Eingeschränkte Mobilität: Schweiz erlebt Wirtschaftseinbruch

Abnahme der Mobilität führt zu historischem Wirtschaftseinbruch 

Die Schweiz verzeichnete im ersten Halbjahr 2020 einen beispiellosen Wirtschaftseinbruch: Wegen der COVID-19-Pandemie gingen die Mobilität und der Konsum der Schweizer Bevölkerung stark zurück. Wo die Schweiz im internationalen Vergleich steht und wes­halb der Weg zurück zur Normalität noch lang ist. 

Historischer Wirtschaftseinbruch in der Schweiz

Im zweiten Quartal 2020 ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz in historisch beispiellosem Ausmass eingebrochen: Gegenüber dem ersten Quartal büsst es während des Lockdowns sagenhafte 8,2 Prozent ein. Das ist ein mehr als viermal so starker Einbruch wie während der Finanzkrise von 2008/2009. Einen solch enormen Wirtschaftseinbruch hat die Schweiz seit Beginn der Aufzeichnung der Quartalszahlen durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) im Jahr 1980 noch nie erlebt.

Eingeschränkte Mobilität ist Hauptgrund für Wirtschaftseinbruch

Der Stringency Index der Universität Oxford misst die staatlichen Eingriffe zur Eindämmung des Coronavirus. Die Gegenüberstellung des Indexes zur BIP-Veränderung zeigt derweil, dass eine hohe Korrelation zwischen der Strenge der ergriffenen Massnahmen und der Entwicklung des BIP besteht. Insbesondere die Abnahme der Mobilität von Konsumenten und Arbeitskräften war für den Einbruch des BIP im zweiten Quartal ausschlaggebend. Gemäss Berechnungen der Credit Suisse war während des Lockdowns rund ein Drittel aller Güter und Dienstleistungen für die Konsumenten nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht erhältlich bzw. zugänglich.

BIP-Einbruch ist auf Mobilitätseinschränkungen zurückzuführen

Einschränkungen haben einen direkten Einfluss auf das BIP 

Stringency Index der Universität Oxford und BIP-Veränderung
Quellen: Datastream, Credit Suisse

Schweizer Wirtschaftseinbruch weniger extrem als in anderen Ländern

Im Vergleich mit europäischen Ländern wie Italien, Frankreich oder Grossbritannien erlebte die Schweiz einen deutlich schwächeren Wirtschaftseinbruch. Laut Messungen von Apple war die Abnahme der Mobilität in der Schweiz vergleichbar mit derjenigen in Deutschland, aber wiederum deutlich geringer als in Italien, Spanien oder Frankreich. Ein Grund dafür liegt in der massvollen Ausgestaltung des Lockdowns. So waren zum Beispiel Baustellen oder Industriebetriebe nicht flächendeckend geschlossen.

Hinzu kamen die spürbare Wirkung bei der Eindämmung des Virus und die rasche sowie effiziente Umsetzung der Massnahmen zur Abfederung der negativen Folgen der Pandemie. So zeigten die Kurzarbeitsentschädigungen und COVID-19-Kredite unmittelbar nach der Ankündigung eine starke Wirkung. Der inländische Branchenmix mit einem hohen Wertschöpfungsanteil des Pharmasektors, der Chemie und weiterer Branchen, die nicht direkt von den Einschränkungen betroffen waren, kamen der Schweizer Wirtschaft ebenfalls zugute.

Geringerer Einbruch des BIP Schweiz als in anderen Ländern

Schweizer BIP-Einbruch im internationalen Vergleich 

Veränderungen des realen BIP gegenüber dem Vorquartal
Quellen: Datastream, Credit Suisse

Mobilität nimmt wieder schnell zu

Mit Aufhebung der meisten COVID-19-Massnahmen und einer als gering wahrgenommenen Ansteckungsgefahr hat sich die Mobilität hierzulande normalisiert. Im Vergleich zur Vorkrisenzeit ist sie sogar angestiegen. Mit der Zunahme der Mobilität geht eine unmittelbare Erholung der Wirtschaft einher. Der Schweizer Einkaufsmanagerindex (PMI) für den Dienstleistungssektor und dessen Pendant für die Industrie sind wieder über die Wachstumsschwelle geklettert. Auch die Detailhandelsumsätze lagen im Juli um fast 10 Prozent über dem Vorkrisenniveau.

Die Mobilität der Schweizer ist höher als vor der Krise

Mobilität der Schweizer nimmt rasch zu 

Mittelwert täglich zurückgelegte Distanz, 7-Tage-Durchschnitt

Quellen: INTERVISTA AG, Credit Suisse 

Starker Konsum wegen angehäufter Ersparnisse

Der aktuelle Erholungsschub des Konsums wird auch durch die hohen Ersparnisse von rund 8 Milliarden Schweizer Franken getragen, die ein Grossteil der Haushalte während des Lockdowns angehäuft hat. Es ist damit zu rechnen, dass rund zwei Drittel der Ersparnisse in den Folgemonaten wieder ausgegeben werden. Sinkende Preise und der Wunsch, Verpasstes nachzuholen, kurbeln den Konsum zusätzlich an.

Angespannte Arbeitsmarktlage schwächt Konsum

In naher Zukunft dürfte das Konsumverhalten der Schweizer Bevölkerung jedoch wieder an Schwung verlieren. Denn die Arbeitsmarktlage hat einen direkten Einfluss auf den privaten Konsum und ist durch die Pandemie angespannt.

Wirtschaftseinbruch dämpft Investitionen. Exportbranchen können aufatmen.

Das Investitionsklima dürfte angesichts der schwierigen Gewinnsituation der Unternehmen noch eine Weile verhalten bleiben. Dank der Erholung der Industriekonjunktur sollte jedoch zumindest die Nachfrage nach Investitionen in Ausrüstungen und Maschinen wieder etwas anziehen.

Die zyklischen Branchen, wie etwa die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) oder die Uhrenindustrie, haben mittlerweile die Talsohle im Export durchschritten. Der Weg zur Normalität ist im internationalen Handel aber besonders lang. Denn die Transportkapazitäten und die interkontinentale Mobilität bleiben wohl noch länger eingeschränkt.

Schweiz erholt sich nur langsam vom Wirtschaftseinbruch

In den auf den heimischen Konsum ausgerichteten Binnenbranchen verläuft die Erholung nach dem historischen Einbruch im ersten Halbjahr ziemlich schnell. Die weitere Konjunkturerholung dürfte wegen der Auswirkungen des Coronavirus auf den Arbeits¬markt alles in allem aber eher schleppend verlaufen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Erholung der Wirtschaft im nächsten Jahr kräftig genug sein wird, um das BIP der Schweiz vor dem Jahresende 2021 wieder auf das Vorkrisenniveau zu steigern.