Philanthropie und Nachhaltige Anlagen Der Stiftungsmarkt im Taschenformat

Der Stiftungsmarkt im Taschenformat

Der Schweizer Stiftungsmarkt spielt in der Champions League: Mehr als 13'000 Stiftungen vereinen Vermögenswerte von über 70 Milliarden Franken, wovon jährlich zwischen 1,5 und 2 Milliarden Franken ausgeschüttet werden.

Grund genug für die Credit Suisse, gemeinsam mit dem Zentrum für Stiftungsrecht an der Universität Zürich und dem Center for Philanthropy Studies der Universität Basel einen praktischen Leitfaden für gemeinnützige Stiftungen zu publizieren. Professor Dominique Jakob, Co-Autor des Leitfadens, zum Stiftungsmarkt Schweiz. 

Yvonne Suter: Was sind die Besonderheiten des Schweizer Stiftungsmarktes

Professor Dominique Jakob: Der Schweizer Stiftungsmarkt besticht traditionell durch seine geringe Regelungsdichte und die Betonung von Privatautonomie und Stifterfreiheit, gepaart mit sicheren politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Dies hat zu einer beträchtlichen Zahl von über 13'000 gemeinnützigen Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von über 70 Milliarden Franken geführt. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das eine sehr hohe Stiftungsdichte, die ihresgleichen sucht und der Schweiz zu Recht die Bezeichnung «Stiftungsparadies» eingebracht hat. Auch privatnützige Stiftungen (vor allem Unternehmensstiftungen mit Nachlassplanungsfunktion) lassen sich in der Schweiz gut verwirklichen. Lediglich die reinen Familienstiftungen werden von den Gerichten, Steuerbehörden und letztlich auch vom Gesetzgeber weiterhin benachteiligt, so dass diesbezüglich heute meist auf ausländische Stiftungsmodelle ausgewichen wird.

Was gilt es bei einer Stiftungserrichtung zu beachten?

Gerade bei gemeinnützigen Stiftungen ist wichtig, dass der Stiftung auch ein ausreichendes Vermögen zugewendet wird, damit sie ihren Zweck langfristig und wirkungsvoll erfüllen kann. Andernfalls sollte überlegt werden, auf andere Stiftungs- oder Zuwendungsmodelle auszuweichen. Auch sollte der Stifter seine Gestaltungsverantwortung ernst nehmen und seiner Stiftung gewisse Leitlinien vorgeben, etwa im Hinblick auf die Zweckerfüllung, die Vermögensanlage und die Governance, wobei gleichzeitig Raum für Fortentwicklung durch die Stiftungsräte gelassen werden muss.

Welchen Einfluss hatte die Finanzkrise auf den Schweizer Stiftungsmarkt?

Viele Stiftungen haben Vermögen verloren und in der Folge auch keine ausreichenden Erträge mehr erwirtschaftet, mit welchen der Zweck erfüllt werden könnte – wie dies bei einem dauerhaft gewidmeten und grundsätzlich unantastbaren Stiftungsvermögen nötig ist. Dies hat viele Stiftungen zunächst zur Inaktivität verdammt, weswegen in den letzten Jahren verstärkt über Reaktivierung und Konsolidierung von Stiftungen nachgedacht wurde. In diesem Zuge haben neue Formen von Investitionen und Vermögensbewirtschaftung Einzug gehalten, um auch das Grundstockvermögen der Stiftung selbst – ohne es zu vergeben – bei der Zweckverwirklichung zum Einsatz zu bringen, etwa durch die Vergabe von Darlehen oder zweckgerichtete Investitionen. Zudem konnten einige Stiftungen «auf Verbrauch» des Grundstockvermögens umgestellt werden, andere Stiftungen wurden gleich als sogenannte «Verbrauchsstiftungen» gegründet.

Wie ist das Stiftungswesen in der Schweiz reguliert? Gibt es kantonale Besonderheiten/Unterschiede?

Das Stiftungsprivatrecht ist einheitlich im Schweizer Zivilgesetzbuch geregelt. Allerdings gibt es kantonale Aufsichtsbehörden für nur kantonal tätige Stiftungen sowie natürlich die kantonalen Steuerhoheiten bei der Frage der Steuerbefreiung wegen Gemeinnützigkeit. Selbstverständlich gibt es daher auch kantonal geprägte Unterschiede, liberalere und weniger liberale Behörden, so dass ein «Forum Shopping» durchaus möglich ist – man sich also denjenigen Standort für die Stiftung aussucht, an welchem die grösste Aufgeschlossenheit für das konkrete Projekt vermutet wird. Im Übrigen gibt es Unterschiede in Bezug auf die Stiftungsdichte (Spitzenreiter Basel-Stadt: 46 auf 10'000 Einwohner) und die Anzahl von Stiftungen (Spitzenreiter Zürich: 2300). In den Kantonen Genf und Tessin ist dafür ein besonders grosses Wachstum zu beobachten.

Mit gesamthaft 13'046 gemeinnützigen Stiftungen ist ein Höchststand im Schweizer Stiftungsmarkt erreicht. Steht dem Stiftungswesen jetzt eine Konsolidierungsphase bevor?

Ich denke ja. Zwar werden weiterhin viele Stiftungen gegründet werden, doch der Markt hat erkannt, dass Höchstzahlen «out» sind. Wir brauchen nicht Quantität, sondern Qualität. Vermehrt werden also Stiftungen fusioniert oder gar liquidiert, und viele zu kleine Stiftungen werden gar nicht mehr gegründet, sondern als unselbständige Stiftungen oder Zustiftungen anderen Trägern zugewandt.

