«Der starke Franken bedeutet eine Fitnesskur für Schweizer Firmen»
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«Der starke Franken bedeutet eine Fitnesskur für Schweizer Firmen»

Schweizer Unternehmen klagen über den starken Schweizer Franken. Aus Investorensicht habe dieser aber Vorteile, sagt Burkhard Varnholt, CIO Schweiz der Credit Suisse. Welche unterschätzten Anlageklassen es gibt und wieso er alternative Anlagen wie Hedge-Fonds auch vorsichtigen Anlegern empfiehlt, verrät er im Interview.

Warum sollen Anleger in den Schweizer Markt investieren?

Burkhard Varnholt*: Der Schweizer Markt ist sowohl aus internationaler Sicht als auch für Schweizer Investoren empfehlenswert. Er bietet gewissermassen «die Welt im Kleinformat». Die Schweiz ist eine wettbewerbsfähige, offene Volkswirtschaft, die sich die globale Wirtschaft zunutze gemacht hat. Trotz vieler Schwierigkeiten für die Schweizer Exportwirtschaft hat gerade der starke Schweizer Franken dazu beigetragen.

Wie das?

Widrige Umstände machen stark. Der starke Franken ist einerseits eine grosse Herausforderung für die Unternehmen, andererseits bedeutet er langfristig eine «Fitnesskur» für die Firmen. Anleger können davon profitieren: Bei Nestlé investieren sie beispielsweise in einen globalen Marktführer. Doch nicht nur das: Für Schweizer Aktien spricht gleichzeitig eine relativ günstige Bewertung, verglichen mit amerikanischen oder europäischen Titeln, insbesondere bezüglich Kurs/Gewinn-Perspektiven.

Welche Entwicklung prognostizieren Sie für die Schweizer Wirtschaft?

Wir erleben derzeit einen starken globalen Konjunkturaufschwung. Der Internationale Währungsfonds IWF hat jüngst seine Prognose für das globale Wirtschaftswachstum für 2017 auf 3,5 Prozent und für 2018 auf 3,6 Prozent angehoben. Das zeigt: Die Weltwirtschaft feuert im Augenblick aus vielen Rohren. Auch in Europa herrscht eine grosse konjunkturelle Dynamik. Das ist wichtig für die Schweiz. Ich erlebe den derzeitigen Konjunkturzyklus als einen der stärksten, weil synchronsten, seit ich im Bankengeschäft tätig bin, also seit über 20 Jahren.

Kann die Schweizer Börse vollumfänglich von dieser wirtschaftlichen Entwicklung profitieren?

Das ist immer schwer zu sagen, da noch andere Faktoren die Börsenentwicklung beeinflussen. Im Moment ist die Schweiz einer unserer favorisierten Aktienmärkte, zusammen mit Europa. Das Land ist allerdings sehr stark mit Europa verbunden. Entsprechend wichtig ist, was dort geschieht, insbesondere bezüglich der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Eine Kursänderung ist derzeit nicht in Sicht. EZB-Präsident Mario Draghi stützt die Konjunktur nach wie vor mit Zentralbankgeldern, obwohl dies für Europa generell nicht mehr nötig wäre. Er ist befangen wegen der Misere in Italien. Dort finden 2018 Wahlen statt. Italien ist denn auch das nächste grosse Risiko für Europa.

Auf welche Schweizer Aktien sollen Anleger setzen, um von der derzeitigen Entwicklung zu profitieren?

Das Hauptprinzip einer erfolgreichen Anlagestrategie ist Diversifikation. Mein Herz schlägt für indexnahe Kernbausteine im Portfolio. Aber als Segment typischerweise vernachlässigt werden kleine und mittlere Unternehmen. Daneben ist es sehr stark eine Frage des persönlichen Stils, ob jemand beispielsweise auf Dividenden- oder Kapitalgewinn setzen will. Ich persönlich bevorzuge den Kapitalgewinn, dies insbesondere aus steuerlichen Gründen. Vielleicht bin ich auch noch zu «jung» für die Dividendenstrategie, denn gerade ältere Menschen ziehen oft den sicheren Ertrag der Dividende einem möglichen Kapitalgewinn vor.

Zwei Drittel der Immobilien-Hausse liegen meiner Einschätzung nach hinter uns.

CIO Schweiz der Credit Suisse Burkhard Varnholt

Welche Branchen sind derzeit besonders attraktiv?

Die Gesundheitsbranche ist ein Supertrend. Derzeit ist sie arg gebeutelt, hat aber viel Potenzial nach oben. Die Menschen werden immer älter, geben mehr für Gesundheit, aber auch Schönheit und einen entsprechenden Lebensstil aus. Deshalb wird der Gesundheitsbereich immer wichtiger. Investiert werden kann in Pharma-, Medtech- oder Biotech-Unternehmen. Natürlich ist aber auch hier die Diversifikation wichtig.

Gibt es Ihrer Ansicht nach Schweizer Geldanlagen, die derzeit zu günstig bewertet sind?

Vielleicht ist insbesondere der Finanzsektor zu nennen. Dieser hat viel Erholungspotenzial. Anders gesagt: Der Finanzsektor braucht nicht viel, um positiv zu überraschen.

