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Steigende Kapitalmarktrenditen schüren Angst vor Inflation

Signalisieren steigende Kapitalmarktrenditen ein Comeback der Inflation? An den Märkten wird derzeit intensiv diskutiert. Anleger zeigen sich beunruhigt. Wieso die Bewegung aber noch keine Inflationswende bedeutet.

Kapitalmarktrenditen steigen in den USA rekordschnell

Der jüngste Anstieg der Kapitalmarktrenditen ist vor allem in den USA sichtbar. Hier sind die Renditen auf 10-jährige Staatsanleihen in wenigen Tagen von circa 2,8 Prozent auf circa 3,2 Prozent angestiegen. Aber auch die 10-Jahres-Bundrenditen haben sich auf stattliche 0,5 Prozent steigern können. Die 10-jährigen Eidgenossen-Renditen schafften es auf knapp 0,1 Prozent. Folgende drei Faktoren sind dafür verantwortlich:

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Einflussfaktoren der Zinsbewegung 
 

Quelle: Credit Suisse

Zinsen und Inflation: erleben die Märkte ein Déjà-vu?

Während die Inflation in der Schweiz aktuell 1 Prozent und in der Eurozone sowie in den USA sogar um die 2 Prozent beträgt, liegt die inflationsadjustierte Rendite (TIPS) in den USA bei 1,07 Prozent – und damit auf dem höchsten Niveau seit 2011. Damals notierten die 10-jährigen US-Kapitalmarktrenditen bei 3,58 Prozent und die Inflation bei 2,5 Prozent. Gut möglich, dass die amerikanischen 10-Jahres-Renditen dieses Niveau erneut erreichen. Ein solcher Anstieg der US-Renditen hätte gewiss Einfluss auf die Kapitalmarktrenditen in der Schweiz und in der Eurozone sowie auf die Wechselkurse.

Dennoch: Die Angst vor einer strukturellen Inflationswende scheint übertrieben zu sein. Inflation entsteht primär dann, wenn der freie Wettbewerb nicht wirkt. Die jüngste Studie der Credit Suisse «Schweizer KMU: Erfolgreich im globalen Wettbewerb» dagegen macht deutlich, wie der internationale Wettbewerb in der Schweiz sogar binnenorientierte KMU erfasst und den Spielraum bei der Preissetzung eng begrenzt. Daher kann die aktuelle Inflationsentwicklung als zyklische und nicht als strukturelle Entwicklung interpretiert werden.

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Quelle: Haver Analytics, NBER, Credit Suisse
Historische Wertentwicklungen und Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse.

US-Sanktionen begünstigen Inflation

Überschätzt wird auch die inflationäre Wirkung von Sonderzöllen, wie sie die US-Regierung neuerdings auf Importwaren aus China im Wert von 250 Milliarden Dollar erhebt. Verglichen mit der amerikanischen Wirtschaftsleistung von 20’000 Milliarden Dollar ist ihr Einfluss geringer als beispielsweise der Effekt, den steigende Erdölpreise bewirken. Das könnte sich selbstverständlich ändern, falls tatsächlich ein wachsender Teil amerikanischer Unternehmen ihre Produktion wieder in die USA verlegen würden. Doch davon sind wir gegenwärtig noch weit entfernt. Bezogen auf die Inflation sind die US-Sanktionen gegen den Iran aktuell relevanter als der Handelskonflikt mit China.

Hohe Staatsschulden führen nicht zwingend zu höheren Kapitalmarktrenditen

Und welche Auswirkung haben die steigenden Staatsschulden? Die Annahme, dass die Verschuldung des Staates zu steigenden Kapitalmarktrenditen oder sogar zu einem Anstieg der Inflation führen werde, ist zwar intuitiv zunächst einleuchtend. Doch seit den 1980er-Jahren steigen die Staatschulden in Europa, in den USA und in Japan. Sie haben jedoch noch in keinem Land einen strukturellen Anstieg der Zinsen oder eine Inflation ausgelöst. Im Gegenteil: Seit dieser Zeit befinden sich Zinsen und Inflation in Europa, den USA und in Japan auf dem Rückzug.

Und was geschieht, wenn ausländische Gläubiger ihre US-Staatsanleihen verkaufen? Diese Sorge ist nicht neu. Doch auch sie wird nicht durch die Fakten gedeckt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres haben Ausländer US-Staatsanleihen im Wert von 267 Milliarden US-Dollar gekauft. Der gesamte von Ausländern gehaltene Bestand an amerikanischen Staatsanleihen, mehr als 6’200 Milliarden Dollar, ist seit den 1990er-Jahren nahezu ohne Unterbrechung gestiegen. Er dürfte im aktuellen Handelskonflikt kaum als Waffe zur Verfügung stehen.

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Ausländische Gläubiger halten hohe Bestände in US-Staatsanleihen 
 

Kapitalmarktrenditen steigen parallel zu wachsenden Realzinsen

Kurzum: Der jüngste Anstieg der Kapitalmarktrenditen scheint primär von steigenden Realzinsen und weniger von einer strukturellen Inflationswende getrieben zu sein. Die vergleichsweise tiefen Renditen in Europa und Japan wirken dabei wie ein Regulativ, das im Fall des «Überschiessens» der US-Renditen automatisch dazu beitragen würde, diese Entwicklung nach unten zu korrigieren. Allein für eine Normalisierung der realen Kapitalmarktrenditen auf höherem Niveau spricht, dass sich die Realzinsen, insbesondere in Europa und in Japan, gegenwärtig auf dem tiefsten Niveau seit circa 70 Jahren befinden.