Der Fachkräftemangel in der Schweiz spitzt sich zu

Die Löhne steigen in der Schweiz derzeit so stark wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Grund dafür: Fachkräftemangel und steigende Inflation. Viele Firmen setzen auf eine Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen, um ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu wahren. Ein Überblick über den hiesigen Arbeitsmarkt und Prognosen für 2023.

Fachkräftemangel spitzt sich in der Schweiz zu

Emilie Gachet

Senior Economist - Policy & Thematic Economics

Der Schweizer Arbeitsmarkt kämpft mit Personalengpässen

Trotz der steigenden Konjunkturunsicherheiten hat sich der Schweizer Arbeitsmarkt im bisherigen Jahresverlauf äusserst robust gezeigt. Seit dem Frühling 2022 bewegt sich die saisonbereinigte Arbeitslosenquote im Bereich von 2,2 Prozent – dem tiefsten Wert seit 20 Jahren. Gleichzeitig erreichte die Zahl der offenen Stellen Rekordwerte. Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass die Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte für Unternehmen derzeit zur Herausforderung wird.

 

Der Personalmangel verteilt sich breit über alle Branchen. Insbesondere aber im Gesundheits- und Sozialwesen, bei Unternehmensdienstleistern und im Gastgewerbe, aber auch im Bau und in der Informationstechnologie (IT) wird der Mitarbeiterbestand vielerorts als zu tief bezeichnet.

Monitor Schweiz Q3 2022

Lesen Sie in unserer neuen Studie, wie sich der Schweizer Arbeitsmarkt und dementsprechend die Lohngestaltung der hiesigen Unternehmen entwickeln werden.

30/09/2022

Anreize für die Personalrekrutierung über den Lohn und ein attraktives Arbeitsumfeld

In einem von Inflation und Personalmangel getriebenen Marktumfeld ist es umso zentraler, die bestehenden Mitarbeitenden zu halten und neue, qualifizierte Fachkräfte dazuzugewinnen. Diese Anreizbildung gelingt einerseits über den Lohn sowie über ein attraktives Arbeitsumfeld.


1. Lohngestaltung

Die nominalen Löhne legen hierzulande nach über einem Jahrzehnt verhaltenen Wachstums wieder kräftiger zu. So stieg im ersten Halbjahr 2022 der Lohn bei unveränderter Tätigkeit im Vergleich zur Vorjahresperiode um schätzungsweise 2 Prozent.

 

Interessant dabei ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz ihren lohnpolitischen Verteilungsspielraum tendenziell nicht voll ausnützen. Das heisst, dass die Beschäftigten kurzfristig auf maximale Lohnsteigerungen verzichten, um das Risiko der Erwerbslosigkeit zu reduzieren, und damit zur Sicherung des langfristigen Wohlstands beitragen. Spannend ist aber auch, dass von den stellensuchenden Erwerbstätigen 2021 rund 30 Prozent einen zu tiefen Lohn als Hauptgrund für ihre Suche nannten.

2. Flexibilisierung der Arbeit

Um in dem von Fachkräftemangel geprägten Umfeld als Arbeitgeber interessant zu bleiben, können Unternehmen auch attraktivere Arbeitsbedingungen und Lohnnebenleistungen, sogenannte Fringe Benefits, nutzen. Eine Mehrheit von 69 Prozent der befragten Industriefirmen sowie 76 Prozent der Dienstleister setzen in jüngster Zeit auf flexible Arbeitsmodelle wie etwa Homeoffice-Möglichkeiten oder eine flexiblere Arbeitszeitenregelung. Die Erweiterung der Lohnnebenleistungen wie zum Beispiel das Angebot von Weiterbildungsmöglichkeiten wird demgegenüber seltener erwogen.

Monitor Schweiz Q3 2022

Studie zu den Entwicklungen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt..

30/09/2022

Prognosen zu den Lohnentwicklungen 2023

Die Lohnverhandlungen für das Jahr 2023 stehen in vielen Betrieben unmittelbar bevor. Die Gewerkschaften fordern aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage einerseits einen Teuerungsausgleich, der die Kaufkraft der Arbeitnehmenden sichern soll. Zum anderen verlangen sie zusätzliche Reallohnsteigerungen. Dabei übersteigen die geforderten Lohnerhöhungen der Gewerkschaften im Mittel die von den Unternehmen anvisierten Steigerungen.

 

Wie die Ergebnisse der Lohnrunde 2023 tatsächlich ausfallen werden, ist jedoch massgeblich von der wirtschaftlichen Lage und vom Ausblick zum Zeitpunkt der Verhandlungen im Schlussquartal 2022 abhängig. Diesbezüglich spielen die sich jüngst eintrübenden Konjunkturaussichten sowie die erwartete Wachstumsverlangsamung eine zentrale Rolle. Auch gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass der finanzielle Spielraum von Unternehmen ausschlaggebend für die Lohnerhöhungen sein wird. Konjunkturumfragen zeigen, dass sich die Ertragslage in wichtigen Branchen wie der Industrie, dem Bau oder dem Handel jüngst wieder abgeschwächt hat, was dem künftigen Lohnwachstum Grenzen setzen dürfte. Die Credit Suisse rechnet für das Jahr 2023 mit einem nominalen Lohnwachstum von 2,3 Prozent.

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