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Weltwirtschaft im Rückblick: Der Auftrieb vor dem Sinkflug

Fortgeschrittene Aktienmarktzyklen schaffen oft gute Renditen. Denn obwohl sich das Schwungrad der Weltwirtschaft verlangsamt und eine baldige Rezession andeutet, sprechen stichhaltige Gründe für Geduld mit Aktien. Ein Rück- und Ausblick.

Risikoprämien bei Aktien steigen vor einer Rezession

Ein interessantes Phänomen: Aktienmärkte weisen ein bis drei Jahre vor einer Rezession eine oft deutlich überdurchschnittliche Performance auf. Warum das so ist? Schwer zu sagen. Es gibt dafür viele Hypothesen. Vielleicht fordern effiziente Märkte ganz einfach steigende Risikoprämien, je näher eine Rezession kommt. Denn: Wenn tatsächlich die sprichwörtliche «Musik zu spielen aufhört», dann wird es oft eng auf dem Weg zum Ausgang.

Betrachten wir kurz die historischen Total Returns (Kursgewinne plus Dividendenrenditen) amerikanischer und schweizerischer Aktien vor Rezessionen. Wir sehen: Die späten Phasen einer Hausse zählen historisch zu den besten.

Performances verschiedener Anlagen vor Beginn eines Bärenmarktes

StaatsanleihensagenSchweiz Schweiz USA
12 Monate vorher + 2,1% + 3,9%
24 bis 12 Monate vorher + 2,9% + 6,3%
36 bis 24 Monate voher + 2,3% + 5,2%
Small and Mid Caps    
12 Monate vorher + 29,1% + 36,4%
24 bis 12 Monate vorher + 14,0% + 13,7%
36 bis 24 Monate vorher + 8,9% + 18,5%
Large Caps    
12 Monate vorher + 14,6% + 24,2%
24 bis 12 Monate vorher + 9,8% + 14,4%
36 bis 24 Monate vorher + 10,7% + 14,2%

Datenzeitraum: 1927 bis 2007

Quelle: NBER, Wells Fargo Investment Institute, Credit Suisse Financial Market Yearbook-Database

Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse.

Die Weltwirtschaft durchläuft vier Konjunkturphasen

Es ist erkennbar, dass es beinahe typische «Gewinner» der vier schematischen Konjunkturphasen «Breiter Aufschwung», «Verlangsamung», «Rezession» und «Erholung» gibt. 

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Die vier Konjunkturphasen der Weltwirtschaft

Die «Börsen-Uhr» zeigt wie Konjunktur und Börsen schematisch zusammenhängen
Quelle: Credit Suisse

In welcher Phase befinden wir uns derzeit? Wahrscheinlich stehen wir an der Schwelle von einem sehr starken Aufschwung hin zu einer Verlangsamung des Schwungrads der Weltwirtschaft. Das zeigen auch aktualisierte Wachstumsschätzungen für die nächsten fünf Jahre:

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Globales Wirtschaftswachstum – Rückblick und Ausblick

Quelle: Credit Suisse Capital Market Assumptions, November 2018 Update

Der Weltwirtschaft steht noch kein «Paradigmenwechsel» bevor

Die meisten Börsenblasen platzen, wenn Berichte über einen bevorstehenden «Paradigmenwechsel» die Runde machen. Ende der 1960er-Jahre suchten Anleger euphorisch nach Aktien mit qualitativ starkem Wachstum. Gleichzeitig gelang in den USA die erste Mondlandung und die US-Wirtschaft expandierte von 1959 bis 1968 durchschnittlich fast 4,9 Prozent pro Jahr. Doch am Ende dieser Periode waren die Bewertungen so hoch, dass Aktienrisikoprämien Anlegern keine nützliche Entschädigung mehr boten. Die Börse hatte eine spekulative Blase erzeugt, die sich von nicht einlösbaren Zukunftshoffnungen nährte – und schliesslich platzte.

Auch die Dot.Com-Euphorie endete im März 2000 – gerade, als sich die Medien mit Berichten über einen technologisch-gesellschaftlichen Paradigmenwechsel förmlich überschlugen. Doch lassen wir die Kirche im Dorf: Aktuell notieren Wachstumsaktien global bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 25x und Technologieaktien bei einem KGV von 15.8x. Die durchschnittlichen KGVs der meisten Schwellenländer, inklusive China, sind einstellig. Der Hang-Seng-Index beispielsweise notiert bei einem KGV von 9.8x. Der Eurostoxx 50 bezahlt ein KGV von 13.8x. Das ist nicht nur absolut, sondern besonders auch relativ, also im Vergleich zu den heute ungleich tieferen Zinsen als in den Jahren 2000 oder 1968, eine Bewertung, die mittelfristig Raum nach oben zulässt.

Eine Rezession erwarten wir frühestens Ende 2020.

Burkhard Varnholt

Aktienbaissen fallen häufig mit Rezessionen zusammen

Mit Ausnahme der Börsenkrise vom Oktober 1987 fielen bisher alle US-Bärenmärkte mit Rezessionen zusammen: Das war im November 1968 bis Mai 1970 der Fall, ebenso von Januar 1973 bis Oktober 1974, November 1980 bis August 1982, Juli 1989 bis Oktober 1990, März 2000 bis Oktober 2002 und von Oktober 2007 bis März 2009. Die Börsen-Baissen setzten im Durchschnitt acht Monate vor dem Beginn der Rezession ein.

Was die bereits beantwortete Frage in Erinnerung ruft, ab wann wir die nächste Rezession erwarten? Die Antwort lautet: In den nächsten Jahren erwarten wir in unserem mittleren Basisszenario in keinem der grossen Wirtschaftsräume – USA, China und Europa – eine Rezession. In unserem negativen Szenario wäre eine Rezession allenfalls ab Ende 2020, eher aber 2021, plausibel.