Vorsorgeplanung: Interview mit Désirée von Michaelis
Artikel

Reformen im Schweizer Vorsorgesystem sind überfällig.

Das Schweizer Vorsorgesystem ist reformbedürftig und steht vor grossen Veränderungen. Was müssen Arbeitnehmende, die optimal fürs Alter vorsorgen möchten, jetzt wissen? Désirée von Michaelis, Leiterin Wealth Planning der Credit Suisse, spricht im Interview über den Stand der Vorsorge in der Schweiz und gibt Tipps für die persönliche Vorsorgeplanung.

Frau von Michaelis, wie ist es um das Vorsorgesystem in der Schweiz bestellt?

Grundsätzlich ist es – insbesondere im internationalen Vergleich – gut aufgestellt. Doch die demografische Entwicklung und die lange Tiefzinsphase fordern das System heraus. Dazu kommt, dass sämtliche Reformansätze in den vergangenen 20 Jahren an der Urne scheiterten – wir kommen bei der Weiterentwicklung des Systems also nicht wirklich voran.

Reformen in der 1. und 2. Säule sind also dringend?

Das stimmt, dringend und überfällig. In der 1. Säule sind die Auszahlungen bereits jetzt Jahr für Jahr grösser als die einbezahlten Beiträge. Wenn wir diese finanzielle Schieflage nicht in den Griff bekommen, müssen irgendwann die Steuerzahler dafür aufkommen.

Auch in der 2. Säule herrscht Reformbedarf, da die Menschen immer älter werden und länger ihre Rente beziehen. Bei den heutigen Umwandlungssätzen reichen die einbezahlten Beiträge nicht mehr aus, um die Renten zu decken. Das gilt vor allem für den obligatorischen Bereich der Pensionskassenvorsorge, wo der Umwandlungssatz gesetzlich auf 6,8 Prozent festgelegt ist. Dort findet eine Umverteilung von den aktiven Arbeitnehmenden zu den Rentnern statt.

Was sind denn die konkreten Lösungsansätze für die beiden Säulen?

In der AHV dreht sich die Diskussion der Reform AHV 21 zum einen um die Erhöhung des AHV-Alters der Frauen und um die Frage, wie die Übergangsjahrgänge dafür kompensiert werden können. Ebenfalls diskutiert wird, wie Anreize für das Arbeiten über das gesetzliche Rentenalter hinaus geschaffen und der Bezug der AHV flexibilisiert werden kann. Als dritter Punkt ist eine Zusatzfinanzierung über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ein Thema.

Und in der 2. Säule?

Hier ist die Senkung des Umwandlungssatzes ein zentrales Thema. Das bedeutet schlussendlich, dass wer eine Rente bezieht, in der Zukunft weniger Geld aus dem angesparten Alterskapital erhält. Darüber hinaus werden auch die Absenkung des Koordinationsabzugs und eine Anpassung der Altersgutschriften diskutiert.

Ein tieferer Koordinationsabzug wäre vor allem für Personen mit niedrigem Gehalt und Teilzeitpensum wichtig, die oft nur wenig oder gar nicht in die 2. Säule einzahlen können – ein Thema, das für viele Frauen relevant ist. Die Angleichung der Altersgutschriften würde dafür sorgen, dass die Lohnkosten für ältere Arbeitskräfte ab 55 Jahren sinken und sie somit für die Arbeitgeber attraktiv bleiben.

Das heisst aber, dass Arbeitnehmende mit einem Leistungsabbau in der Altersvorsorge rechnen müssen.

Ja, vor allem in der Pensionskasse. Auch ohne die Reformen haben Personen, die in den nächsten Jahrzehnten in die Rente gehen, die Aussicht auf um 25 bis 30 Prozent tiefere Renten als Personen, die 2010 pensioniert wurden. Umso wichtiger ist die private Vorsorge.

Wie können Versicherte ihre private Vorsorge optimieren?

Es gibt verschiedene Stellschrauben, wie aktuelle Studien aufzeigen. In der 2. Säule kann man die Altersrente über höhere Sparbeiträge verbessern, sofern der Arbeitgeber das ermöglicht. Oder indem man eine bestehende Vorsorgelücke mit einem Einkauf in die eigene Pensionskasse schliesst. Arbeitnehmenden mit hohen Einkommen stehen ausserdem bei einigen Arbeitgebern 1e-Pläne zu Verfügung. Diese haben zwei Vorteile: Einerseits kann man die Anlagestrategie und die gewünschte Verzinsung selber bestimmen. Andererseits findet hier keine Umverteilung statt.

Und in der 3. Säule?

In erster Linie über höhere Beiträge in die Säule 3a. Grundsätzlich ist es sinnvoll, jedes Jahr den Maximalbetrag einzuzahlen, wenn man es sich leisten kann. Was wir aber sehen, ist, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen überhaupt in die Säule 3a einzahlen. Anders als bei der Pensionskasse kann man diese Lücken in späteren Jahren nicht wieder auffüllen.

Allerdings gibt es derzeit Bestrebungen im Parlament, um die Möglichkeit für Nachzahlungen in die Säule 3a zu öffnen. Davon profitieren könnten insbesondere junge Erwerbstätige und Personen, die eine Erwerbspause einlegen. Zudem wird eine parlamentarische Initiative diskutiert, um die jährlichen Maximalbeiträge in der Säule 3a zu erhöhen. Das würde die Attraktivität der dritten Säule weiter steigern.

Der zweite Punkt ist das Investieren des Säule-3a-Vermögens. Vor allem junge Menschen sind hier tendenziell noch zu zurückhaltend. Doch gerade durch den langen Anlagehorizont können sie bis zu ihrer Pensionierung stark von steigenden Märkten profitieren.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit der Planung der eigenen Vorsorge zu beginnen?

Man sollte sich so früh wie möglich mit dem Thema befassen. Im besten Fall, sobald man Geld verdient. Anschliessend ist es sinnvoll, die Planung alle fünf Jahre und bei grossen Veränderungen im Leben zu überdenken. Und beispielsweise nach einem Karriereschritt oder der Familiengründung die Prioritäten anders zu setzen. Wichtig ist auch, dass man die eigenen Bedürfnisse nach der Pensionierung nicht aus den Augen verliert. Will man sich einen luxuriöseren Lebensstil im Alter oder eine Frühpensionierung leisten, muss man frühzeitig die finanziellen Weichen dafür stellen.

Und wann sollte man sich konkret mit der Pensionierung befassen?

Spätestens mit 50 Jahren sollte man einige wichtige Fragen für sich beantworten. Wie lange will ich noch arbeiten? Mit wie viel Kapital oder welcher Rentenhöhe kann ich rechnen? Und wie viel Geld benötige ich für meinen gewünschten Lebensstil nach der Pensionierung?

Fünf Jahre vor dem effektiven Pensionierungszeitpunkt sollte man schliesslich in die konkrete Planung gehen. Hier geht es um Fragen zu Teilpensionierungsschritten oder einem gestaffelten Bezug des Vorsorgevermögens. Diese sollte man anschliessend bis zum Renteneintritt jährlich überprüfen.

Haben Sie Fragen dazu, wie Sie bei der Planung Ihrer Altersvorsorge optimal vorgehen?

Beratung vereinbaren This link target opens in a new window
Wir helfen Ihnen gerne weiter. Rufen Sie uns unter der Telefonnummer 0844 200 111 an.