Dr. Andreas Schönenberger spricht im Interview über das Gesundheitswesen der Schweiz

Das Gesundheitswesen von morgen. Wie Apps und Roboter die Digitalisierung der Branche vorantreiben.

Das Thema Gesundheit ist so aktuell wie schon lange nicht mehr. Genauso die fort­schreitende Digitalisierung, die auch in dieser Branche Fahrt aufnimmt. Wie wird das Gesundheitswesen der Schweiz von morgen aussehen? Status quo, künftige Herausforderungen und neue Chancen aus der Perspektive einer Krankenversicherung.

Das Coronavirus hat das Thema Gesundheit in den gesellschaftlichen Fokus katapultiert. Bereits zuvor zeigte sich: Der Bevölkerung ist das Gesundheitsthema zunehmend wichtig. Gesunde Ernährung und Fitness gewinnen an Bedeutung.

Ein Unternehmen, das sich tagtäglich mit dem Thema Gesundheit auseinandersetzt, ist die Sanitas Gruppe. CEO Dr. Andreas Schönenberger spricht im Interview über die Veränderungen in der Branche und die Chancen einer Digitalisierung des Gesundheitswesens.

Herr Schönenberger, wie reagiert die Sanitas Gruppe auf die zunehmende Bedeutung des Gesundheitsbereichs?

Dr. Andreas Schönenberger*: Es ist erfreulich, dass sich die Bevölkerung vermehrt mit diesem Thema auseinandersetzt. Gesundheit steht heute in einem ganz anderen Licht, auch bei den Krankenversicherungen. Die Zuständigkeit der Krankenversicherung lag in der Vergangenheit einzig darin, Menschen im Krankheitsfall finanziell zu unterstützen. Heute verstehen Krankenversicherer ihre Aufgabe aber viel breiter, insbesondere angesichts der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung. Natürlich sind wir stets für unsere Versicherten da, wenn sie krank werden. Gleichzeitig wollen wir unsere Kunden aber auch darin unterstützen, ihre Gesundheit zu fördern. Die Vision von Sanitas ist es, ein ganzheitlicher Gesundheitspartner für die Menschen zu sein – von der Wiege bis zum Tod.

Wie setzen Sie diese Vision um?

Einerseits versuchen wir, den Menschen den Zugang zum Gesundheitswesen zu erleichtern, und das nicht nur im Zahlungsstrom. Andererseits möchten wir gesunden Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben. Dazu stellen wir diverse Produkte und Services – insbesondere auch digital – zur Verfügung. Sie sollen unsere Kunden im Alltag unterstützen und durch das Gesundheitswesen navigieren: in der Prävention, während einer Krankheit, nach der Genesung oder auch dauerhaft im Fall chronischer Erkrankungen.

Mithilfe von (digitalen) Angeboten wollen wir unsere Kunden im Alltag unterstützen, ihnen den Zugang zum Gesundheitswesen vereinfachen und Orientierungshilfe geben.

Dr. Andreas Schönenberger, CEO Sanitas Gruppe

Digitale Services haben jüngst infolge der COVID-19-Pandemie weltweit an Bedeutung gewonnen – sowohl privat als auch in der Geschäftswelt. Wie haben Sie die Situation bei Sanitas bewältigt?

Ich bin seit letztem Jahr in der operativen Leitung der Sanitas Gruppe und darf sagen, dass wir seither einiges verändert haben – das ist wohl meiner beruflichen Vergangenheit bei Google und Salt geschuldet (lacht). Unsere Kundschaft konnte schon vor der Corona-Krise auf digitalem Weg mit uns kommunizieren. Somit konnten wir die Beratung während der Krise problemlos aufrechterhalten.

