Antonio Gatti, Leiter Wealth Planning der Credit Suisse, und der Wirtschaftsautor Reto Schlatter im Gespräch über die Herausforderungen im Schweizer Vorsorgesystem.
Artikel

«Wir können mit der Vorsorge nicht warten»

Nicht nur die Politik, sondern auch jeder Einzelne ist nach dem Nein zur AHV-Reform gefordert. Die Unsicherheit rund um die eigene Altersvorsorge wächst. Doch es bieten sich durchaus Chancen. Welche das sind, erläutern im Gespräch Antonio Gatti, Leiter Wealth Planning Zürich der Credit Suisse, und der Wirtschaftsautor Reto Schlatter.

Schlatter: Das Volk hat im letzten Herbst Nein gesagt zur AHV-Reform. Damit haben wir bei der Reform der Altersvorsorge einen Stillstand erreicht.

Gatti: Vor der Abstimmung ist nach der Abstimmung. Damit will ich sagen: Für all jene, die sich langsam, aber sicher zur Pensionierung hinbewegen, wird das Thema Vorsorge jetzt noch wichtiger. Wir sind gesünder, wir sind aktiver im Alter, und wir leben länger. Und natürlich wollen wir das Alter auch geniessen, so lange und so gut wie möglich.

Schlatter: Schön und gut. Doch das alles hat seinen Preis. Die Kehrseite der Medaille ist eben die Tatsache, dass das Alter immer teurer wird.

Gatti: So ist es. Wir alle müssen uns bewusst werden, dass die heutigen Vorsorgesysteme in Zukunft nicht mehr leisten können. Das hat zwei Ursachen: Die anhaltende Tiefzinssituation auf den Finanzmärkten und die demografische Entwicklung. Wir sind deshalb gezwungen, selber mehr anzusparen.

Schlatter: Der Staat macht es uns Bürgerinnen und Bürgern nicht leicht. Er schafft es nicht, die Hausaufgaben zu machen, will heissen die Vorsorgesysteme AHV und 2. Säule zu reformieren. Die Konsequenz lautet: Wir müssen uns selber um eine angemessene Finanzierung im Alter kümmern.

Reto Schlatter über die Herausforderungen und Komplexität des Schweizer Vorsorgesystems

Reto Schlatter, Wirtschaftsautor

Gatti: Die Bedeutung der Selbstvorsorge steigt, da die Verlässlichkeit der staatlichen und der beruflichen Vorsorge abnimmt. Eigentlich wissen es alle Akteure: Das Reformpaket 2020 war zu umfassend, enthielt zu viele heikle Komponenten und bot zu viele Fragezeichen, weshalb es letzten Endes gescheitert ist. Jetzt geht es darum, kleinere Brötchen zu backen und die Reform schrittweise in Angriff zu nehmen.

Schlatter: Die Zeit drängt, insbesondere bei der AHV. Ohne Reform wachsen die Verluste der AHV von Jahr zu Jahr rapide an: Bis 2022 sind es einige hundert Millionen Franken pro Jahr, danach gehen die jährlichen Verluste in die Milliarden.

Gatti: Solche Szenarien darf sich die Schweiz nicht leisten. Das würde die Wirtschaft, ja die ganze Gesellschaft massiv treffen. Der Gesetzgeber ist enorm gefordert. Zum einen muss er dafür sorgen, dass die einzelnen Säulen wieder stabil finanziert sind. Zum anderen darf er die Flexibilisierung des Systems nicht preisgeben.

Schlatter: Erschwerend kommt die wachsende Überalterung unserer Gesellschaft hinzu. Die Zahl der Menschen über 65 Jahre steigt dramatisch, von heute 1,5 Millionen auf 2,7 Millionen bis zum Jahr 2045.

Gatti: Und gleichzeitig nimmt die Lebenserwartung kontinuierlich zu. Die heute 65-Jährigen leben noch durchschnittlich 20 Jahre. Dank Fortschritten in der Medizin steigt die Lebenserwartung aber alle zehn Jahre um weitere ein bis zwei Jahre. Sie liegt somit in absehbarer Zeit bei 90. Damit akzentuiert sich das Problem bei der AHV und den Pensionskassen noch zusätzlich.

Viele von uns sind etwas blauäugig, wenn es um die eigene Vorsorge geht.

Reto Schlatter, Wirtschaftsautor

Schlatter: Der Staat müsste ein Interesse daran haben, das private Vorsorgesparen attraktiver auszugestalten.

Gatti: Bei der 3. Säule, also der privaten Vorsorge, wäre das ganz einfach. Der jährliche Betrag, der sich von den Steuern abziehen lässt, liegt heute bei 6’768 Franken. Diesen Betrag könnte man zum Beispiel auf 10’000 Franken erhöhen. Das würde den Anreiz vergrössern, privat für das Alter etwas auf die Seite zu legen. Sinnvoll wäre auch, bei temporärem Arbeitsverzicht wie etwa Mutterschaft das Einzahlen auf das 3a-Konto zuzulassen, was heute nicht möglich ist.

Schlatter: Das Thema Vorsorge ist komplex. Viele Bürgerinnen und Bürger wissen nur wenig über das Wie, das Wann und das Wie viel. Erstaunlich ist etwa, dass in der Schweiz über 40 Prozent den Entscheidungsprozess für das private Alterssparen vorzeitig abbrechen. Das hat eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ergeben. Vermutlich sind viele von uns etwas blauäugig, wenn es um die eigene finanzielle Vorsorge im Alter geht.

Gatti: Der Grund dafür liegt wohl darin, dass die heutigen Pensionierten relativ sorglos in Rente gehen konnten. Diese Generation konnte sich auch vollumfänglich auf das Drei-Säulen-System verlassen. Damit ist es jetzt vorbei. Wenn die Babyboomer ins Rentenalter kommen, können sie sich nicht mehr auf dieses System verlassen. Konkret zeigt sich dies etwa am Verlauf des Umwandlungssatzes.

