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Wie frei ist man bei der Erbeinsetzung?

Der letzte Wille eines Menschen hat in allen Kulturkreisen einen hohen Stellenwert und ist dementsprechend auch juristisch exakt geregelt. Gleichwohl gibt es gesetzliche Regelungen, die einen testamentarischen Spielraum zulassen. Es gibt daher zu Lebzeiten Möglichkeiten, die Erbfolge freier zu gestalten – ein Beispiel.

Die gesetzliche Erbregelung tritt automatisch in Kraft, wenn kein Testament vorliegt. Am Beispiel einer Familie mit drei Kindern, wovon eines aus erster Ehe der Ehefrau stammt, soll hier aufgezeigt werden, wie das Elternpaar die gesetzliche Regelung abändern kann, um den überlebenden Ehepartner bestmöglich abzusichern und alle drei Kinder gleich zu behandeln.

Gesetzlich Erbfolge

Wenn der Verstorbene keine letztwillige Verfügung getroffen hat, gelten als gesetzliche Erben: 

  • die Verwandten des Erblassers nach ihrem Verwandtschaftsgrad
  • der überlebende Ehegatte bzw. eingetragene Partner

In erster Linie erben die direkten Nachkommen des Erblassers, d. h. die Kinder. Der überlebende Ehepartner nimmt eine Sonderstellung ein. Ihm fällt die Hälfte des Erbes zu, wenn wie in unserem Beispiel Kinder vorhanden sind. Die andere Hälfte geht an die Kinder zu gleichen Teilen. Das Kind aus erster Ehe allerdings ist nur in den Erbfällen seiner leiblichen Eltern erbberechtigt. Im Todesfall der Mutter erhält es wie seine beiden Halbgeschwister 1/3 von jenen 50 %, die den Kindern zustehen. Ein adoptiertes Kind ist erbrechtlich den leiblichen Kindern gleichgestellt, ebenso ein anerkanntes uneheliches Kind. 

Nachlassregelung

Situation, wenn die Ehefrau zuerst stirbt

Die Abbildung zeigt die gesetzliche Regelung. Nicht berücksichtigt ist der Anspruch des Ehemannes aus Güterrecht.
Hinweis: Im späteren Erbfall des Ehemannes erben die beiden gemeinsamen Kinder je 1/2. Das Kind aus erster Ehe der Ehefrau ist nicht erbberechtigt.

Nachlassregelung

Situation, wenn der Ehemann zuerst stirbt

Die Abbildung zeigt die gesetzliche Regelung. Nicht berücksichtigt ist der Anspruch der Ehefrau aus Güterrecht.
Hinweis: Im späteren Erbfall der Ehefrau erben ihre drei Kinder je 1/3.

Testamentarischer Spielraum

Die gesetzliche Regelung, wonach die Kinder und der überlebende Ehepartner je 50 % des Erbes erhalten, gilt nur, wenn keine letztwillige Verfügung vorliegt. In einem Testament kann der Erblasser in einer festgelegten Bandbreite die Erbquoten selbst bestimmen. Konkret: Die Person, die das Testament verfasst, kann verfügen, dass sein Ehepartner statt 1/2 des Erbes minimal nur 1/4 davon erhält, oder dass die Kinder statt ihrer Hälfte minimal nur 3/4 davon bekommen. Die freie Quote beträgt in unserem Fall demnach 3/8 des Erbes, die der Erblasser nach eigenem Gutdünken einsetzen kann. So zum Beispiel, um dem Ehepartner eine grössere Erbquote zu verschaffen oder das Kind aus erster Ehe den leiblichen Kindern gleichzustellen.

Wer mit seinem letzten Willen auch die letzte Verantwortung für die Familie übernehmen will, ist gut beraten, Ehevertrag, Testament oder allenfalls Erbvertrag als Instrumente zu nutzen und aufeinander abzustimmen.