Auch haben wir bereits vor der Pandemie Laptops für alle Mitarbeitenden und Applikationen für Videoanrufe oder eine vereinfachte digitale Zusammenarbeit eingeführt. Zusätzlich haben wir die klassischen Büros eliminiert und Flex Desks sowie Zonen für die kreative Zusammenarbeit eingerichtet. So waren die Mitarbeitenden im Umgang mit neuen Arbeitsformen bereits routiniert und für das Arbeiten im Homeffice bestens vorbereitet. Der operative Teil unseres Geschäfts lief praktisch gleich weiter – wir konnten zum Teil sogar liegen gebliebene Aufgaben erledigen.

Wie wichtig ist ein zuverlässiger Finanzpartner in einer solchen Krisenzeit?

Wir befanden und befinden uns noch immer in einem sehr dynamischen Wirtschaftsumfeld. Da ist es wichtig, einen kompetenten und vertrauensvollen Bankpartner zu haben – damit meine ich sowohl das Institut an sich als auch die Berater mit innovativen Lösungen, Expertise und Erfahrung. In dieser Hinsicht konnten wir in den vielen Jahren der Zusammenarbeit bis heute stets auf die Credit Suisse zählen.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Pandemie?

Die Pandemie hat gezeigt, dass unser Gesundheitswesen grundsätzlich gut funktioniert. Es muss auch in einer extremen Situation fähig sein, flexibel auf Bedürfnisse zu reagieren. Zudem sind digitale Dienstleistungen immer wichtiger geworden. Die Kontaktaufnahme über unsere Chat-Funktionen hat beispielsweise deutlich zugenommen.

In meinen Augen hat die Krise drei wichtige Dinge hervorgehoben: Erstens, die Bevölkerung ist sehr flexibel und kann sich in Extremsituationen schnell an neue Zustände und Möglichkeiten anpassen. Zweitens sind die Bevölkerung und die Leistungserbringer bereit, mit wichtigen Partnern wie der Krankenversicherung auch digital zu kommunizieren. Und drittens, Datenschutz und Cybersecurity sind infolge der rasanten Digitalisierung zentral. So können wir unseren Kunden dank ständiger Bemühungen jederzeit die maximale Sicherheit ihrer Daten garantieren.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Gesundheitsbereich weiterentwickeln?

Im Zusammenhang mit dieser Frage haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal den Sanitas Health Forecast publiziert. In diesem haben wir Herr und Frau Schweizer sowie rund 60 Experten befragt, wie die Gesundheit in ihren Augen in Zukunft aussehen könnte. Wir haben so eine Publikation auf den Markt gebracht, die alle Altersgruppen und alle Geschlechter anspricht und verschiedenste Ansichten und Einsichten zu diversen Gesundheitsthemen aufzeigt. Der Sanitas Health Forecast ist keine wissenschaftliche Arbeit, er soll aber zum Reflektieren anregen.

Und was sagen Sie als Experte?

Treiber der Entwicklungen im Gesundheitswesen dürften mit Sicherheit die fortschreitende Digitalisierung und die technischen Fortschritte in der Medizin sein. Themen sind dabei unter anderem die personalisierte Medizin sowie Roboter, Fernarbeit im Operationssaal und Fernüberwachung von Patienten. Weiter bin ich der Meinung, dass sich «Preventive Health» zu einem grossen Lifestyle entwickelt.

Services zur Selbstüberwachung und Selbstoptimierung dürften in Zukunft vermehrt genutzt werden. Zudem ist es wahrscheinlich, dass gesammelte Daten in naher Zukunft über eine integrierte Versorgung automatisch zum Beispiel vom Allgemeinmediziner an den Spezialisten weitergeleitet werden. So können die einzelnen Fachpersonen schneller und kostengünstiger eine umfassende Diagnose stellen, da sie alle Fakten kennen. Wichtig ist aber: Kunden müssen stets über die Datenhoheit verfügen und selber entscheiden können, welche Daten sie den verschiedenen Leistungserbringern zur Verfügung stellen möchten.

Das Gesundheitswesen der Schweiz ist sehr weit entwickelt, trägt aber hohe Kosten.

