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Schweizer Altersvorsorge: Konstant ist nur die Veränderung

Was vor rund 150 Jahren noch Soldaten und Beamten vorbehalten war, gibt es heute für alle: eine geregelte Altersvorsorge. Bis es so weit war, wurde um das Schweizer Drei-Säulen-System mit harten Bandagen gekämpft. 1985 wurde es endlich gesetzlich verankert. Happy End? – Nein, ohne tiefgreifende Veränderungen droht bereits eine neue Altersarmut. Die Geschichte wird weitergeschrieben.

Menschen auf der ganzen Welt werden immer älter; die Schweiz zählt zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. Die Lebensphase des Pensionsalters zieht sich dadurch immer mehr in die Länge. Die Dauer unserer aktiven Arbeitszeit hingegen bleibt konstant. Hinzu kommt, dass nicht genügend junge Leute geboren werden, die zahlenmässig die Lücke füllen könnten, die durch die Pensionierung der Babyboomer-Generation entsteht. Die Rechnung ist einfach: Finanziell geht das nicht auf.

Altersvorsorge: eine Geschichte der Veränderung

Dass es bei der Altersvorsorge grundlegender Reformen bedarf, ist unbestritten. Doch schon hier endet die Einigkeit zwischen den unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Die Diskussionen um die Altersvorsorge werden hitzig geführt und oftmals entsteht der Eindruck, es gelte eine historische Institution zu verteidigen. Das Schweizer Drei-Säulen-System existiert indes erst seit den 1980er-Jahren in ungefähr der Form, wie wir es heute kennen. Wer die Geschichte der Altersvorsorge genauer betrachtet, stellt fest: Es ist eine Geschichte des stetigen Wandels, an dessen Fortsetzung bereits geschrieben wird. Das Verständnis dafür, wie sich unser System der Altersvorsorge entwickelte, hilft möglicherweise beim Fällen von Entscheidungen in der Zukunft.

Die Entstehung der Altersvorsorge in der Schweiz

Der neue Lebensabschnitt des Pensionsalters

Die Gliederung des Lebens in drei Phasen – Ausbildung, Arbeit, Alter – bildete sich im Laufe des 19. Jahrhunderts heraus. Auslöser waren die steigende Lebenserwartung sowie die Verbreitung der bezahlten Lohnarbeit infolge der Industrialisierung. Dadurch entstanden neben der Arbeitszeit erstmals «Freizeit» sowie die nachberufliche Phase der Pensionierung.

Davor war das Leben in zwei Abschnitte gegliedert, die allerdings fliessend ineinander übergingen: Ausbildung und Arbeit. Die Phase der Arbeit begann meist schon im Kindesalter und zog sich bis ins hohe Alter, so lange, wie es die Kräfte zuliessen. (Wobei noch um 1880 nur gut 50 Prozent der 20-jährigen Männer ein Alter von 60 überhaupt erreichten.) Das galt für die ländliche, bäuerlich geprägte Bevölkerung ebenso wie für die Städte, wo vor allem das Handwerk dominierte.

Für die Mehrheit der Arbeitnehmer wurde der neue Lebensabschnitt des Pensionsalters indessen erst ab der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg zur Realität.

Pfrundanstalt in Zürich

Bereits im Mittelalter bestand für Wohlhabende die Möglichkeit, für das Alter vorzusorgen, etwa mit einer Pfründe: Klöster boten Pfründern Unterkunft mit Kost und Pflege. Als Gegenleistung erhielt das Kloster das Vermögen des Pfründers oder der Pfründerin. Bereits ab dem 14. Jahrhundert existierten auch städtische Angebote, wie das zwischen 1840 und 1848 erbaute Zürcher Pfrundhaus, die oftmals auch Bürgerasyle genannt wurden. Das Zürcher Pfrundhaus an der Leonhardstrasse 18 ist heute ein städtisches Altersheim.

Bildnachweis: Baugeschichtliches Archiv Zürich, Fotograf: Friedrich Ruef-Hirt, um 1910.

Die berufliche Vorsorge

Renten: erst nur für Soldaten und Beamte

Die ersten Berufsgruppen, die von einer staatlich geregelten Altersrente profitierten, waren Beamte, Offiziere und Soldaten. Nach französischem Vorbild erhielten diese ab Ende des 18. Jahrhunderts eine Pension.

