Besser leben mit Bonviva «Muss man bei Ihnen die Hymne singen?»

«Muss man bei Ihnen die Hymne singen?»

Unter Martina Voss-Tecklenburg haben sich die Schweizer Fussballerinnen zum ersten Mal und souverän für eine Europameisterschaft qualifiziert. Anlass genug, die erfolgreiche Trainerin über den Ball, die Schweiz und die Welt zu befragen. Das Interview für «Aspekte» führten die U14-Spielerinnen des Grasshopper-Clubs in Zürich, moderiert vom Autor Richard Reich. 

Es wird schon dunkel, als Martina Voss-Tecklenburg eintrifft. Sie hat einen Medien-Marathon in den Beinen. Alle wollen von der Nationaltrainerin wissen, welche Erkenntnisse sie aus dem Trainingslager in Spanien gewonnen hat, was geplant ist bis zum Start der Fussball-Euro Mitte Juli in Holland und welche Chancen sich die Schweiz dort ausrechnen darf. Das grosse Interesse belegt die neue Wertschätzung für die Leistungen des Schweizer Nationalteams, seine renommierte Trainerin und den Frauenfussball im Allgemeinen. Hier, in den historischen Bärengasse Häusern beim Paradeplatz in Zürich, zu Gast beim Jungen Literaturlabor JULL, wird Martina Voss-Tecklenburg zum Abschluss des langen Tages aber nicht von Sportjournalisten von «Blick», «NZZ» oder «Aargauer Zeitung» interviewt – die Fragen stellen hier Agathe, Ajna, Aroa, Ayumi, Gaby, Leonita, Liv, Luana, Nisha, Michelle, Irina, Isabel, Sara 1, Sara 2, Siiri, Valentina, Wanda und Yade. Diese jungen Damen vertreten die Zukunft des Schweizer Frauenfussballs: Sie gehören mit den Jahrgängen 2003 bis 2005 zum Kader des U14-Eliteteams des Grasshopper-Clubs und haben natürlich auch spezielle Fragen: 

Trainieren mit der Schweizer Frauen Fussball Nationalmannschaft

Wir verlosen zwei Plätze für das Kids-Training mit der Schweizer Frauen Nationalmannschaft am 5. Juli 2017. Teilnehmen können Kinder zwischen 6 und 11 Jahren. Teilnahmeschluss: 2. Juni 2017.

* erforderliche Angaben

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Wie sind Sie zum Fussball gekommen?

Meine Mutter hat damals noch gesagt: «Fussball ist nichts für Mädchen!» Also musste ich heimlich mit den Nachbarjungs spielen. Erst als ich 15 war, hat mich ein Lehrer heimlich zu einem Probetraining mitgenommen. Drei Monate später haben wir mit Duisburg den Cup gewonnen. Und ein Jahr später machte ich mein erstes Länderspiel für Deutschland.

Welcher ist Ihr Lieblingsclub?

Das Schweizer Frauen-Nationalteam!

Für welchen Verein hätten Sie gerne gespielt?

1989 hatte ich ein Angebot vom SSC Neapel. Ich wäre Profi gewesen, die erste Fussballerin, die quasi vom Fussball hätte leben können. Aber da habe ich mir einen Kreuzbandriss zugezogen und musste aussetzen.

War das hart?

Ich bin fussballverrückt und da ist Zuschauen immer hart.

Hatten Sie nie Schulprobleme durch das viele Training?

Mein Physiklehrer sagte immer: «Martina, ich kenne dich ja nur noch aus der Zeitung – komm an die Tafel…» Das fand ich nicht so lustig. Ich musste oft nacharbeiten, um mit dem Nationalteam irgendwo hinfahren zu dürfen. Aber so wird man selbstständig.

Auf welcher Position haben Sie gespielt?

Fast immer rechts, weil ich keinen linken Fuss hatte – das hat mir damals niemand beigebracht. Wer von euch kann beidfüssig spielen? (Ein paar Hände gehen in die Höhe.) Na, wenn ihr mal ins Schweizer Nationalteam wollt, müsst ihr das aber lernen. Trainiert nicht nur eure Stärken, sondern auch eure Schwächen!

Wie lange sind Sie schon Trainerin?

Ich habe bis 35 gespielt, aber schon mit Anfang 20 nebenher Mädchen, Jungs und auch Männer trainiert. Mit 26 hatte ich die höchste Trainerlizenz. Nur war das damals im Frauenfussball noch kein Beruf. Also habe ich Abitur gemacht, Bürofachfrau gelernt und neben dem Fussball im Büro gearbeitet.

War es Ihr Traum, Nationaltrainerin zu werden?

Es ist eine grosse Ehre.

Wie war der Start in der Schweiz?

Arbeitsbeginn war im Februar und das erste Teamtreffen am «End der Welt» – so heisst die Adresse des Sportzentrums in Magglingen. Es lagen zirka drei Meter Schnee, und ich dachte: Wie soll man hier Fussball spielen?

Welche Aufgaben haben Sie als Nationaltrainerin?

Verschiedene. Zum Beispiel das Ausbildungscenter leiten. Da stehst du viermal die Woche mit den jüngsten Talenten auf dem Platz. Und dann natürlich die ganze Trainerausbildung!

Sind Sie streng?

Ich verlange von meinen Spielerinnen, dass sie nie zu lernen aufhören. Zum Beispiel Lara Dickenmann: Die hat alles im Fussball erreicht, will aber immer noch in jedem Training besser werden.

Ist es bei Ihnen Pflicht, die Nationalhymne zu singen?

Kein Zwang, aber bei uns singt sowieso jede mit.

Wie behalten Sie die vielen Nationalspielerinnen im Auge?

Weil die meisten in Deutschland spielen, schau ich mir oft Frauenbundesliga an – und kann auch noch meine Familie sehen. Nur Ramona Bachmann in Chelsea und Gaëlle Thalmann in Verona muss ich gezielt besuchen.

Was sagen Sie in der Garderobe vor dem Match?

Das ist geheim, aber so viel kann ich verraten: Wir haben immer ein Motto. Das entsteht oft aus dem Bauch heraus. Manchmal muss ich die Spielerinnen nochmals pushen, an andern Tagen eher Ruhe vermitteln.

Und in der Pause, wenn das Team im Rückstand ist?

Da geht es weniger um Motivation als um konkrete Umstellungen.

Was ist Ihr Ziel an der Euro 2017?

Österreich und Island schlagen, so wären wir im Viertelfinal, und dann…

Was macht eine erfolgreiche Spielerin aus?

Talent natürlich, aber auch individuelle Stärken. Und wisst ihr, was das Allerwichtigste ist? (Gespannte Stille.) Freude! Eine gute Spielerin liebt ihren Sport, treibt ihn mit Leidenschaft und geht dann fröhlich wieder nach Hause.

Geht es um Frauenfussball, kommt schnell der Vergleich mit den Männern. Ärgert Sie das?

Ich finde das normal, weil der Männerfussball ja extrem präsent ist auf der Welt. Mich ärgert’s nur, wenn Männer sagen, Frauenfussball könne man sich nicht anschauen. Reines Vorurteil.

Was ist der grösste Unterschied zwischen Frauen und Männerfussball?

Dass wir nicht so schnell laufen und nicht so hoch springen können. Sonst gibt’s keinen Unterschied – ausser dass Frauen Taktik schneller lernen als Männer.

Haben Sie einen konkreten Tipp, wie wir es weit bringen können?

Da müsste ich euch mal zuschauen kommen…

Kommen Sie ein Spiel von uns anschauen?

Gegenvorschlag: Ich leite mal ein Training!