Dr. Andreas Schönenberger, CEO Sanitas Gruppe

Was muss sich aus Ihrer Sicht am Gesundheitswesen ändern?

Das Gesundheitswesen der Schweiz ist sehr weit entwickelt – aber teuer. Die Frage für die Zukunft ist also: Wie kann sich das Gesundheitswesen qualitativ weiterentwickeln, für alle einfach zugänglich sein und dennoch finanziell für die ganze Gesellschaft trag­bar bleiben?

Und gibt es hierfür eine Lösung?

Diverse. Eine davon könnte «Digital Mobile Medicine» sein. Heute gehen Menschen oft ins Notfallspital, ohne dass ein akuter Notfall vorliegt. Mit «Digital Mobile Medicine» könnten Patienten über eine App mit Experten in Kontakt treten, Fotos schicken und über Chat-Funktionen oder am Telefon den Gesundheitszustand besprechen. Ist eine Hospitalisierung notwendig, steht dem aber nichts im Wege, denn der Gang zum Arzt sollte niemandem verwehrt werden. Zudem wäre es möglich, Rezepte direkt an die Apotheke und Medikamente zum Patienten nach Hause zu schicken.

Weiter müsste die Anzahl der Spitäler reduziert und die Spezialmedizin überregional optimiert werden. Die Fehlanreize für die Leistungserbringer wären zu eliminieren sowie die Kostentransparenz und Eigenverantwortung zu erhöhen. Der ganze Prozess wäre höchst effizient und auch für die Kunden sehr komfortabel. Dazu braucht es aber noch einen grundsätzlichen Wandel in der Denkweise der Gesellschaft und in der Politik.

Inwiefern in der Politik?

In der Schweiz wird sehr viel reguliert. Grundsätzlich ist es aber so: Je mehr Regulation, desto weniger Wettbewerb gibt es. Mein Wunsch wäre, mehr Wettbewerb zuzulassen. Das würde zu mehr Innovation führen und bessere Preise generieren – natürlich innerhalb von Rahmenbedingungen.

Wo sehen Sie weitere Chancen?

Ganz klar in der Digitalisierung. Zentral ist das im Gesundheitswesen, insbesondere im Hinblick auf die Möglichkeiten im Bereich Diagnostik und Monitoring. Wir glauben daran, diese Themen und digitalen Angebote noch weiter vorantreiben zu können. So bieten wir bereits jetzt Services an, wie beispielsweise unsere Sanitas Active App oder den Sanitas Coach, mit denen sich Daten zu Blutdruck, Bewegungsabläufen und vielem mehr aufzeichnen lassen. Diese eigens gesammelten Daten können dann sowohl zur Prävention als auch zur Diagnose im Falle einer Erkrankung beitragen. Ich muss so nicht mehr zwingend zum Arzt oder ins Spital, um mehr über meinen Körper und meine Gesundheit zu erfahren – was zusätzlich die Kosten reduziert.

Und was passiert mit den Arztpraxen und Spitälern?

Es wird immer Spitäler brauchen, doch eine Systembereinigung auf dem Spitalmarkt wäre an der Zeit. In Dänemark zum Beispiel gibt es Zentrumsspitäler, die Spezialisten des ganzen Landes vereinen. So könnte man das Spitalsystem effizienter gestalten.

Ganz zum Schluss: Welche Ziele hat sich die Sanitas Gruppe gesetzt?

COVID-19 hat uns gezeigt, dass wir mit unserer Strategie, die wir bereits im letzten Jahr angegangen sind, richtig liegen. Unsere Bemühungen gelten deshalb verstärkt dem Ziel, die Qualität in der Gesundheitsbranche weiter zu steigern, die Kosten aber durch Effizienz im System verhältnismässig zu halten. Wir möchten den Kunden einen einfa­chen Zugang zum Gesundheitswesen verschaffen und ihnen ein zuverlässiger Gesund­heits­partner sein. Wir wollen komfortable, innovative und effiziente Lösungen bieten.

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