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Staatsschulden sind kein Problem – bis sie eines werden

In einem detaillierten Bericht bemängelt der IWF, dass Staatsschulden auf der ganzen Welt zu wenig reduziert werden oder gar steigen. Erfahren Sie, wann Schulden einen Staat in Schwierigkeit bringen können und was die gegenwärtige Situation für Anleger bedeutet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sowie das Congressional Budget Office (CBO), das dem amerikanischen Kongress unterstellt ist, haben kürzlich deutliche Warnungen über das globale Schuldenwachstum der letzten zehn Jahre publiziert.

Beide Berichte räumen ein, dass Staatsschulden in eigener Währung theoretisch kein Problem sind. Bis sie in der Praxis zu einem werden. Denn ein Staat kann theoretisch immer genügend Geld drucken, um seine Heimwährungsschulden zu begleichen. Eine solche Monetisierung von Schulden kann als Ultima Ratio erfolgen, falls die Zinsen stark steigen oder die politische Bereitschaft, diese Schulden zu bedienen, schwinden sollte. Beides ist aktuell nicht absehbar.

Länder mit relativ hohen Staatsschulden wie die USA können ab einem gewissen Schwellenwert in eine Negativspirale geraten.

Burkhard Varnholt, CIO Credit Suisse (Schweiz) AG

Der umfassende Bericht des IWF kritisiert, dass Staatschulden weltweit in zu geringem Umfang reduziert werden und in den USA und China sogar steigen. Und das, obwohl die aktuelle Konjunkturstärke ideal dazu geeignet ist, Schuldenabbau zu betreiben.

Wie Schulden für einen Staat zum Problem werden können

Die Möglichkeiten und Grenzen von Schulden und Fiskalpolitik hat schon Keynes diskutiert. Je nach Umständen kann eine schuldenfinanzierte Fiskalpolitik durchaus eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen – aber eben auch verhindern. Auf die richtige Balance kommt es an.

China mit seinen relativ tiefen Schulden kann durch nachhaltige Investitionen beispielsweise in Umwelt, Bildung und Mobilität entsprechende Wachstumsimpulse setzen. Länder mit relativ hohen Schulden wie Japan, die USA oder Italien können ab einem gewissen Schwellenwert in eine Negativspirale aus Schuldzinsen, Defiziten und Zwangsausterität geraten, die selbst wichtige nachhaltige Investitionen unterbinden kann. Wenn dieser Schwellenwert erreicht ist, dann werden Schulden zum Problem. Doch Länder, die diese Balance meistern, dürfen sich zu den stillen Siegern zählen. Gewiss zählt die Schweiz zu dieser Gruppe der stillen Sieger.

Schweizer Staatsschulden: tatsächlich im grünen Bereich?

Eine wichtige Präzisierung ergänzt der IWF allerdings noch, indem er zu den expliziten Staatsschulden die impliziten Verpflichtungen aus Renten- und Gesundheitswesen addiert. Diese sind aktuell in vielen Staatsrechnungen schlecht ersichtlich, für eine faire Beurteilung der Schuldendynamik eines Landes aber wichtig. Nachstehend ein Überblick ausgewählter Länder:

effektive-staatsschulden-unter-berücksichtigung-impliziter-verpflichtungen

Effektive Staatsschulden unter Berücksichtigung impliziter Verpflichtungen

Schuldenstandsquote (Schuldenstand im Verhältnis zum BIP)
Quelle: Internationaler Währungsfonds

Ein unbequemes Detail: Besonders die Schweizer Staatsschulden steigen bei der Berücksichtigung impliziter Verpflichtungen. Die expliziten Staatsschulden machen in der Schweiz nur 43 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Doch zusätzliche staatliche Verpflichtungen aus Renten- und Gesundheitswesen erhöhen dies um weitere 122 Prozent.

Was bedeutet das für Anleger?

  1. Die Bedienung der erwähnten Schulden wird wohl weniger in den nächsten zwei bis drei als den nächsten zehn bis 20 Jahren Anlass zu Zielkonflikten geben. Denn in den letzten Jahren fielen die Zinsen schneller als die Schulden wuchsen. Mit dem bereits erwähnten Ergebnis, dass der Schuldendienst vielerorts tiefer ist, als es die wachsenden Schuldenniveaus suggerieren.
  2. Es ist unwahrscheinlich, dass sich entwickelte Volkswirtschaften ihrer Schulden durch Inflation entledigen werden. Dafür haben sie einfach zu viel zu verlieren. Im Gegenteil: Wahrscheinlicher ist es, dass der langfristige Zinsdruck anhält, vielleicht nach japanischem Muster. Mehr fiskalische Repression, beispielsweise die Anhebung von Steuern, mehr Umverteilung und mehr Abgaben scheint die mittelfristig plausiblere Perspektive.
  3. Ein diversifiziertes Portfolio, tendenziell mit hoher Aktienquote, könnte sich als geeignete Massnahme bei einer absehbaren finanziellen Repression erweisen.