Wie beurteilen Sie die Situation für Personen, die nicht in der Schweiz domiziliert sind, und eine Stiftung in der Schweiz errichten wollen?

Jeder ist willkommen, in der Schweiz eine Stiftung zu errichten – auch mit ausländischem Pass oder ausländischem Vermögen. Nicht umsonst gibt es derart viele Stiftungen in der Schweiz. Die Bedingungen hierzulande sind im Vergleich zu vielen Nachbarstaaten attraktiv und stabil zugleich. Vorsicht ist jedoch angebracht, wenn die Schweiz lediglich als Domizil gewählt wird, die Stiftungstätigkeit aber in anderen Ländern stattfinden soll. Insbesondere im Steuerrecht lauern hier Fallstricke, etwa bei der Anerkennung der Gemeinnützigkeit bei Fördertätigkeit (allein) im Ausland oder beim Abzug von grenzüberschreitenden Spenden und Zuwendungen.

Was sind die Trends/Herausforderungen im Stiftungsmarkt? Wo steht der Stiftungsmarkt in fünf bis zehn Jahren? Welche Rolle spielen Dachstiftungen dabei?

Das Stiftungswesen leidet zunehmend unter einem Legitimitäts- und Regulierungsproblem. Der internationale Regulierungs- und Durchleuchtungstrend hat es voll erfasst und das Grundvertrauen in die Rechtsform – zu Recht oder zu Unrecht – in Frage gestellt. Auch der Schweizer Gesetzgeber lässt sich hiervon beeindrucken, was Schweizer Stiftungen unter anderem durch die GAFI-Gesetzgebung zu spüren bekommen. Die grosse Herausforderung der nächsten Jahre wird darin liegen, diese widerstreitenden Werte in Einklang zu bringen und zu einem angemessenen Verhältnis von (Stifter-)Freiheit und Governance sowie Transparenz und Vertraulichkeit zu gelangen. Im Wettbewerb der Standorte wird diejenige Rechtsordnung reüssieren, der diese praktische Konkordanz am besten gelingt.

Nicht zu verwechseln ist dieses Thema mit derjenigen Transparenz, die aus dem Sektor selbst heraus kommt, etwa um die Datenlage des Gemeinnützigkeitssektors zu verbessern und die Möglichkeiten der Kooperation unter Stiftungen zu erhöhen.

Dachstiftungen werden vor allem einen Beitrag zur Konsolidierung des Sektors leisten: Wenn es Institutionen gibt, die kleinere Stiftungsprojekte verlässlich beherbergen und effektiv umsetzten, werden sich immer mehr Stiftungsinteressierte den Aufwand der Errichtung einer eigenen, selbständigen Stiftung sparen.

Ist Digitalisierung auch ein Thema bei Schweizer Stiftungen? Worin sehen Sie den Vorteil von digitalen Plattformen bei Stiftungen?

Digitalisierung ist eine Folge des eben genannten Bestrebens, Transparenz zu schaffen. Wenn es um das Sammeln von Daten und deren Aufbereitung geht, erfolgt dies zwangsläufig digital. Die entscheidenden Fragen lauten freilich: Wer erhebt die Daten, der Staat oder Private? Welche Daten werden erhoben? Und erfolgt dies zwingend oder freiwillig? Sollen die Glaubwürdigkeit und die Wirkung des Gemeinnützigkeitssektors erhöht werden, macht ein staatliches Stiftungsregister nur begrenzten Sinn. Zweckdienlicher wäre allenfalls ein Gemeinnützigkeitsregister, welches nicht nur Stiftungen, sondern alle gemeinnützigen Organisationen erfasst; dessen Daten könnten dann gleichsam als Gegenleistung zur Steuerbefreiung erhoben werden. Eine bessere Aufnahme im Stiftungssektor könnte freilich eine private, freiwillige Plattform finden, die schlicht dadurch besticht, dass sie gut und nützlich ist.
Sie haben zusammen mit Professor Georg von Schnurbein und Dr. Goran Studen einen Stiftungsleitfaden erstellt.

Weshalb braucht es gerade jetzt ein Leitfaden für Stiftungen? Für wen ist der Stiftungsleitfaden gedacht?

Der Leitfaden ist für alle gedacht, die sich mit Stiftungen beschäftigen oder beschäftigen wollen: seien es Stifter – vor allem im Planungs- und Gründungsstadium – oder deren Berater, die diesen Vorgang begleiten; seien es Stiftungsräte bei ihrer täglichen Arbeit in der Stiftungsverwaltung und der Zweckerfüllung; seien es öffentliche Stellen wie Steuer- und vor allem auch Aufsichtsbehörden, die aufgrund unserer volatilen Verhältnisse bisweilen ebenfalls einen Orientierungsmassstab suchen. Beim Stiftungswesen handelt es sich um eine komplexe Materie, die in vielen Bereichen in Veränderung begriffen ist. Wir hoffen daher, dass unser auf das Wesentliche konzentrierte Leitfaden eine verständliche Orientierung und Hilfestellung zu geben vermag. Vor allem aber haben wir versucht, stets die der Rechtslage zugrunde liegenden Wertungen zu vermitteln, damit jeder Benutzer individuelle Abwägungsentscheidungen treffen kann. Denn das ist das Schöne am Stiftungssektor: Er ist vielfältig und jede Stiftung einzigartig.

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