Andreas Gerber: «Die Schweizer Wirtschaft wird nach der Corona-Krise anders aussehen»

Andreas Gerber, Leiter KMU Schweiz bei der Credit Suisse, zieht eine erste Bilanz zu den COVID-19-Überbrückungskrediten des Bundes und erklärt, weshalb er grossen Respekt vor den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Schweiz hat. Ausserdem wagt er eine Prognose, wie sich die Schweizer Wirtschaft auch langfristig verändern wird.

Die Corona-Krise hat vielerorts das Leben auf den Kopf gestellt. Wie sieht Ihr Alltag in diesen Zeiten aus?

Mein Berufsalltag ist zwar immer recht hektisch, die letzten Wochen waren aber nochmals viel intensiver. Wir haben zu einem frühen Zeitpunkt gesehen, dass die Schweizer KMU in Liquiditätsengpässe kommen werden, und uns auf Stufe Bund für eine Lösung eingesetzt. Die Ausarbeitung und Umsetzung des Programms zusammen mit dem Bund und weiteren Banken erfolgte innert wenigen, sehr hektischen Tagen. Unterdessen kann ich mir wieder viel Zeit für unsere Kunden, aber auch für strategische Aufgaben nehmen. Unsere Kunden benötigen in diesen Tagen mehr denn je unsere Unterstützung, sei es für die Bewältigung ihrer aktuellen Situation oder um Zukunfts­perspektiven zu diskutieren. Zudem führe ich eine Organisation mit rund 500 Mitarbeitenden. Auch hier stellen sich aufgrund der Krise neue Herausforderungen.

Sie haben die Überbrückungskredite des Bundes erwähnt. Was ist Ihr bisheriges Fazit, zwei Monate nach der Lancierung?

Es war definitiv die richtige Entscheidung, ein Unterstützungspaket auf die Beine zu stellen, das die Schweizer Wirtschaft rasch und unkompliziert mit Liquidität versorgt. Rund ein Fünftel aller Unter­neh­men in der Schweiz hat bisher von einem Überbrückungskredit Gebrauch gemacht. Über die unmittelbare Sicherstellung von dringend benötigter Liquidität hinaus sehe ich das Programm auch als ein starkes Zeichen und Bekenntnis für das Unternehmertum in unse­rem Land. Der Lösungsansatz hat der Schweiz auch international viel Anerkennung gebracht.

Wofür wird die Liquidität in erster Linie eingesetzt?

Wir betonen in Kundengesprächen immer wieder, dass Liquidität für Unternehmen die Luft zum Atmen ist. In der aktuellen Krise geht es schlicht um die Aufrechterhaltung des opera­tiven Betriebs, sprich das Bedienen der laufenden Kosten (Kreditoren, Projekte usw.) von Kreditoren, die Finanzierung von Materialien und Dienstleistungen oder die Finanzierung laufender Projekte. Wir haben auch festgestellt, dass manch ein KMU Kredite beantragt, um sich für die nächsten Monate einen gewissen Puffer zu sichern. Im Rahmen einer sorgfältigen Liquiditätsplanung macht das für die Unternehmen durchaus Sinn.

Wie erleben Sie die Unternehmer in der Schweiz in der aktuellen Krise?

Ich habe grossen Respekt vor den Unternehmerinnen und Unternehmern in diesem Land. Während meiner bisherigen Laufbahn habe ich verschiedene Krisen miterlebt, die den Schweizer Wirtschaftsstandort forderten, zuletzt den Frankenschock und die Finanzkrise. Auch in der jetzigen Situation bin ich beeindruckt vom professionellen und agilen Umgang mit der ausserordentlichen Situation. Die Mehrheit der KMU stellt ihre Krisenfestigkeit unter Beweis sowie die Flexi­bilität, sich rasch der neuen Ausgangslage anzupassen. Das sagt viel über die Solidität unserer Wirtschaft aus.

Bereits vor der Krise war Digitalisierung in aller Munde. Nun erleben wir einen veritablen Digitalisierungsschub. Was raten Sie Unternehmern in dieser Hinsicht?

Es ist tatsächlich so, dass wir wohl gerade einen weiteren Schlüsselmoment in der Geschichte der Digitalisierung erleben. Für einmal ist dieser aber nicht primär durch technische Errungenschaften getrieben, sondern durch den Faktor Mensch: In den letzten Wochen haben selbst Personen, die bisher nur zögerlich digitale Kanäle nutzten, ihr Verhalten geändert – ob beim Bestellen von Lebensmitteln, der Nutzung von Videoanrufen oder dem kontaktlosen Bezahlen. Das führt zu neuen Ansprüchen bei Kunden und eröffnet neue Geschäftsopportunitäten. Ich empfehle jedem Unternehmer, eine Standortbestimmung vorzunehmen und sich zu fragen, inwiefern er das Geschäftsmodell seiner Firma mittelfristig auf die neue Realität ausrichten kann.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für die Schweizer Wirtschaft in den nächsten Monaten?

Eine Prognose ist extrem schwierig und auch unterschiedlich je nach Sektor und spezifischer Wettbewerbssituation. Ich bin der Auffassung, dass die kommenden Quartale für die Mehrheit der Firmen anspruchsvoll sein und viel Agilität verlangen werden. Sofern sich die Situation weltweit weiter beruhigt und normalisiert, können wir für das nächste Jahr in einigen Bereichen aber auch von einem Nachholeffekt und einem überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum ausgehen. Voraussichtlich braucht es Zeit, bis wir wirtschaftlich wieder auf Vor-COVID-19-Niveau sein werden.

Und mit welchen Veränderungen in der Wirtschaft rechnen Sie langfristig, auch wenn wir eines Tages das Virus mit einer Impfung oder einem Medikament im Griff haben werden?

Die Schweizer Wirtschaft wird nach der Corona-Krise anders aussehen. Derzeit entwickelt sich ein gänzlich neues Bewusstsein für Abhängigkeiten in unserer Wirtschaft und Gesell­schaft, inklusive der damit verbundenen Risiken. Dies wird für die Wirtschaft, die Politik und wohl auch für die Gesellschaft Auswirkungen mit sich bringen. Unternehmen dürften sich zum Beispiel fragen, ob es vielleicht nicht doch Sinn macht, gewisse Teile der Wertschöpfungskette wieder stärker unter die eigene Kontrolle und auch geografisch näher zur Schweiz zu bringen. Es werden sich neue Chancen bieten und neue Geschäftsmodelle entstehen. Ein positiver Lichtblick in diesen herausfordernden Zeiten!