die Unternehmen und der Staat haben eine gemeinsame Verantwortung, dass die Dynamik erhalten bleibt. Sonst wird uns unsere privilegierte Situation zum Verhängnis.