Im Zuge der Industrialisierung begannen ab etwa 1860 auch private Unternehmen kollektive Renten- und Pensionskassen zu gründen, um ihre Arbeiterinnen und Arbeiter abzusichern – vor allem aber auch um sie an ihren Arbeitgeber zu binden. Eine erste eigene Pensionskasse erhielten 1888 die Beamten von Basel-Stadt.

Berufliche Vorsorge – noch lange nicht für alle

Betriebliche Pensionskassen, die nach dem noch heute gültigen Prinzip des gemeinsamen Einzahlens von Arbeitnehmern und Arbeitgebern funktionieren, verbreiteten sich in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Allerdings profitierten noch lange nicht alle Arbeitnehmer von den neuen Möglichkeiten. Sie waren den Angestellten im Monatslohn und manchmal auch nur langjährigen Mitarbeitenden vorbehalten. Die vielen Tagelöhner hingegen gingen leer aus. Bereits 1916 wurde das Sparen fürs Alter über die berufliche Vorsorge von der Steuerpflicht befreit.

Eine zweite Welle von neu gegründeten Pensionskassen erfolgte während des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch waren Ende der 1960er-Jahre erst zwei Drittel der Arbeitnehmer über die berufliche Vorsorge abgesichert. Bei den Arbeitnehmerinnen belief sich der Anteil lediglich auf ein Viertel.

Anteil der über 60-Jährigen im Zeitvergleich

Die Prozentzahlen zeigen, wie hoch der Anteil der über 60-Jährigen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung ist. Während im Mittelalter nur 3 Prozent der Menschen über 60 waren, sind es heute rund 20 Prozent.

Gebiet Zeit Anteil über 60-Jährige
Schweiz 750–1500 3%
Stadt Zürich 1637 6%
Stadt Bern 1764 10%
Schweiz 1860 8.5%
Schweiz 1900 9.2%
Schweiz 1941 12.9%
Schweiz 2000 20%

Höpfliger, François: Alter, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.3.2015. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002826/2015-03-25/

Der Weg zu einer gesetzlich geregelten Altersvorsorge

Gegen die Altersarmut

Bis sich die Schweiz zu einem gesetzlich verankerten Modell der Altersvorsorge durchringen konnte, dauerte es noch mehrere Jahrzehnte. Der Druck wuchs: Durch die steigende Lebenserwartung erhöhten sich die Kosten für die Fürsorge. Altersarmut war weit verbreitet.

Einzelne Kantone (Genf, Neuenburg und Waadt) schufen zwar schon Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts freiwillige Volksversicherungen. Für obligatorisch wurden sie aber erst etwas später in den Kantonen Glarus, Appenzell Ausserrhoden und Basel-Stadt erklärt.

Der Zweite Weltkrieg als Katalysator für eine bundesweite Lösung: die AHV

Für eine bundesweite gesetzliche Grundlage wurde 1925 verfassungsmässig der Weg für die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) geebnet. Doch das föderalistische System verhinderte vorerst eine Einigung. Mit dem Zweiten Weltkrieg und der ökonomischen Not der Soldaten und ihrer Familien beschloss der Bundesrat die Zahlung eines Erwerbsersatzes an die Wehrmänner. Finanziert wurde er mit 2 Lohnprozenten der Arbeitnehmenden. Dieses System wurde schliesslich in die AHV umgewandelt. Sie trat 1948 in Kraft.

AHV im Wandel

Insgesamt zehn AHV-Revisionen prägten seit 1948 die Geschichte dieses Gesetzes. Nach der zehnten AHV-Revision 1997 scheiterten weitere Reformen vor dem Volk oder bereits im Parlament. Zuletzt wurde das Projekt «Altersvorsorge 2020» abgelehnt, das die 1. und die 2. Säule gleichzeitig und umfassend reformiert hätte. Derzeit befindet sich mit der Reform «AHV 21» ein weiteres Projekt auf dem Weg, von den Stimmberechtigten beurteilt zu werden.

Das Drei-Säulen-System der Schweizer Altersvorsorge

Im Rahmen der 6. AHV-Revision formulierte der Bundesrat 1964 das Drei-Säulen-Prinzip, 1972 wurde dafür die gesetzliche Grundlage geschaffen. Die 1. Säule bildet die obligatorische AHV, die 2. Säule die obligatorische berufliche Vorsorge (Pensionskasse) und die 3. Säule das freiwillige steuerbegünstigte Sparen. Es sollte jedoch noch über 20 Jahre dauern, bis 1985 das Gesetz der beruflichen Vorsorge (BVG) in Kraft trat und die Schweiz ihr Drei-Säulen-System hatte.

