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Schweizer Wintersportorte und Bergbahnen hoffen auf viel Schnee

Schweizer Wintersportorte kämpfen mit der Frankenstärke, dem Klimawandel und Konkurrenzangeboten. Auch wenn sich die konjunkturellen Bedingungen momentan klar aufhellen, bleiben langfristige Herausforderungen bestehen.

Galt der Wintersport einst als Perle des Schweizer Tourismus, so ist er heute dessen Sorgenkind. Die Zahl der Skifahrertage – eine Masseinheit der Wintersportler-Frequenz in den Skigebieten – brach zwischen der Wintersaison 2007/08 und 2016/17 um 26 Prozent ein (vgl. Abbildung weiter unten). Zwar konnte die Talfahrt in der letzten Saison gebremst werden und die Umsätze stagnierten dank gestiegener Preise. Angesichts des dramatischen langfristigen Rückgangs reichte diese Stabilisierung aber bei Weitem nicht, um die finanzielle Gesundheit der Bergbahnen markant zu verbessern.

In den letzten Wintersaisons generierte nicht einmal die Hälfte der Betriebe genügend Erträge, um die Infrastruktur langfristig aus eigener Kraft finanzieren zu können. So häuften sich in letzter Zeit die Meldungen von Bergbahnsanierungen, die meist vom lokalen Gewerbe, von der öffentlichen Hand oder von Mäzenen mitgetragen wurden. Das beherzte Eingreifen dieser Akteure ist wenig überraschend, denn in den meisten klassischen Skigebieten ist der Tourismus ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor. Fehlen die Bahnen, fehlt dem Tourismus eine wichtige Existenzbasis. Und verschwindet der Tourismus, sterben die Täler aus.

Alpenraum ist stark vom Tourismus abhängig

Anteil Vollzeitstellen in den Branchen Gastgewerbe, Sportdienstleistungen und Bergbahnen an Gesamtbeschäftigung von Tourismusgemeinden im Alpenraum, 2015
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse, Geostat

Starker Franken ist einmal mehr der Hauptschuldige

Einer der Hauptschuldigen für diese Misere ist der EUR/CHF-Wechselkurs: In einem international ohnehin stagnierenden Markt kamen die wiederholten Frankenaufwertungen der letzten Jahre denkbar ungelegen. Zwischen 2008 und 2017 brach die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus den europäischen Skifahrernationen in den Tourismusdestinationen in Graubünden, im Wallis und im Berner Oberland um rund die Hälfte ein.

Die Zahl der Übernachtungen von Schweizer Gästen blieb zwar stabil, was aber bei genauerer Betrachtung keinen Leistungsausweis darstellt. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Schweizer Logiernächte im Tirol und in Vorarlberg nämlich um 50 Prozent. Die hiesigen Wintersportorte verloren also wegen des starken Frankens auch bei den einheimischen Gästen klar an Marktanteilen.

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Frankenstärke traf Branche hart

Logiernächte und Wechselkurse Wintersaison, Skifahrertage; Index, Wintersaison 2008/2009 = 100
Quelle: Seilbahnen Schweiz, Bundesamt für Statistik, SNB, Statistik Austria, Credit Suisse

Klimawandel fordert Tribut

Hinzu kommt die Herausforderung Klimawandel. In den letzten drei Jahren lag in den Skigebieten über Weihnachten kaum Naturschnee. Bis zu einem gewissen Grad handelte es sich dabei um Wetterpech. Es ist daher durchaus möglich, dass die kommenden Winter wieder etwas bessere Witterungsbedingungen mit sich bringen. Eine aktuelle Simulationsstudie des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) geht jedoch davon aus, dass sich langfristig die schneearmen Jahre deutlich häufen werden. Basierend auf den Szenarien dieser Studie schätzen wir, dass bereits 2035 nur noch eine Minderheit der Skigebiete natürlich schneesicher sein könnte.

Da sich die grossen Skigebiete tendenziell in höheren Lagen befinden, sieht die Situation unter Berücksichtigung der Pistenkilometer mittelfristig weniger dramatisch aus. Langfristig dürften aber auch viele grössere Destinationen an Schneesicherheit einbüssen. Technisch ist es zwar durchaus möglich, einen Teil der Schneesicherheit durch künstliche Beschneiung zu garantieren. Diese bedingt aber erhebliche Investitionen und geht mit hohen Betriebskosten einher, was sich weiter negativ auf die finanzielle Situation der Bergbahnen auswirkt.

Weil Schweizer Skigebiete im Schnitt höher liegen als insbesondere die österreichische Konkurrenz, könnte sich ihre internationale Wettbewerbsposition durch den Klimawandel unter Umständen und paradoxerweise verbessern. Ob dies die insgesamt negativen Auswirkungen der Erderwärmung zu kompensieren vermag, ist jedoch fraglich.