Wie sieht es bezüglich des Immobiliensektors aus? Lohnt es sich weiterhin, dort zu investieren?

Zwei Drittel der Immobilien-Hausse liegen meiner Einschätzung nach hinter uns. Doch wenn die Zinsen noch länger tief bleiben, begünstigt dies den Sektor weiterhin. Gerade im Kontext der Diversifikation sind Immobilien eine gute Alternative. Sie funktionieren ähnlich wie Bonds, bieten aber mehr Fantasie und Perspektive.

Welche weiteren Alternativen zu Bonds empfehlen Sie konservativen Schweizer Anlegern?

Katastrophenanleihen, sogenannte CAT-Bonds, können eine Alternative sein. Ihr grosser Vorteil liegt darin, dass sie vollständig unkorreliert zu den Finanzmärkten funktionieren. Daneben sehe ich Möglichkeiten bei den alternativen Anlagen. Sie eignen sich ebenfalls, um das Portfolio zu diversifizieren. Denn auch sie sind nicht an Börsenzyklen gebunden.

Vor alternativen Anlagen wie Hedge-Fonds und Co. schrecken viele vorsichtige Anleger zurück. Dennoch empfehlen Sie diese explizit als Alternative zu Anleihen. Wie begründen Sie das?

Die Höhe des Risikos von alternativen Anlagen ist immer eine Frage der Überwachung respektive der Struktur, gerade bei Hedge-Fonds. Hier sind eine saubere Offenlegung und Transparenz sehr wichtig. Ich persönlich habe gute Erfahrungen mit alternativen Anlagen gemacht. Doch weil diese schwieriger einzuschätzen sind, investiere ich am liebsten mittels Mandat: Ich definiere die Strategie, und delegiere das Anlegen – aber an die Profis. Diese können das Risiko viel besser überwachen als ich selber.

20 Jahre im Geschäft haben mich gelehrt, dass Investieren mit ruhiger Hand am besten ist.

CIO Schweiz der Credit Suisse Burkhard Varnholt

Wo sehen Sie langfristig Chancen im Schweizer Anlagemarkt?

Für langfristige Investoren empfehle ich Private Equity. Diese Anlageklasse wird immer mehr zu einer üblichen Investition für Privatanleger. Allerdings wird sie hierzulande im Vergleich zum angelsächsischen Raum noch stiefmütterlich behandelt. Das mag damit zusammenhängen, dass noch viele Private-Equity-Manager aus dem angelsächsischen Raum stammen und die Informationen für Schweizer Anleger zu wenig verständlich sind. Diese Hürde könnte mit einem Mandat ebenfalls umgangen werden.

Viele Investoren bleiben am liebsten im Heimmarkt. Den kennen sie am besten. Wie wichtig ist es für Schweizer Anleger, global zu investieren statt nur in den Heimmarkt?

Das Argument «kenne ich am besten» ist ein grundsätzlicher Irrtum. Der Anleger weiss nur so viel wie auch die Börse. Unser aller Anlageuniversum ist der Weltmarkt. Er bietet die grösstmögliche Diversifikation. Und das ist der einzige wirkliche «Free Lunch», den es gibt. Eine globale Diversifikation ist die rationalste Anlagestrategie. Auch wenn die Emotionen häufig dagegen sprechen.

Welche Länder sind aus Schweizer Perspektive besonders attraktiv?

Das ändert sich natürlich mit dem Konjunktur- und Börsenzyklus, respektive der jeweils aktuellen Bewertung. Zu wenig vertreten sind bei vielen Anlegern die Schwellenländer. Das Wachstum der nächsten Jahre findet jedoch dort statt. Bezüglich Börsenkapitalisierung ist ihr Anteil noch sehr tief. Dabei tragen sie schon viel zum weltweiten Bruttosozialprodukt bei. Idealerweise müsste ihr Anteil im Portfolio deutlich grösser sein, als die meisten Privaten wagen. Oft sind nur 5 Prozent des Kapitals in die Emerging Markets investiert. Tendenziell wären aber 15–20 Prozent besser.

Da hindert wohl die Angst vor Marktvolatilität. Wie können sich Schweizer Anleger dagegen absichern?

Die beste Absicherung ist, wie schon zuvor erwähnt, die Diversifikation. Deutlich teurer fährt dagegen, wer sich absichern will, indem er auf die Marktstimmung reagiert. Das «Timing» lohnt sich häufig nicht. Ein Anleger mit langem Anlagehorizont fährt mit Geduld oft am besten.

Auf welche Strategie setzen Sie persönlich?

Ich setze voll und ganz auf ein ausgewogenes Vermögensverwaltungsmandat. Für meine Kinder habe ich in reine Aktienportfolios investiert.

Es erstaunt, dass Sie die Verwaltung Ihres Vermögens vollumfänglich abgeben. Dabei hätten Sie das Wissen, selber Anlageentscheide zu treffen.

Zwanzig Jahre im Geschäft haben mich gelehrt, dass Investieren mit ruhiger Hand am besten ist. Deswegen lohnt es sich auch, im Mandat den Vermögensverwaltern freie Hand zu lassen. Ganz nach dem Motto: Zu viele Köche verderben den Brei. Das Wichtigste ist eine klare Strategie. Diese kann bei Bedarf auch angepasst werden.