Ein Blick in die Zukunft: Die Geschichte der Altersvorsorge wird weitergeschrieben

Die dritte Lebensphase verlängert sich weiter

Während der Lebensabschnitt der Pensionierung bei der Ausarbeitung des Drei-Säulen-Konzepts in den 1960er-Jahren nur einige Jahre betrug, zieht sich diese dritte Lebensphase heute immer mehr in die Länge. Die Gründe dafür sind eine bessere Ernährung und Prävention sowie der medizinische Fortschritt. Das Resultat: eine bessere Gesundheit und ein längeres Leben. Eine Studie der Credit Suisse zeigt: Die heute 70-Jährigen fühlen sich gleich fit wie zehn Jahre früher die 66-Jährigen. Bei den etwas Jüngeren ist der Unterschied noch grösser, wie die untenstehende Infografik belegt. Dies deckt sich mit den Erhebungen aus anderen EU-Ländern: Ältere Menschen fühlen sich heute jünger als ihre Vorfahren.

65 ist das neue 51

Das chronologische Alter von 65 entspricht in der Schweiz heute dem biologischen Alter von 51.

Quelle: Vereinte Nationen (UNO) / Credit Suisse

Demografie als Herausforderung

Zur stetig wachsenden Lebenserwartung kommen weitere demografische Veränderungen: Gerade beginnt die Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation, die noch etwa zwei Jahrzehnte andauern wird, ohne dass eine annähernd gleich grosse junge Generation nachrückt.

Die Folge: Selbst wenn die kommenden Reformen tiefgreifende Änderungen mit sich bringen, ist es wahrscheinlich, dass die Renten im Vergleich zu heute weiter sinken. Nur wer während der Erwerbsphase viel sparen konnte oder bereit ist, nach der Pensionierung mit weniger auszukommen, wird weiter auf einen finanziell sorgenfreien Ruhestand hoffen können.

Bewegen wir uns wieder zurück zu einem Leben in zwei Phasen?

Weltweite Tendenz zu längerem Arbeiten

In vielen entwickelten Staaten führt die Tendenz heute wieder in Richtung längeres Arbeiten. Allerdings gibt es grosse Unterschiede. Länder wie die USA, Grossbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada haben ein obligatorisches fixes Rentenalter abgeschafft, um das längere Arbeiten zu fördern. In den Niederlanden und Dänemark wurde das Pensionsalter an die Lebenserwartung gekoppelt, was allerdings sehr umstritten ist.

Faktoren, die ein längeres Arbeiten fördern

Auch in der Schweiz ist die Verlängerung des Arbeitslebens eine der vielversprechendsten Optionen, um die Altersvorsorge in die nötige Balance zurückzubringen. Ob jemand weiterarbeiten will, kann oder muss, hängt indes von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Neben persönlichen Motiven spielen ökonomische und soziale Gründe eine Rolle. Nicht unwesentlich sind finanzielle Anreize; etwa bei einer späteren Pensionierung eine Belohnung in Form einer erhöhten Rente. Wie realistisch eine Verlängerung des Arbeitslebens jedoch ist, hängt stark von der Integration und Wertschätzung der älteren Generation im Arbeitsmarkt ab. Idealerweise finden in einem Altersvorsorge-System der Zukunft ältere, gesunde Arbeitswillige eine Arbeitsstelle, während weniger gesunde sich früher pensionieren lassen können.

Quellen

Carnazzi Weber, Sara, Emilie Gachet, Jan Schüpbach et al.: Rethinking Retirement, Davos Edition 2020, Hrsg. Credit Suisse Research Institute, 2020. https://www.credit-suisse.com/media/assets/corporate/docs/about-us/research/publications/rethinking-retirement-wef-en.pdf
Degen, Bernard: Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), Kap. 1: Vorgeschichte, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 13.4.2007. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016611/2007-04-13/
Dubler, Anne-Marie: Altersvorsorge, Kap. 1: Mittelalter bis 1798, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.8.2012. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025624/2012-08-20/
Höpfliger, François: Altersvorsorge, Kap. 2: 1798 bis heute, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.8.2012. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025624/2012-08-20/
Ebd.: Alter, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.3.2015. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002826/2015-03-25/
Ebd.: Pensionierung, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.9.2010. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027287/2010-09-27/
Alfred Perrenoud: Mortalität, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.01.2010. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007976/2010-01-26/

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