Schlatter: Noch vor ein paar Jahren lag der Umwandlungssatz bei 7 Prozent, jetzt sind wir oft bei rund 5 Prozent. Auf 100’000 Franken angespartes Kapital in der 2. Säule gibt es noch 5’000 statt 7’000 Franken pro Jahr. Auf die 2. Säule zu setzen, kann ebenfalls ins Auge gehen.

Gatti: Die Einbusse bei der 2. Säule ist dramatisch und kann nicht oft genug erwähnt werden. Denn die Babyboomer stützen sich, wenn sie in Rente gehen, vor allem auf die 2. Säule. Der tiefere Umwandlungssatz heisst für sie: 20 bis 25 Prozent weniger Rente.

Schlatter: Die logische Folge würde also lauten: Konsumverzicht ...

Gatti: ... was niemand wirklich will.

Schlatter: Was bleibt übrig?

Gatti: Die eigene verstärkte Selbstvorsorge. Das Motto muss lauten: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. In wirtschaftlich guten Jahren soll man Beiträge auf die Seite legen. Zum einen eben durch Einzahlen in die 3. Säule, aber auch durch freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse. Auch die kann man vom steuerbaren Einkommen abziehen. Und zuletzt bleibt die 4. Säule, das freie Wertschriften-Sparen. Mit Aktien gewinnt man zwar nicht jederzeit, aber über die Zeit.

Schlatter: An vier Säulen bei der Vorsorge zu denken, ist nicht zuletzt darum sinnvoll, weil die Sparkonten nichts mehr abwerfen. Die anhaltende Tiefzinssituation an den Kapitalmärkten schlägt voll durch auf die Bürgerinnen und Bürger. Umso wichtiger wird es für jeden von uns, sich Gedanken über einen persönlichen Vorsorgeplan zu machen.

Die ideale Entscheidung ist fast immer ein Mix aus Rente und Kapital.

Antonio Gatti, Leiter Wealth Planning Zürich der Credit Suisse

Gatti: Wer einen seriösen Vorsorgeplan aufsetzen will, dem sei gesagt: Je früher, desto besser. Spätestens beim Erreichen des 50. Lebensjahrs sollte man sich ernsthaft damit beschäftigen. Neu gibt es auch die Möglichkeit, sich ab einem Einkommen von über 126’900 Franken in sogenannten 1e-Pensionskassenplänen zu versichern. Je nach Anlagehorizont und -strategie kann man hier weniger oder mehr Risiko eingehen und über den gesamten Lebenszyklus auch mehr ansparen.

Schlatter: Der Vorsorgeplan ist das eine, die Pensionierung das andere. Den wichtigsten Geldentscheid des Lebens fällt man ja in der Regel nicht mit 50, sondern mit 65, wenn eben die Pensionierung beginnt. Die Frage lautet dann: Rente oder Kapitalbezug? Bei diesem Thema scheiden sich die Geister, es gibt eigentlich keine allgemeingültige Antwort darauf.

Gatti: In der Tat gibt es kein generelles «richtig oder falsch», sondern nur ein individuelles «richtig oder falsch». Zu sagen ist, dass die beiden Extreme – nur Rente bzw. nur Kapital – meistens nicht die beste Lösung sind. Die ideale Entscheidung für die allermeisten unserer Kunden liegt fast immer in einem Mix aus Rente und Kapital.

Antonio Gatti gibt Tipps und Ratschläge für eine vorausschauende Vorsorgeplanung.

Antonio Gatti, Leiter Wealth Planning Zürich der Credit Suisse

Schlatter: Nicht unwesentlich ist noch ein weiterer Aspekt bei der Pensionierung. Es lohnt sich nämlich, auch einen Blick auf die anfallenden Steuern zu werfen, wenn man sich einen Teil oder das ganze Vorsorgevermögen auszahlen lassen möchte. Je nach Wohnort fällt die Steuerrechnung ziemlich happig aus.

Gatti: Alle um den Kanton Zürich liegenden Kantone haben deutlich tiefere Steuersätze, wenn es um die Auszahlung der Vorsorgekapitalien geht. Die meisten haben sogar eine Flat Tax, sie verzichten also auf eine Progression. Im Gegensatz dazu hat der Kanton Zürich die steilste Progression und die höchsten Steuersätze beim Bezug von Vorsorgekapitalien.

Schlatter: Kommen wir noch einmal zurück zum Thema AHV. Nach der Diskussion der letzten Monate um rund 70 Franken mehr oder weniger Rente habe ich den Eindruck, dass wir Schweizer einer Frage systematisch ausweichen: Welches Rentenalter können und wollen wir uns in der Schweiz leisten? 18 Länder der OECD haben bereits ein Rentenalter von 67 oder 68 Jahren beschlossen oder eingeführt. Und dies, obwohl diese Länder – bis auf Spanien – eine tiefere Lebenserwartung haben als die Schweiz. In Deutschland gilt beispielsweise für 1964 Geborene das Rentenalter 67. Wir sind immer noch bei 65/64.

Gatti: Wir können mit der Vorsorge nicht warten, bis der Staat die nötigen Reformen durchgeführt hat. Seine Mittel sind beschränkt und die Vorhaben höchst anspruchsvoll, wie die letzte AHV-Abstimmung gezeigt hat. Die lange Zeitspanne zwischen einer AHV-Revision und der nächsten zeigt: Solche Reformen können für den Einzelnen auch zu spät kommen. Darum müssen wir die Vorsorge in die eigenen Hände nehmen und sie nicht allein dem Staat überlassen.