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Klimawandel bedroht Schneesicherheit

Anteil Schweizer Skigebiete nach Ausprägung der Schneesicherheit; Referenzpunkt: Mittelwert der Höhe über Meer von Tal- und Bergstation
Quelle: Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), Bergfex, Credit Suisse

Wintersportorte profitieren zu wenig vom Sommertourismus

Während die Transporterträge der Bergbahnen und die Winterlogiernächte zurückgingen, nahmen die Bergbahnumsätze im Sommer deutlich zu. Hiervon haben aber in erster Linie die international bekannten Ausflugsbahnen auf Jungfraujoch, Pilatus, Titlis oder die Rigi profitiert. Im Wallis und in Graubünden finden sich nur wenige solche Ausflugsdestinationen, weshalb der Sommeranteil an den Transportumsätzen hier immer noch magere 20 Prozent bzw. 8 Prozent beträgt, während die Logiernächte in den letzten zehn Jahren hier selbst im Sommer abnahmen.

Der Sommertourismus konnte den Rückgang im Wintersport in den meisten Fällen also nicht annährend ausgleichen. Gleiches gilt in Bezug auf das ansonsten stark wachsende asiatische Gästesegment. So konnten das Berner Oberland und die Zentralschweiz einen Teil der weggebrochenen europäischen Winterlogiernächte selbst in der kalten Saison durch Gäste aus Asien ersetzen. Dem Wallis und Graubünden gelang dies jedoch nicht. Dies liegt in erster Linie daran, dass asiatische Gäste in der Schweiz bis heute fast ausschliesslich die Ausflugsbergbahnen nutzen, kaum aber die Infrastruktur der Skigebiete.

Trotzdem werden auch klassische Wintersportgebiete nicht umhinkommen, künftig vermehrt Angebote im Sommer und für Gäste aus Schwellenländern zu entwickeln. Vielerorts dürfte dies aber auf absehbare Zeit nicht reichen, um den Verlust der europäischen Wintersportler zu kompensieren.

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Sommer und asiatische Gäste kompensieren nicht

Logiernächte; Veränderungsbeitrag pro Segment (Herkunft/Saison) in Tourismusgemeinden der jeweiligen Regionen; Wintersaison: 2007/08 – 2016/17; Sommersaison: 2008 – 2017; Basis: Anzahl Logiernächte Wintersaison 2007/08
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse

Bergbahnen müssen Wintersportler zurückgewinnen

Um den Einbruch der letzten zehn Jahre wieder auszugleichen, müssten daher zwingend europäische und Schweizer Wintersportler zurückgewonnen werden. Momentan hilft diesbezüglich die endlich wieder anziehende europäische Konjunktur. Langfristig wird das europäische und Schweizer Marktpotenzial aber aus demografischen Gründen im besten Fall stagnieren. Eine Rückeroberung von verlorenen Markteinteilen ist daher zwingende Bedingung für eine Erholung. Dafür müssen die hiesigen Skigebiete entweder preislich oder angebotsseitig attraktiver werden.

Letzteres würde vielerorts erhebliche Investitionen nicht nur in Bahnen, sondern auch in die Beherbergung und alternative Freizeitangebote bedingen, was angesichts der oft schwierigen Finanzlage für viele Destinationen wohl nur mit Mühe zu bewerkstelligen sein dürfte. Alternativ muss die preisliche Attraktivität wieder verbessert werden, was teilweise bereits geschehen ist: Während zum Beispiel die Preise in österreichischen Hotels in den letzten Jahren kontinuierlich anstiegen, sanken sie in Schweizer Gaststätten leicht.

Bleibt bezüglich der preislichen Wettbewerbsfähigkeit noch die Hoffnung, dass der Franken gegenüber dem Euro dem Trend der letzten Monate folgt und weiter abwertet. Dies liegt durchaus im Bereich des Möglichen: Wir gehen für das nächste Jahr von einer weiteren leichten Abwertung des Frankens aus. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass sich der Wechselkurs wieder auf das Niveau der 2000er-Jahre zurückbewegt. Die Schweiz wird auch künftig eine eher teure Feriendestination bleiben.

Euro-Franken-Kurs und früher Schnee wecken Hoffnung

Der konjunkturelle Aufschwung in Europa und ein schwächerer Franken werden – vor allem in Kombination mit einer etwaigen Verbesserung der Schneeverhältnisse – dafür sorgen, dass die Wintersaison 2017/18 besser ausfällt als in den Vorjahren. Mittel- bis langfristig bleibt die Lage aber herausfordernd.

In anderen Branchen würde nach einem massiven zehnjährigen Nachfrageeinbruch ein heftiger Strukturwandel einsetzen, der die Kapazitäten bereinigt, woraus die überlebenden Anbieter letztlich gestärkt hervorgingen. Wie vorstehend erläutert, sind Bergbahnen für Wintersportorte aber oft «too big too fail».

Die öffentliche Hand, das lokale Gewerbe, Ferienwohnungsbesitzer und Mäzene werden daher auch in den nächsten Jahren stützend eingreifen. Solche Eingriffe mögen Wintersportdestinationen zwar vorübergehend retten und aus lokaler Perspektive unausweichlich sein, sie verzögern aber ein nachhaltiges Gesunden der Gesamtbranche.